Dialog gestalten Eine Etikette für das interreligiöse Gespräch
Foto: young shanahan (CC BY 2.0)

Der interreligiöse Dialog wird gelegentlich dafür kritisiert, dass er aus einer Menge theoretischem Geplauder mit wenig Substanz oder praktischen Ableitungen in die reale Welt besteht. Offene und konstruktive Kommunikation ist aber die Grundlage guter Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens. Sie ist die Basis allen, was daraus folgen kann.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Wenn wir mit Menschen, die unterschiedliche Glaubensüberzeugungen haben, nicht ohne Wut oder Verärgerung sprechen können, ist jede Aktion oder Unternehmung interreligiösen Dialogs verunmöglicht. Aus diesem Grund müssen wir uns mit dem interreligiösen Dialog gut auskennen. Das heißt, die möglichen Auswirkungen der von uns gebrauchten Worte zu verstehen, inklusive Sprache zu erlernen und Wege zu finden, negativ aufgeladene Diskussionen aufzulösen.

1. Erwarte Dissens.

Gleich zu Beginn sollten wir uns eingestehen, dass Interaktionen im Dialog der Religionen zu Zeiten unangenehm und schwierig sein können. Das Stereotyp behaglicher Treffen bei Tee und Keksen ist oft genug weit entfernt von der Realität. Wenn Dissens formuliert wird (und das wird er ganz sicher), sollten wir nicht Panik schieben, die Situation oder unseren Konversationspartner zum hoffnungslosen Fall erklären und einfach aufgeben.

Uneinigkeit ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Schließlich gerät eine Diskussion, in der alle die gleiche Meinung vertreten, schnell zur Selbstbeweihräucherung. Wenn wir uns einig sind, dann tendieren wir dazu, unnachgiebig und selbstgefällig zu werden. Mit Menschen anderen Glaubens Umgang zu pflegen kann uns dabei helfen, demütiger zu werden. Außerdem birgt sich darin die Möglichkeit, unsere eigenen Glaubensüberzeugungen zu hinterfragen und – hoffentlich – ein bisschen beweglicher und verständiger zu werden.

2. Sei wertschätzend.

Egal ob wir nun persönlich Auge in Auge miteinander reden oder über die Sozialen Medien miteinander kommunizieren, wir sollten immer versuchen, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen offen und ehrlich sein können. Dazu gehört anzuerkennen, dass die je andere Person sich angreifbar, ja verletzbar macht, indem sie ihre Erfahrungen schildert. Diese Position sollten wir nicht missbrauchen.

Deshalb sollten schroffe Äußerungen wie „da liegst Du falsch“ vermieden werden. Vorwürfe wie diese sorgen dafür, dass wir uns verteidigen wollen und uns deshalb zurückhalten. Peter Adams, der im interreligiösen Dialog tätig ist, empfiehlt um solchen Vorwürfen aus dem Weg zu gehen, das Gute zu suchen, statt nach etwas zu suchen, über das man sich uneinig ist. Auf diese Weise fördern wir den wertschätzenden Dialog und nicht die Konfrontation.

3. Sei inklusiv.

Beim interreligiösen Austausch geht es nicht nur darum, wie große Gruppen von Menschen miteinander klar kommen, sondern mindestens genauso sehr um den Einzelnen und darum, sich selbst besser kennenzulernen. Als Teilnehmer am interreligiösen Gespräch müssen wir uns gewahr werden, dass keine zwei Menschen religiöse Lehren, die Welt oder Gott in gleicher Weise verstehen.

Deshalb sollten wir uns verallgemeinender Äußerungen wie „wir glauben das“ und „ihr glaubt das“ enthalten. Beide erzeugen eine kontraproduktive Dichotomie von „Wir und Ihr“. Stattdessen ist es ratsam, von seinen persönlichen Überzeugungen her zu sprechen, z.B. „Ich glaube, …“ oder „Ich denke, …“ zu sagen.

Auf diese Weise „lernen wir uns gegenseitig auf einer persönlichen, menschlichen Ebene kennen. Das ist der beste Weg, die Kluft unterschiedlicher Theologien zu überwinden“, wie Imam Jamal Rahman sagt (Video-Link zu den Interfaith Amigos). Interreligiöser Dialog beginnt mit uns selbst, wenn wir unsere Herzen öffnen und dann die Hand nach anderen ausstrecken.

4. Sei aufmerksam.

Sich in inklusiver Sprache zu üben geht Hand in Hand mit einer höheren Sensibilität dafür, wie unsere Worte verstanden oder missverstanden werden können. Wir mögen denken, dass raffinierte Metaphern wie „in die Schlacht ziehen“ oder „den Feind angreifen“ unseren Aussagen die nötige rhetorische Driftigkeit verleihen, doch werden sie möglicherweise einfach als unnötig aggresiv wahrgenommen und untergraben somit, was auch immer Positives wir sagen wollten. Besonders sollten wir „geladene“ Worte wie „Ungläubiger“ oder „Kaffir“ vermeiden. Häufige „Übeltäter“ sind auch starke Verben wie „leugnen“ oder „verwerfen“, sie sind kontraproduktiv für den interreligiösen Austausch.

5. Sei verantwortungsvoll.

Sich mit dem interreligiösen Dialog auszukennen bedeutet, dass wir ein intensives Gespür der Verantwortung für uns selbst entwickeln, wenn wir mit anderen interagieren. Egal ob wir uns in einer geschlossenen Gruppe, in einem privaten Gespräch oder in der Öffentlichkeit austauschen, sollten wir uns so benehmen, als ob jedermann hören oder lesen könnte, was wir sagen. Das beinhaltet unsere Freunde, Glaubensgeschwister und besonders diejenigen, die unsere Überzeugungen nicht teilen.

Deshalb müssen wir darüber nachdenken, ob unsere Worte Menschen anderen Glaubens angreifen oder lächerlich machen. Sind sie gar eine List, um bestimmte Gruppen gegeneinander aufzubringen? Jede Taktik, die Zwietracht säen will, läuft der Idee des interreligiösen Dialogs zuwider, die es uns selbst ermöglicht, menschengemachte Grenzen zu überwinden und persönliche Verbindungen mit Menschen aller Glaubenshintergründe zu knüpfen.

6. Sei deutlich.

Jeder von uns hatte schon einmal einen Streit, in dem die eine Person darüber verärgert war, was gesagt wurde, während sich die andere Person darüber ärgerte, wie es gesagt wurde. Ein solcher Streit kann ewig dauern, solange die beiden nicht einsehen, dass sie über vollkommen verschiedene Dinge reden. Aus diesem Grund ist es während des interreligiösen Gesprächs wichtig klarzustellen, welchen Aspekt der Kommunikation wir meinen. Kritisierst du bestimmte Vorstellungen oder die Art und Weise, wie diese vorgetragen werden? Diese vorsorgliche Klärung ist vor allem für das Online-Gespräch nützlich, das besonders anfällig für Missverständnisse ist.

Es ist auch nicht schlecht, sich daran zu erinnern, dass nicht jeder Deutsch zur Muttersprache hat: Es kann zu „Übersetzungsfehlern“ kommen. Genauso geht es uns, wenn wir das Gespräch in Englisch oder einer anderen Fremdsprache führen. In der je fremden Sprache fällt es uns schwer, Feinheiten rüber zu bringen. Worte wie Religion und Glaube mögen einfach synonym gebraucht werden und starke Worte wie „müssen“ werden anstatt eines weicheren „sollten“ benutzt. Wenn wir uns daran erinnern, können wir unnötige Aufregung vermeiden.

7. Sei freundlich.

Wenn jemandem ein Faux pas unterläuft, sollten wir freundlich bleiben und nicht sofort darauf anspringen. Derjenige hat vielleicht nicht wahrgenommen, auf welche Weise seine Worte bei uns ankommen oder ist ein Neuling im interreligiösen Dialog. Wir alle haben uns schon einmal krumm und schief ausgedrückt oder die Situation völlig falsch eingeschätzt. So lernen wir. Wenn wir von Anfang an wüssten, wie wir miteinander sprechen sollen, gäbe es ja überhaupt keinen Grund für den interreligiösen Dialog! Fehler sind eine Gelegenheit für jeden Teilnehmer zu lernen: für die Person, die ihn gemacht hat und für diejenigen, die auf ihn reagieren.

8. Sei dankbar.

Ein Teil von uns will unbedingt das letzte Wort behalten, wenn wir eine Diskussion beenden. Unser Ego führt uns dahin, unbedingt gewinnen zu wollen und das, indem wir andere abwerten.

Stattdessen sollten wir uns erkenntlich zeigen und der anderen Person für die Möglichkeit des Gesprächs danken. Vielleicht hattet ihr völlig konträre Meinungen und das Gespräch ist etwas chaotisch abgelaufen. Das ist noch lange kein Grund, das Gespräch am Tiefpunkt zu beenden. Seine Dankbarkeit zu zeigen ist ein Weg „den anderen ernst zu nehmen, auch wenn wir nicht einig werden“, wie Peter Adams sagt. Auch „misslungene“ Gespräche beinhalten Dinge, über die es sich lohnt nachzudenken und machen uns auf Bereiche aufmerksam, in denen wir hinzulernen können.

Wir können außerdem die Möglichkeit ergreifen, uns für Missverständnisse oder falsche Annahmen zu entschuldigen. Dankbarkeit zu zeigen und um Entschuldigung zu bitten sind großartige Wege, gegenseitigen Respekt auszudrücken. Alle Teilnehmer können sich wertgeschätzt fühlen, wenn sie das Gespräch verlassen.


Dieser Artikel ist eine Übersetzung des Artikels „Being Interfaith Literate: A Guide To Online Interfaith Etiquette“. Herzlichen Dank für die Hilfe bei der Übersetzung an Martin.

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