Was wir bisher gelernt haben Halbzeit des Themenmonats „Islam und Theologie“
Foto: Gemeinfrei

Getreu unseres Mottos hier auf theologiestudierende.de „Lesen. Denken. Schreiben.“ steht das gemeinsame Lernen als Kommiliton_innen bei uns im Zentrum. Die Hälfte unseres Themenmonats „Islam und Theologie“ ist um, was haben wir bisher gelernt?

Korankritik ist nicht alles

Max hat sich den Koran mal genauer angeschaut. Er hat ihn komplett gelesen, als Theologe zwar, doch „unbedarft“ von vorne bis hinten: „Insgesamt wird also im Koran bei weitem nicht so heiß gegessen wie gekocht. Ich halte den Koran für eine recht vernünftige heilige Schrift. Ich bin schlussendlich sogar geneigt, nach meiner Lektüre eine Art ökumenischen Geist im Koran auszumachen.“

In seinem Text und der dazugehörigen Diskussion wird deutlich, dass wir uns wegen der Koranexegese nicht kirre machen müssen. Es ist das Geschäft der Rosinenpicker, im Koran vor allem die dunklen, gefährlichen Passagen aufzufinden. Daran müssen sich Theolog_innen aller Religionen nicht beteiligen. Schließlich findet sich in jeder heiligen Schrift genügend geeignetes Material.

Aus der Diskussion habe ich auch gelernt, dass das immerwährende Drängen der Muslime, sie sollten sich endlich der historisch-kritischen Exegese des Korans widmen, vielleicht gar nicht so vielsprechend und zielführend ist. Viele Beobachter (mich eingeschlossen) vergessen die Hadithe und ihre große Bedeutung für das Leben und die Theologie der Muslime. Tobias hat darauf hingewiesen, dass die Hadithen-Kritik ein Weg wäre, den Christen und Muslime gemeinsam gehen können, ohne sich sofort in Fragen der Offenbarung zu zoffen. (Philipp Greifenstein)

Ideakritik ist nicht alles – aber notwendig

Gleich zwei Artikel setzten sich vergangene Woche mit der idea auseinander. Max findet deutliche Worte und fasst die Botschaft des Leiters Helmut Matthies  knapp zusammen: „Fürchtet euch sehr!„. Philipp analysiert die aktuelle Ausgabe und staunt, wie viele Artikel der Auseinandersetzung mit dem Islam gewidmet sind (Idea und der Islam).

Nun teilen glücklicherweise nicht alle Christ*innen des Landes die einseitigen Ansichten der evangelikalen idea-Schreiber*innen. (Ob ihnen gefällt, dass sie gerade gegendert wurden?) Trotzdem bleibt es eine wichtige Aufgabe, zu schauen, wo es im eigenen christlichen Stall stinkt. Dort, wo bei der idea die konservative Kritik aufhört und es beginnt, nach brauner Islamfeindlichkeit zu riechen, müssen wohlriechendere Gerüche verbreitet werden. Zum Beispiel, dass „Alles ganz normal“ ist, wenn sich beim Mutter-Kind-Treff im evangelischen Gemeindehaus muslimische und christliche Frauen begegnen und austauschen. (Daniel Fetzer)

Sichtweise der Medien

Christine Fuhrmannek hat sich mit der Darstellung des Islam in den Medien beschäftigt. Sie beschreibt ein Theaterstück, das eine Neuinterpreation des bekannten Stücks Lessings „Nathan der Weise“ zeigt. Der Schauplatz ist dieses mal ein Klassenzimmer, in dem auch muslimische Schüler_innen Lessings Werk interpretieren sollen und natürlich mit ihren konkreten Erfahrungen vergleichen. Lessing kommt dabei nicht gut weg.

Diskriminierung, die falsche Deutung des Korans, Witze über die Religion. Es werden die verschiedensten Stimmungen und Klischees aufgegriffen und ins Extreme geführt: ein Tanz in bunten Burkas, Hinrichtungen an Plastikköpfen, die IS-Fahne wird gezeigt.

Christine zeigt in ihrem Artikel deutlich, dass es auch andere Sichtweisen in den Medien gibt. Eben in diesem Theaterstück. Tatsächlich ist mir erst hier aufgefallen, wie oft der Islam auch auf seriösen Nachrichtenportalen wenig tolerant dargestellt wird. Oftmals sicherlich nicht absichtlich – das möchte ich niemandem unterstellen – aber oft wenig sensibel. Der Fehler, Islamist und Muslim für Synonyme zu halten, ist leider noch lange nicht ausgemerzt. Das sollte weiter zum Nachdenken anregen. Nicht nur die Medien allgemein zeigen oft ein verqueres Bild der Religionen – wie sprechen wir darüber, wenn wir nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen? (Corinna Sperlich)

Ein besorgter Luther

Gernot Maria Mausohr hat sich durch die Schriften Luthers geschlagen, die sich mit den Türken beschäftigen. Luther ist nicht der erste christliche Theologe, der sich mit den Türken und ihrer Religion, dem Islam auseinandersetzt. Gernot Maria betont, dass Luther in seinen Schriften die militärische Bedrohung der osmanischen Streitkräfte heilsgeschichtlich deutet.

Geschichte ist für Luther nur im Hinblick auf Gericht und Gnade zu verstehen. Mag der Türke zwar bemerkenswerte Tugenden in seiner Lebensführung und ernsthaften Frömmigkeit aufweisen, so dient dies nie zur Ehre Gottes, da der Dreh- und Angelpunkt des Glaubens verleugnet wird, nämlich Christus und sein Erlösungstod.

Der Artikel macht klar, dass die Türkenkritik Luthers nicht als platter Fremdenhass missverstanden werden darf. Die Thematik ist weitaus komplexer. Aus seiner Perspektive entlarvt Luther die Türken wie auch den Papst als endzeitliche Figuren, die sich den Christen in den Weg stellen und als Strafe Gottes verstanden werden können. (Deborah Kehr)

Wir sind alle (nur) Menschen

Corinna beschreibt eine Szene aus ihrem Alltag. Sie sitzt zusammen mit anderen Müttern, isst und quatscht – alles ganz normal. Egal welche Religion die Mütter haben, sie (und wir) sind alle erst einmal Menschen. Und egal, ob man eher ein optimistisches oder pessimistisches Menschenbild hat; egal ob ich glaube, dass der Mensch edel und gut oder ein bedingungslos gefallener Sünder ist, ich kann davon ausgehen, dass mein nächster Muslim das Gleiche ist wie ich.

Wenn sich nur diese eine Erkenntnis in Deutschland etwas mehr herumsprechen würde, hätten wir gewiss weniger Probleme mit Islamfeindlichkeit und Angstmache. Wenn wir uns kennen lernen. Wenn wir uns Geschichten erzählen wie die von Corinna. (Max Melzer)

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?
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