Moment mal: Die Blicke der Anderen
Foto: Cameron Kirby (CC0)

Es ist August im Sommer 1997. Im Radio läuft MMMBop von Hanson und Lady Di verunglückt in Paris. Ich bin mit meiner Familie in Österreich und verbringe dort einen Teil meiner Schulferien. Die Nachricht vom Tod der Princess of Wales und die Gerüchte und Spekulationen rund um das Unglück erreichen uns über das Radio, mein siebenjähriges Ich bleibt davon allerdings ziemlich unberührt. Mich ereilt in diesem Sommer ein ganz anderes Trauma: ein FKK-Strand.

Meine Eltern hatten „vergessen“ mich vorher zu informieren, dass wir einen Tag nicht an einem ganz normalen Grünstreifen am See verbringen würden, sondern nackt unter Nackten. Bis auf meine Eltern und meine Schwestern hatte ich bisher noch nicht so viele Menschen ohne Klamotten gesehen.

Umso größer also die Reizüberflutung, die meine Netzhaut an diesem Tag erleiden musste: Überall Brüste, Bäuche, Pimmel und Pos in den verschiedensten Formen und Größen, die sich auf der Wiese sonnten, hinter Hecken lauerten, unter Bäumen ein schattiges Plätzchen suchten und im Wasser badeten. Menschen, so wie Gott sie schuf, einzigartig und frei.

So etwas in der Art erwiderten meine Eltern, als ich zuerst heftig protestierte, mich diesem Nacktzwang zu beugen. Am Ende gab ich zwar nach, fühlte mich aber nicht frei, sondern einfach nur nackt. So oft es ging, guckte ich auf den Boden oder zur Seite, um das, was mir von allen Seiten präsentiert wurde nicht allzu offensichtlich anzustarren.

Denn wenn ich die anderen so ansah, würden sie mich dann nicht auch so ansehen und sehen, dass ich nackt war? Als wir am Nachmittag zur Ferienwohnung aufbrachen und ich meine Kleider wieder anziehen durfte, war ich sehr erleichtert. Seit diesem Tag meide ich FKK-Strände und Saunen und umgehe sie weiträumig.

Jahre später, aber wieder im Sommer, machte meine jüngere Schwester ein Experiment. Bekleidet mit Niqab und Abbaya lief sie an einem Samstagnachmittag durch die Fußgängerzone einer mittelgroßen hessischen Stadt. Vollkommen aufgelöst erzählte sie mir danach am Telefon davon, wie schlimm es für sie gewesen war.

Nicht die Hitze unter dem Stoff war schlimm, auch nicht das Gefühl des vielen Stoffes über Körperstellen, die sie sonst unverdeckt ließ, war schlimm. Schlimm waren die Blicke der Vorbeigehenden, das stumme Kopfschütteln der Passanten, das Mitleid in den Gesichtern einiger Frauen, die verurteilenden Bemerkungen, die einige Samstagsbummler machten, kaum dass sie zwei Schritte an ihnen vorbei gegangen war, das Gefühl, den Blicken der Anderen ausgeliefert zu sein.

Norddeich, August 2016: Ich sitze im Sand, um mich her sandburgenbauende Kinder, fotografierende Eltern, Pärchen, die am Ufer entlangspazieren und im Wasser eine Frau im Burkini. Sie fällt auf unter all den Badehosenträgern und Bikiniträgerinnen und auch mein Blick bleibt an ihr hängen. Ich sehe diese Frau und ihr Anblick erleichtert mich.

Anders als ich vor fast zwanzig Jahren, nackt an einem See in Österreich, schaut sie nicht zu Boden. Sie spielt mit einem Jungen im Wasser, planscht, lässt sich von Kindern im Gummireifen durchs Wasser schieben und scheint weder meine Blicke, noch die Blicke anderer Badegäste zu bemerken, sondern die Sonne, das Wasser und die Weite der Nordsee in vollen Zügen zu genießen.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?
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