Der österreichische Islam und die türkischen Vereine Eine kritische Betrachtung
Foto: Nick Leonard (CC BY-NC-SA 2.0)

In Österreich hat es […] in den vergangenen Jahren Fortschritte in der Integrationspolitik gegeben, aber gegen […] politische Manipulation und Hetze helfen Integrationsmaßnahmen offenbar kaum bis nicht.

Rainer Nowak, der Chefredakteur der österreichischen Tageszeitung Die Presse, stellte bereits am 25. Juli 2014 fest, dass türkische Vereine in Wien zum Teil für ein verheerendes Bild des Islams in der allgemeinen Öffentlichkeit sorgen. Ähnlich wie in der BRD gibt es auch in Österreich türkische Vereine teils problematischer Natur. Bei der Recherche haben mich einige Erkenntnisse selbst überrascht, denn der Einfluss dieser Organisationen ist – zumindest in Wien – relativ stark.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Türkische Verbände in Wien

Grob lassen sich zwei Verbände ausmachen, denen die AKP (Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) als gemeinsames intellektuelles Fundament dient: UETD und ATIB. Die UETD (Union Europäisch-Türkischer Demokraten) ist eine weltliche Organisation zur Förderung der politischen Partizipation, vor allem der türkischen Elite in Europa. Sie organisierte unter anderem die medienwirksamen Auftritte des Türkischen Präsidenten in Österreich und wurde dadurch bekannt. Die „geistliche Ebene“ wird durch den Verein Atib (Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa) abgedeckt, er untersteht dem staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) der Türkei (vgl. u.a. Die Presse vom 22. Juni 2013) und ist unter anderem für die Finanzierung islamischer Einrichtungen (Moscheen, Kindergärten etc.) in Österreich verantwortlich.

Besonders interessant ist der Verein Atib. Im Wesentlichen wird bei jeder Talkshow zum Thema á la „Islam und Europa“ aus diesem Verein ein Vertreter eingeladen. Aber auch bei neuerlichen Protesten in der Wiener Innenstadt gegen den versuchten Militärputsch in der Türkei war Atib maßgeblich beteiligt. Wie dies gelang? Durch die finanzielle und infrastrukturelle Abhängigkeit zahlreicher Wiener Moscheen vom Verein ist es für zahlreiche Moscheen vorauseilender Gehorsam, türkische Politik nach Österreich zu tragen. Die Tageszeitung Kurier berichtete am 13. August ausführlich über Atib und Freitagspredigten nach dem Erdogan-Putschversuch. Folgendes Zitat der Predigt ließ der Kurier übersetzen:

Der Abend des 15. Juli war eine der schwierigsten, längsten und düstersten Nächte unserer Geschichte, die wir, auch wenn wir weit von unserem Heimatland entfernt waren, alle gemeinsam erlebt und gespürt haben. […] Unser Heimatland, nach dem wir uns hier in Wien so sehr sehnen, war von Anbeginn an ein islamisches Land. Unsere Flagge hat ihre Farbe durch das Blut der Märtyrer erhalten.

Im Zeitungsartikel wird weiters noch erläutert, dass Atib direkt mit der Diyanet in Kontakt steht und kein Organ selbstständig agiere. Bei den Pro-Erdogan-Protesten in Wien – es gab in der Vergangenheit derer viele – wurde am 16. Juli ein kurdisches Lokal demoliert. Nach der kurdischen Protestkundgebung am 20. August berief die türkische Regierung ihren Botschafter zurück nach Ankara – ein internationaler Affront und ein weiterer Höhepunkt des Konfliktes zwischen Wien und Ankara.

Das Bild, welches die Bevölkerung durch Äußerungen wie die des Imams oder durch überbordenden Nationalismus vom Islam gewinnt, ist verheerend! Das österreichische „Revolver-Blatt“ Kronen Zeitung veröffentlicht inflationär Beiträge á la: „Der Islam wird Europas Gesellschaft aufsprengen„. Muslime werden zunehmend mit Türken gleichgesetzt, der Islam beinahe als Erfindung der türkischen Regierung wahrgenommen.

Wiener Kindergärten

Ein unlängst eskalierter Streit zwischen Integrations- und Außenminister Sebastian Kurz (Volkspartei) und der Wiener Stadträtin Sonja Wehsely (Sozialdemokratie) offenbart die Schwierigkeiten im Umgang mit islamischen Kindergärten. Bereits 2009 hat die Initiative Liberaler Muslime darauf aufmerksam gemacht, dass die „schlechte Integrationsarbeit islamischer Vereine […] für die Angst vor dem Islam verantwortlich“ ist. Es handelt sich dabei um ein Dokument, welches vor der Bucherscheinung Deutschland schafft sich ab (2010) und dem damit einhergehenden Sturm der Entrüstung publiziert wurde. Das Problem in Wiens Kindergärten ist also schon länger bekannt, und auch „im Volksmund“ galten islamische Kindergärten als zumindest prüfenswert.

2012 erschien ein Artikel in der Presse über islamische Kindergärten und wie unproblematisch diese nicht seien. Das „islamische Religionsbekenntnis ist für die Aufnahme“ in den Kindergarten „keine Voraussetzung“, steht da zu lesen. Hier entpuppt sich eine Schwäche des Österreichischen Journalismus: es wird nicht tiefer in die Materie eingetaucht. Gerade das eher bürgerliche Blatt Die Presse erwähnt nicht, dass es keinerlei Studien zu islamischen Kindergärten gibt. Es wird lediglich mit Meinungen gespielt und erwähnt, dass es sich um „private konfessionelle Einrichtungen“ handelt, wie sie eben auch von Kirchen betrieben werden.

Lange Zeit war dann wieder nichts von islamischen Kindergärten zu hören, bis im Dezember 2015 der Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz eine Vorstudie veröffentlichte. Professor Ednan Aslan vom Institut für Islamische Studien an der Universität Wien war von Kurz für eine Studie über islamische Kindergärten und -gruppen in Wien beauftragt worden. Das Medienecho war gewaltig. Statt sich mit der Studie genauer zu befassen, zu erwähnen, dass es sich dabei um die erste Studie in diesen Belangen handelt, rückte Wiens Stadträtin zum medialen Gegenschlag aus: Kurz würde sich lediglich persönlich Profilieren wollen. Wie das in etwa aussieht zeigt folgendes Video:

Selbstverständlich kann man Kurz für die Veröffentlichung einer VOR-Studie, die ein paar inhaltliche Schwächen aufwies, kritisieren und es wäre nicht Kurz gewesen, wenn es sich dabei nicht auch um ein Stück Profilierung gehandelt hätte. Gleiches gilt übrigens auch für die Stadträtin. Im Februar präsentierte Ednan Aslan dann den vollständigen Bericht seiner Studie, unter Mitwirkung des evangelisch-theologischen Privatdozenten Thomas Weiß – „meine“ Fakultät kommt in der medialen Öffentlichkeit selten vor, daher sei das hier explizit erwähnt. Selbst die eher linksliberale Tageszeitung Der Standard zitierte relativ unkritisch: „Intellektuelle Salafisten und politische Islamisten sind die dominierenden Gruppen in der islamischen Kindergartenszene in Wien.“ Es war kein Wort mehr von diversen „Selbstprofilierungsaktionen“ zu lesen. Wie schädlich diese Publicity für islamische – gemeingesprochen religiöse – Sozialeinrichtungen ist, zeigt unter anderem der User Veringetorix mit folgenden Kommentar auf:

Für mich sollte es weder islamische noch katholische Kindergärten geben dürfen. Religiöser Fanatismus hat noch immer zu Konflikten und Kriegen geführt.

Eine der wesentlichsten Trägerorganisationen islamischer Kindergärten in Wien ist übrigens Atib, eng verworren mit Verbänden (z.B. Islamische Föderation bzw. Millî Görüş) mit einem Naheverhältnis zur Muslimbruderschaft (vgl. Bericht). Noch problematischer war aber der Umgang mit diesen Schwierigkeiten seitens der Politik. Die Probleme waren schon längst bekannt, seitens des Bürgermeisters (Sozialdemokratie) und der Stadträtin wurde aber stets beschwichtigt und das Problem heruntergespielt, später gar dem Außenminister ein Kampf gegen das „rote Wien“ vorgeworfen. Im August 2016 sieht die ganze Sache anders aus: Stadträtin Wehsely gab bekannt, dass aktuell mehrere Widerrufsverfahren gegenüber Betreibern von Kindergärten laufen würden. Besonderen Gefallen dürfte an diesem Politschauspiel H.C. Strache gefunden haben, flötengegangen ist dabei die sachliche und wichtige Debatte über islamische und konfessionelle Kindergärten!

Islamische Glaubens-Gemeinschaft in Österreich

Selbst die Islamische Glaubens-Gemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) wird von den Vereinen, wie etwa Atib, stark beeinflusst. Die IGGiÖ ist vergleichbar mit dem Zentralrat der Muslime in Deutschland, also das öffentliche Sprachrohr der Muslime in Österreich. Ihr ehemaliger Präsident, Fuat Sanac, gehört der Millî-Görüş-Bewegung (Nationale-Sicht-Bewegung) an, welche ideologisch stark mit Erdogans Ziehvater Necmettin Erbakan verbunden ist. Spektakulär war die vor Kurzem erfolgte Neuwahl des Präsidenten der IGGiÖ. 2016 wurde der 28-jährige türkischstämmige Theologe Ibrahim Olgun ins Amt gewählt. Nicht ganz ohne Protest der nichttürkischen Teilverbände:

Von den dreißig Kultusgemeinden in Österreich […] gelten zwei Drittel, also etwa zwanzig, als türkisch – und sechs davon werden Atib zugerechnet.

Ibrahim Olgun war zuvor als Integrationsbeauftragter bei Atib tätig. Reicht also Erdogans Arm bis in das Führungsgremium der IGGiÖ? Beweisen lässt sich das natürlich nicht, Anlässe zu einer solchen Annahme gibt es allerdings reichlich.

Österreichischer Islam!

Selbstverständlich sind die türkischen Vereine nicht per se integrationshemmend, natürlich sind sie auch nicht die einzigen Organisationen ihrer Art. Ähnliche Probleme gibt es mit arabischen Vereinen und Institutionen, wie zum Beispiel mit dem König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog in Wien. Gegen finanzielle und infrastrukturelle Abhängigkeiten österreichischer islamischer Institutionen wollte das neue Islamgesetz vorgehen. Prinzipiell ist das auch zu begrüßen, wenngleich das Islamgesetz einige Schwächen aufweist.

Wünschenswert wäre eine ideologische Abgrenzung der islamischen Gemeinden von ausländischen, institutionellen, gar nationalistischen Organisationen. Das medial-polemisch bezeichnete „Feindbild Islam“ wird ansonsten noch sehr lange in den Köpfen der Menschen herumgeistern. Wenn zahlreiche Wiener Imame nach dem 15. und 16. Juli 2016 (Putschversuch) von, Zitat, „unserem Heimatland“ reden, dabei die Türkei meinen, führt das zu einer teils selbstverschuldeten Gleichsetzung von Islam mit türkischen Nationalismus. Hat das der Islam verdient? Wohl eher nicht! Vor allem werden dadurch andere Gruppierungen, wie die Initiative Liberaler Muslime, über einen Kamm geschoren.

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