Die mystische Seite des Islam Rezension von „Sufismus: Eine Einführung in die islamische Mystik“ von Annemarie Schimmel
Foto: Günter Ruopp (CC0)

Annemarie Schimmel, die bisher bedeutendste deutsche Islamwissenschaftlerin, lebte von 1922 bis 2003. Sie erarbeitete ein bisher in ihrem Fachgebiet unerreichtes akademisches Werk. Insbesondere durch viele Auslandsaufenthalte, durch sehr gute und vielfältige Sprachkenntnisse (und den damit einhergehenden Übersetzungen) und einen angenehmen Schreibstil versuchte sie die vielfältigen Dimensionen des Islams näher zu bringen. Und diesen Bedarf nach Wissen jenseits der Teilnehmer des wissenschaftlichen Diskurses gibt es auch noch heute.

Denn wenn wir an den Islam denken, so sind unsere Gedanken beim Koran, dem Islamismus, der Scharia und in der aktuellen politischen Diskussion bei der Vollverschleierung der Frau. Tatsächlich gibt es eine spirituelle Strömung, die auf den ersten Blick erst einmal nicht viel mit dem bisher Bekannten gemein hat: der Sufismus. Es ist gar nicht ohne weiteres möglich diesen Begriff zu erklären. Häufig wird von der inneren Dimension des Islam gesprochen. Auf jeden Fall weisen Sufis (die Anhänger des Sufismus) Merkmale der Askese und auch einer besonderen Spiritualität auf.

Historischer Rückblick

Annemarie Schimmel beginnt ihr, in der bekannten Reihe C.H.Beck Wissen erschienenes, Einführungswerk bei den Ursprüngen des Islam und zeichnet ein Bild, das vielfältigen Einflüssen ausgesetzt ist, ohne dass diese im Detail – zumindest für das 7., 8. und 9. Jahrhundert – rekonstruiert werden könnten.

Festgehalten werden kann, dass der Sufismus im Islam verortet ist und von seiner historischen Entwicklung her nicht als universelles Prinzip ohne Religionsbezug verstanden werden kann (im Gegensatz zu dem in der heutigen Zeit auch verbreiteten universellen Sufismus).

Es hilft hier im Hinterkopf zu behalten, dass sich der Islam zu dieser Zeit sehr weit verbreitete. Von Spanien über Nordafrika und die arabische Halbinsel bis nach Indien reichte das Reich der Kalifen. Daher sind die kulturellen und religiösen Einflüsse vielfältig.

Das Gottgedenken im Mittelpunkt

Der Begriff Sufismus leitet sich von ṣūf, „Wolle“, ab und deutet auf das Wollgewand der asketisch lebenden frühen Sufis hin, die alles Weltliche ablehnten und sich auf die Lektüre und die Meditation des Korans konzentrierten. Das Gottgedenken (dhikr) spielt eine große Rolle. Dabei wird mehrere tausende Male der Gottesname wiederholt, bis das gesamte Sein von diesem Namen durchdrungen ist.

Zugleich gibt es auch die Rezitation des Glaubensbekenntnisses („es gibt keine Gottheit außer Gott, Allah“). In einem mediationsähnlichen Stil, bestimmten Betonungen und einer besonderen Atemtechnik wird der Gottesname oder das Glaubensbekenntnis wiederholt. Genau dies tun ebenfalls auch die tanzenden Derwische, die begleitet von religiöser Musik sich immer und immer wieder drehen. Es geht hierbei um eine ganz besondere Gottesnähe, vielleicht kommt es zur Rückkehr in das Nicht-Sein im göttlichen Sein.

„Ein Sufi ist jemand, der so ist, wie er war, als er noch nicht war “ – Abu al-Qasim ibn Mohammed Dschunaid (* ca. 825; † 910)

Ein Sachverhalt, der auch von Seiten des orthodoxen Islam am Sufismus kritisiert wird, ist die sehr ausgeprägte Beziehung zwischen dem Sufi-Meister (Scheich) und dem Schüler (der auch weiblich sein kann), der von diesem nach und nach in das Geheimnis eingeführt wird. Der Meister überwacht das geistige Wachstum seines Schülers und setzt ihn manchmal in eine vierzigtägige Klausur, in der der Schüler fastend in einem dunklen Raum betet und meditiert.

In der zeitlichen Entwicklung bildeten sich sogenannte Sufi-Orden aus, in denen es Ränge gab und vieles sich institutionalisierte. Es gibt auch heute noch viele aktive Orden. Der Schüler lebte eine Zeitlang im Konvent. Weder er noch der Meister mussten zölibatär leben. Der Meister wird in besonderem Maß verehrt, besonders nach seinem Ableben. Das Begehen des Todestages ist dabei ein freudiges Ereignis, da sich die Seele des Meisters mit dem Göttlichen Geliebten vereinigt hatte.

Mystische Gottesliebe

Die Gottesliebe führt nicht nur zu praktischer Nächstenliebe, Tierliebe oder auch Krankenfürsorge, sondern fand auch ihren Ausdruck in poetischen Texten. Eine tolle Leistung von Schimmel sind die schönen Übertragungen von Zitaten ins Deutsche, die trotz Übersetzung einen schönen Klang haben.

Besonders widmet sie sich den bekannten mittelalterlichen Mystikern al-Ghazali, Ibn-Arabi und Rumi. Besonders dieses Kapitel lohnt sich intensiver zu studieren, da hier versucht wird, an das Geheimnis sich anzunähern, worum es im Sufismus, aber auch im Leben geht. Al-Ghazali (* 1058; † 1111) wird häufig dafür verantwortlich gemacht, dafür gesorgt zu haben, dass die reine vernunftgetriebene Philosophie und die objektive Wissenschaft im Islam nicht mehr, zumindest nicht im ursprünglichen Umfang, betrieben würde.

Tatsächlich lässt sich in seiner Folge ein Aufleben der Theologie feststellen. Im ausgehenden Mittelalter kommt es zu einem Rückgang der Macht des Kalifats, sowie durch die Türken zu einer Situation, in der die einheitliche Sprache im Kulturraum verloren geht. In der Folge werden auch heute in der Regel nach wie vor die mittelalterlichen Mystiker gelesen.

Fazit

Die Gedankenmodelle des Sufismus sind sehr komplex und stehen der Philosophie und Theologie in nichts nach. Das Verdienst des Buches ist es, trotz dieser Komplexität in verständlicher Form die Inhalte zu vermitteln sowie anhand mancher Details das große Ganze zu erklären.

Der geschichtliche Ursprung und die Ausprägungen des Sufismus früher und heute scheinen mir der Rahmen für die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Sufismus zu sein. In diesem Hauptteil lässt sich die Leidenschaft der Autorin besonders für die poetischen Texte spüren und es wird möglich, den Sufismus als Teil des Islam zu begreifen.

Für die erste inhaltliche und fundierte Auseinandersetzung erscheint mir das vorliegende Buch sehr geeignet. Für eine tiefgreifende Beschäftigung mit dem Sufismus sei auf weitere Veröffentlichungen von Annemarie Schimmel verwiesen, sowie auf englischsprachige Publikationen, da im deutschsprachigen Raum leider nur sehr wenig zu diesem Thema geforscht wird.


9783406460289_coverSufismus
Eine Einführung in die islamische Mystik
Annemarie Schimmel
Verlag C. H. Beck
8,95 €
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