Moment mal: Leben lassen Polen möchte Abtreibungen verbieten
Foto: Zach Guinta (CC0 1.0)

Das polnische Parlament macht sich auf den Weg, Abtreibungen komplett zu verbieten. Eine große Mehrheit nahm einen ersten Vorschlag an, der für Schwangerschaftsabbrüche fünf Jahre Gefängnis vorsieht. Einzige Ausnahme: Lebensgefahr für die schwangere Frau. Keine Gnade für Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung wurden.

Die katholische Kirche – mächtiger denn je in Polen – und die konservativistische PIS-Regierung warben im Vorfeld für die Verschärfung des Gesetzes. Ist man guten Willens, könnte man auch bei ihnen guten Willen erkennen: Kommunen werden angewiesen, Mütter von Kindern mit Behinderungen zu unterstützen. Unterstützungsangebote sollen es also überflüssig machen, eine Schwangerschaft abzubrechen. Nüchterner betrachtet zeigt sich, was mit der Hecke geschieht, wenn der Bock zum Gärtner wurde.

Um die Folgen solch simpler wie strikter Gesetze abschätzen zu können muss man das ganze noch nicht mal zu Ende denken. Es reicht ein Blick in Länder, deren Verbote ähnlich radikal sind. Dies ist zum Beispiel in Peru der Fall, und es ist sicher nur ein Zufall, dass auch dort die katholische Kirche eine mächtige Institution ist. Dort sind Schwangerschaftsabbrüche nur zulässig, wenn das Leben der Schwangeren ernsthaft bedroht ist. Aber alle wissen, was in Hinterhöfen passiert, die „Schwangerschaftskontrolle“ anbieten.

Dort bieten zwielichtige Gestalten einen Service  an, der das Anwachsen des Bauchumfangs verhindert. Ganz im Gegenteil zur eigenen Geldbörse, deren Umfang mit jeder verzweifelten Frau zunimmt. Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive besetzen diese „Doktoren“ eine Marktlücke. Menschlich gesehen nutzen sie die Not von Frauen aus, die genau wissen, dass sie nicht noch ein Kind ernähren können, und bringen sie mit unhygienischen, gefährlichen Eingriffen in Lebensgefahr – oder direkt ins Jenseits.

Ein solches Gesetz trifft nie die Frau des Parlamentariers, der dafür stimmte. Auch nicht die Mätresse eines Kirchenfunktionärs, der dafür warb. Beide können sich sowohl das Großziehen eines Kindes sowie die Reise in eine ausländische Privatklinik leisten. Es trifft Frauen in Not. Auch diese wünschten sich vermutlich lieber, in einem Reihenhaus die fünfköpfige Familie zu versorgen, weil der Gatte genügend verdient; aber in der Realität reichen oft zwei Jobs nicht, um alleinerziehend einem Kind ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen.

Gerade darum halte ich die vereinfachten Antworten der radikalen Abtreibungsgegner kaum noch aus. Wie gut kann sich jemand, der mit dem Familienvan zum „Marsch fürs Leben“ fährt und sich vom württembergischen Landesbischof July grüßen lässt in das Schicksal einer vergewaltigten Frau einfühlen? Hat mein Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July Kontakt mit Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder in der nächsten Woche ernähren sollen?

Zurück nach Peru. Dort arbeitete ich sechs Monate in einer NGO, die verarmte Frauen sozialarbeiterisch betreut. In Hütten hausende, von Männern geschlagene, beim Gedanken an ihre Kinder weinende Frauen traf ich. Eine wäre fast gestorben, weil sie aus Scham nicht ins Krankenhaus ging. In ihrem Körper lag über ein Jahr der tote Fötus, den der Hinterhof-Pfuscher im Gegensatz zu ihrem Ersparten nicht entnommen hat.

Solange es Männer gibt, die Frauen vergewaltigen, solange es Armut gibt, die das gesunde Aufziehen eines Kindes unmöglich macht; solange werden Frauen versuchen, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Dies lässt sich nicht durch Gesetze verhindern, auch nicht mit Märschen durch Berlin. Wer tatsächlich für das Leben eintreten möchte, muss für eine gerechtere Gesellschaft eintreten, in der alle genug zum Leben haben und in der Kinder mit Behinderungen ganz selbstverständlich dazu gehören. Aber das ist natürlich komplexer als die blindwütige Kriminalisierung von Frauen durch dumpfe Gesetze.


Über das Gesetzesvorhaben in Polen: Spiegel Online

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2 Kommentare anzeigen

  1. Maciek

    Das neue Gesetz in Polen ist ohne Zweifel schrecklich – ein Produkt des empathielosen Fanatismus. Aber das Argument: „wenn es verboten wird, machen es Leute trotzdem“ finde ich nicht überzeugend – so ist es etwa mit allem, was verboten ist. Im Fall von  Vergewaltigung oder medizinischer Komplikationen gibt es ganz andere Gründe, warum es legal sein muss.

    Was den „Marsch für das Leben“ in Berlin angeht – dort geht es überhaupt nicht darum, solche extremen Gesetze zu befürworten – der Fokus liegt ganz woanders (was in den Programmdokumenten klar zu erkennen ist!) und ich finde es unfair, ihn in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Die Sache ist eben bisschen komplizierter als nur „dafür vs. dagegen“.

    Was Frauen betrifft, die von Armut und Hausgewalt betroffen sind – es ist wohl nicht ernst, dass die Abtreibung die Lösung ihrer Probleme sein soll. In solchen Fällen wird echte Unterstützung gebraucht – finanzielle, psychologische, juristische usw. – und komischerweise sind pro-life-Organisationen oft die einzigen, die es anbieten, während andere im Sinne des „Respekts vor Privatsphäre“ Tabuisierung und Wegschauen bevorzugen. Die andere Seite bietet eben auch viel zu oft nur einfache Antworten.

  2. Mich wurmt das auch schon lange: Auf der einen Seite sogenannte Lebensschützer, die sich einsetzen für den Menschen, so lange er im Mutterleib ist und auf der anderen Seite diejenigen, die sich eher um die Frauen sorgen und Ungeborene unter Umständen gar nicht als Menschen ansehen.

    Wieso kann man nicht danach streben, den werdenden Müttern eine Perspektive mit Kind zu geben – auf welche Weise auch immer. Wenn bei möglicher (ich sag nicht legaler, denn legal ist die Abtreibung auch in Deutschland nicht) Abtreibung die Frauen sich trotzdem für das Kind entscheiden, dann ist pro life am Ziel, nicht wenn die Kinder irgendwie geboren werden und dann ihrem Schicksal überlassen sind, ob Perspektive oder nicht.

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