Das Stück über die Unerwähnten Der „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard
Der Heldenplatz in Wien, Foto: Andrew Bossi (CC BY-SA 2.5)

Zum Vorverständnis

Was ist typisch Deutsch? – Hitler!
Was ist typisch Österreichisch? – Beethoven!

Der österreichische Kabarettist, Schauspieler, Drehbuchautor und (baldige) Regisseur Josef Hader spielt mit Klischees solcher Art. Hitler habe ausschließlich etwas mit Deutschland zu tun, Österreich sei stets auf der künstlerischen Ebene der Musik zu finden gewesen. Aber welcher denkende Mensch kann so etwas ernsthaft glauben?

Satire und Realität sind oft näher beieinander als man vermuten mag, denn in der österreichischen Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 stellte sich Österreich als erstes Opfer Hitlers dar. Die Österreicher seien unschuldig, weil …

… die nationalsozialistische Reichsregierung Adolf Hitlers kraft dieser völligen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Annexion des Landes das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den kein Österreicher jemals gewollt hat[.]

Die Unabhängigkeitserklärung wurde im befreiten Wien verfasst, von Kommunisten, Christlichsozialen und Sozialisten, da die Sowjets rasch klare Verhältnisse schaffen wollten. Durch diplomatisches Geschick ist diese „Unschuldserklärung“ in der Welt publik gemacht worden und sie führte schlussendlich zum Staatsvertrag Österreichs 1955, auf welchen sich alle Besatzungsmächte einigen konnten. Die Österreicher also wussten von nichts und sie ahnten von nichts. Goebbels Definition von Wahrheit und Lüge ist in der Alpenrepublik zur schaurigen Wirklichkeit der Nachkriegszeit geworden:

Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben.

Diese kollektive Verdrängung und Selbsttäuschung provozierte die Annahme, Österreich wäre das erste Opfer des Hitler-Regimes 1938 durch den „Anschluss an das deutsche Reich“ geworden – im Fachjargon Opferthese genannt. Und mit dieser Anmaßung brauchte Österreich keine Reparationszahlungen an jüdische Familien leisten, brauchte Vermögen nicht zurückzuerstatten, brauchte Fabriken oder Immobilien den Überlebenden nicht zurückzugeben.

Doch Jahrzehnte später gab es in Österreich einen denkwürdigen Präsidentschaftswahlkampf. 1986 kandidierte der ehemalige UN-Generalsekretär (1972–1981) Kurt Waldheim für das Amt des Bundespräsidenten und erstmals wurden bei einer Person der Öffentlichkeit in Österreich die Jahre zwischen 1939 und 1945 kritisch beleuchtet.

Sein berühmtes Zitat: „Ich habe im Krieg nichts anderes getan als meine Pflicht erfüllt“, zog bei der damaligen Generation der 80er nicht mehr. Es kam zu Protesten und zu einer Spaltung der Gesellschaft. Waldheim gewann zwar die Wahl und wurde Bundespräsident, durfte später aber als „mutmaßlicher Kriegsverbrecher“ ab 1987 nicht mehr in die USA einreisen. Ab diesem Zeitpunkt war der „Opfermythos“ gestorben und die „Waldheim-Affäre“ geboren.

Ein weiterer „Nestbeschmutzer“

1988 feierte das Burgtheater seinen 100. Jahrestag und dessen damaliger Direktor Claus Peymann gab im Rahmen dieser Feierlichkeiten ein Stück bei Thomas Bernhard in Auftrag. Thomas Bernhard schrieb zu diesem Anlass Heldenplatz – und ein weiterer Skandal ward geboren. Bernhard sei ein „Nestbeschmutzer“, er würde dem internationalen Ruf des Landes bloß schaden wollen, die Bühne wäre durch ihn zum Politikum degradiert worden.

Bernhards Stück wurde in einer Zeit verfasst, als der internationale Ruf des Landes ohnehin schon miserabel war, denn der junge rechtsnationale Politiker Jörg Haider provozierte die Öffentlichkeit immer wieder mit einschlägigen Parolen und der Bundespräsident durfte wegen möglicher begangener Kriegsverbrechen nicht in die USA reisen.

Die Gesellschaft war in zwei Lager gespalten, in das Lager der Befürworter einer öffentlichen und ehrlichen Aufarbeitung der österreichischen NS-Vergangenheit und in das Lager der Beschwichtiger, welche sich besonders gegen die Publikmachung von Vergangenheiten wehren und die Elterngeneration in Schutz nehmen wollten. Und Heldenplatz provozierte beide Lager derart, dass niemand mehr die eigene Meinung verschweigen konnte. Einerseits gab es für das Stück Applaus, andererseits hielt man es …

… für eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes.

Bei der Premiere des Werkes waren beide Fraktionen anwesend, und wie eine solche Konfrontation endet, zeigt sich im folgenden Video:

Die Wohnung

Das Stück handelt von Professor Josef Schuster. Er flüchtete vor dem Einmarsch Hitlers in Österreich nach Oxford. Niemand trauerte ihm nach, denn für sein Vermögen oder seine Professorenstelle fanden sich rasch „arische“ Neureiche. Professor Schuster hielt es in Oxford nach ein paar Jahren aber nicht mehr aus, er sehnte sich nach seiner alten Heimat Wien zurück.

Schließlich ergab sich lange nach dem Krieg die Gelegenheit und der Wiener Bürgermeister bat ihn, in die alte Heimatstadt zurückzukehren. Schuster nahm das Angebot an, bekam eine Stelle an der Universität und suchte sich justament eine Wohnung in der Nähe des Heldenplatzes.

Der Heldenplatz – der Platz des Militärs seit der Monarchie; zwischen Burgtheater, Volksgarten und Wiener Hofburg gelegen – erlangte am 15. März 1938 traurige Berühmtheit. Ein gewisser Reichskanzler Adolf Hitler wurde jubelnd, gar tosend, von einer aufgeheizten und freudigen Menschenmasse empfangen:

Und nach dem Krieg? Niemand konnte sich mehr erinnern. Niemand glaubte, damals am besagten Tag den Heldenplatz betreten zu haben, niemand hätte Hitler zugejubelt. Bernhard beschreibt eine vergessliche Generation wie folgt:

[A]ber die Österreicher insgesamt als Masse
sind heute ein brutales und dummes Volk
In dieser Stadt müßte ein Sehender ja
tagtäglich rund um die Uhr Amok laufen
[…]
aber was  d i e s e  Leute aus Österreich gemacht haben
ist unbeschreiblich
eine geist- und kulturlose Kloake
die in ganz Europa ihren penetranten Gestank verbreitet

Der Hass

Wo ist eigentlich das Vermögen der Juden nach 1939 geblieben? Wohin ist die nette Nachbarsfamilie aus dem Wiener Gemeindebau plötzlich hinverschwunden? Stand auf dem Autoparkplatz einmal eine Synagoge? Gehörte die Fabrik/das Anwesen/die Wohnung (etc.) einst nicht einer jüdischen Familie?

Jahrzehntelang wollte man sich darüber keine Gedanken machen. Erst 1991 entschuldigte sich ein österreichischer Bundeskanzler im Nationalrat und bekannte die Mitschuld österreichischer Bürgerinnen und Bürger an den Gräueltaten des Nationalsozialismus. Vermutlich war das einer der Gründe, weshalb Bernhard sein Stück ohne Punkt und Komma verfasste.

Sein Werk war der Beginn eines erneuten Aufweckens aus dem Reich der Beschwichtigung und nicht der (Schluss-)Punkt einer Angelegenheit, welche getrost ad acta gelegt werden konnte. Und die Personen im Stück sind sich dieser österreichischen Schuld bewusst, sie wird angesprochen, sie wird der Leserschaft geradezu ins Gesicht „gewatscht“ (um die Ohren gehauen):

der Judenhaß ist die reinste die absolut unverfälschte Natur
des Österreichers
Vor achtunddreißig hatten sich die Wiener
an die Juden gewöhnt gehabt
aber jetzt nach dem Krieg gewöhnen sie sich nicht mehr an die Juden
[…]
Am liebsten würden sie
wenn sie ehrlich sind
uns auch heute genauso wie vor fünfzig Jahren
vergasen

Auch das Burgtheater, die Sozialisten, die Industrie, die Kirche, der Journalismus, die Katholiken, die Nazis, die Blumen, die Katzen und so weiter – fast jeder bekommt sein Fett ab. Die Leserschaft wird in einen Sog der Frustration gestoßen, man schlittert in einen Strudel der aussichtslosen Trostlosigkeit.

Selbstmord

Gleich zu Beginn des Buches wird erzählt, dass Professor Josef Schuster – nachdem er ein paar Jahre in Wien gelebt hat – Selbstmord beging. Er hielt es in Wien nicht mehr aus, Wien war für ihn wieder die Nazistadt geworden, aus der er einst um 1938 geflüchtet war. Dies wird in der ersten Szene, die in der Wohnung des Verstorbenen spielt, vom Hausmädchen und der Wirtschafterin des Dahingeschiedenen erzählt.

Wer in Professor Schuster aber einen Heiligen vermutet, wird desillusioniert, denn dieser war ein fürchterlicher Pedant seinen Angestellten gegenüber. Ebenso zwang er seine Frau Hedwig – die damals nicht nach Wien wollte – mit ihm von Oxford nach Wien zurückzugehen. Für seine Frau Hedwig (genannt Frau Professor) war die Nähe der Wohnung zum Heldenplatz auf Dauer unerträglich geworden, da sie der Ort ständig an die Jubelschreie von 1938 erinnerte. Sie hörte die Jubelschreie in ihrem Kopf, sodass sie nach einiger Zeit aus Wien nach Neuhaus übersiedelte.

Die zweite Szene spielt im Volksgarten, also ganz in der Nähe vom Heldenplatz. Ab diesem Zeitpunkt spielt der Bruder des Verstorbenen, Professor Robert Schuster, die Hauptrolle und mit ihm beginnen die zahlreichen Schimpfmonologe über allmögliche Belange (siehe oben) erst so richtig.

Fazit

Bernhard eröffnet zahlreiche Perspektiven, er verleiht den einzelnen Personen in seinem Stück etwa unterschiedliche Sichtweisen auf die Geschichte des Verstorbenen.

Beispielsweise hielt der Bruder des Professors England für einen faschistischen Staat und erkannte die Heimkehr als einzige Option für seinen Bruder an, während die Wirtschafterin den eigentlichen Grund des Selbstmordes in der Abreise aus England und in der Rückkehr nach Wien sah. Ebenso geht Bernhard auf die Tragödie der Vertriebenen oder Geflüchteten ein, die im Ausland keine „innere Heimat“ finden konnten. Ein Schicksal, das besonders an Stefan Zweig erinnert, der sich vermutlich aus dem Gefühl der Heimatlosigkeit in Südamerika das Leben nahm.

Empfehlenswert ist dieses Stück für eine Leserschaft, die sich für das Wiener Lokalkolorit interessiert, die sich aber insbesondere für einen wichtigen Teil der Österreichischen Vergangenheitsbewältigung begeistern lässt. Kaum ein anderes literarisches Werk hat die Alpenrepublik derart erschüttert und wachgerüttelt, wie jenes von Thomas Bernhard.

Schonungslos und schimpfend äußern sich die Figuren über alle möglichen österreichischen Idylle und erkennen darin stets das Momentum eines Untergangs, wie etwa den Untergang der Musikalität oder den Untergang der Kunst. Das Stück ist aber auf jeden Fall eine Watschn (Ohrfeige) für jene Generation, die – ähnlich wie Waldheim – davon sprach, in der besagten Zeit „nur ihre Pflicht getan“ zu haben:

damals war das ganz anders
außer Befehle hat es nichts gegeben
und die Befehle sind alle ausgeführt worden

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