Das „House of One“ in Berlin Zwischenbericht über ein einzigartiges Projekt
Foto: Nick Leonard (CC BY-NC-SA 2.0)

In den Jahren 2007 bis 2009 finden auf der Berliner Spreeinsel, an der Stelle, an der einst die Petrikirche stand, archäologische Ausgrabungen statt. Das Gotteshaus, das 1964 von der DDR-Regierung abgerissen wurde, gehörte zu den ältesten der Stadt. Um 1230 errichtet und mehrmals zerstört, hat es auf dem Petriplatz seine Spuren hinterlassen: Bei den Ausgrabungen werden die Fundamente von vier verschiedenen Kirchen gefunden. Spätestens jetzt wird die große Bedeutung des Ortes für die Geschichte Berlins klar.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Über eine Nutzung des Petriplatzes, die seiner Bedeutsamkeit gerecht wird, macht sich zu dem Zeitpunkt die evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien Gedanken. Man will nicht „noch eine Kirche“, sondern ein Gebäude, das „an diesem Urort von Begegnung, von Religion und Stadt etwas Zukunftsweisendes … in sich birgt“[1].

So entsteht die Idee eines Sakralbaus, der die Pluralität der Religionen in Berlin nicht ignorieren will: Nicht nur das Christentum, sondern auch das Judentum und der Islam sind religiöse Kräfte, die ihren Platz in der Geschichte der Stadt haben und die religiöse Landschaft Berlins beeinflussen. Die Idee von einem Bet- und Lehrhaus ist geboren, einem Gebäude, das unter seinem Dach eine Kirche, eine Moschee und eine Synagoge vereint.

Es soll ein Haus sein, in dem Anhänger verschiedener Religionen zum einen ihre eigene Religion ausüben (Bethaus), zum anderen durch Begegnung etwas über andere Religionen lernen können (Lehrhaus). Ein Sakralbau dieser Form, so ist man sich sicher, ist weltweit einzigartig.

Zwar gibt es ähnliche Projekte, wie etwa multireligiöse Räume in Flughäfen oder Krankenhäusern, diese sind aber weniger groß angelegt und werden von einem neutralen Dritten getragen. Das „Bet- und Lehrhaus Petriplatz“ ist von Anfang an eine gemeinsame Initiative der Religionen mit einem gemeinsam entwickelten, neuen Konzept der Transparenz und Offenheit im multikulturellen Kontext.

Die Partner

Unter der Leitung von Gregor Hohberg (Pfarrer in St. Petri-St. Marien) beginnt die Gemeinde die „Partnersuche“. Auf jüdischer Seite sagen das Abraham-Geiger-Kolleg und die Jüdische Gemeinde Berlin zu. Auf muslimischer Seite gestaltet sich die Suche nach Partnern deutlich schwieriger. [2]

Schließlich erklärt das Forum für Interkulturellen Dialog (FID e. V.) seine Mitarbeit, sodass im Herbst 2011 der Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin e. V. gegründet werden kann.[3] Um Rahmenbedingungen bzw. eine Art Hausordnung für die Mitglieder festzulegen, wird eine Charta erstellt, der die jeweiligen Religionsgemeinschaften zustimmen müssen.[4] Zusammengefasst steht darin die Einigung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit, des Respekts, der Solidarität und der Gleichberechtigung im Vordergrund.

Ein Projekt, das zum friedlichen Nebeneinander der Religionen in Berlin beitragen will, liegt auch im Interesse von Stadt und Politik. So befinden sich unter den Partnern und Förderern des Vereins u. a. die Senatskanzlei der Stadt, das Bundesministerium des Innern und das Bezirksamt Mitte von Berlin; die Stadt Berlin gehört zu den Gründungsmitgliedern. Der Bundestag zeigt mit einer Spendenzusage von 800 000 Euro sein Interesse an dem Projekt. Auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) setzt sich nach anfänglichem Zögern engagiert für das Projekt ein, was aktuell die Freistellung der ehemaligen Pröpstin Friederike von Kirchbach für die Unterstützung des House of One deutlich macht.[5]

Die Architektur

Um dem Gebäude eine passende architektonische Gestalt zu verleihen, wird ein Architekturwettbewerb ausgerufen, den ein Jahr später, 2012, das Berliner Architekturbüro „Kuehn Malvezzi“ mit dem Entwurf eines schlichten und modernen Monumentalbaus gewinnt.

Die Anforderungen sind besonderer Art: Da bei einem solchen Sakralbau bereits die Architektur theologische Statements abgibt, muss sich im Vorhinein auf vieles geeinigt werden. Die drei Gotteshäuser sollen separat angelegt sein, in der Mitte aber zu einem Zentralraum zusammengeführt werden. Die Moschee muss in Richtung Mekka ausgerichtet sein, und im jüdischen und im muslimischen Teil soll es Frauenemporen geben, um auch für weniger liberale Gemeinden die Türen offenzuhalten.

Die Bauweise lässt auch die Konzentration des Projektes auf das verbindende Element der drei abrahamischen Religionen erahnen: Die drei Gebetsräume sind nur durch einen gemeinsamen Eingang zu erreichen, dessen Deutung als gemeinsame religiöse Wurzel naheliegt. Auch der eine Turm, der aus der Mitte der Gebetshäuser in den Himmel ragt, betont sichtlich die Gemeinsamkeiten der drei Religionen.

Das theologische Konzept

Einem solchen Projekt muss, wie es auch in der Architektur sichtbar wird, ein theologisches Konzept zugrunde liegen. Konventionelle Religionstheologien, die lange im wissenschaftlichen Diskurs vorherrschten, haben bisher keinen wissenschaftlichen Konsens erzielt: Seien es inklusivistische, exklusivistische oder pluralistische Ansätze – der Mensch kann sich letztgültige Aussagen über Gott nicht anmaßen, denn sie stehen ihm nicht zu. Beim Bet- und Lehrhaus bezieht man sich auf die relativ neue Komparative Theologie, die in Deutschland vor allem von Klaus von Stosch vertreten wird.[6]

Hier wird vom Beurteilen des Wahrheitsgehalts anderer Religionen Abstand genommen und das Kennenlernen der Religion des anderen betont. Der Gläubige soll dadurch, dass er mit anderen religiösen Weltanschauungen und deren Glaubenstraditionen in Kontakt kommt, Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede kennenlernen. Theologische Diskussionen sollen dafür sorgen, dass das religiöse Denken und Fühlen des anderen nachvollzogen, wenn auch nicht geteilt werden kann.

Solche Erfahrungen soll das House of One durch die unmittelbare Begegnung zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften ermöglichen, durch gemeinsame Veranstaltungen wie etwa Lehrvorträge oder Diskussionen, die neben den Gottesdiensten stattfinden sollen. Vorteil dieses Ansatzes ist zum einen, dass die Begegnung mit Andersgläubigen die eigene Glaubensidentität fördert. Zum anderen geht der pragmatische Ansatz der Komparativen Theologie so mit der religiösen Wahrheitsfrage um, dass er sie getrost unbeantwortet lässt. In dem Wissen, dass
die letztgültige Antwort auf die Wahrheitsfrage bei Gott liegt, können sich die Dialogpartner auf gleicher Ebene begegnen, auf der des Gott suchenden Menschen.

Der Name

So soll die große theologische Frage, ob nun Juden, Christen und Muslime zum gleichen Gott beten oder nicht, im House of One bewusst offen gehalten werden. Das zeigt auch der offizielle Name des Sakralgebäudes, der im Rahmen der Spendenkampagne eingeführt wurde.

„House of One“ kann vieles bedeuten: Davon abgesehen, dass ein englischer Name das Projekt international bekannter machen soll, wird durch die Bezeichnung eine gewisse Einheit proklamiert. Diese Einheit könne jeder anders deuten: Sie kann den gemeinsamen Glauben an nur einen, vielleicht sogar den Glauben an einen gemeinsamen Gott betreffen.

In den Medien wird die unterschiedliche Interpretation des Namens deutlich. So lehnt Gregor Hohberg in einem Interview den Gedanken, dass alle drei Religionen den gleichen Gott anbeten, mit dem Argument ab, die Gottesbilder der Religionen seien zu verschieden.[7] In einem Rundfunkbeitrag von Deutschlandradio Kultur heißt es wiederum, dass die Kuppel des Sakralbaus „Symbol des einen Gottes [sein soll], den Juden, Christen und Muslime auf ihre jeweils eigene Weise verehren“[8]. In den Medien fallen die Interpretationen dieser wichtigen theologischen Frage also vielfältig und geradezu gegensätzlich aus.[9]

Die Einheit im Namen „House of One“ kann jedoch auch als eine Anspielung auf andere theologische Gemeinsamkeiten der drei Religionen verstanden werden, etwa auf einen gemeinsamen Ursprung, die Nutzung einer heiligen Schrift oder einen geteilten Religionsbegriff. Hierin liegt auch die theologische Begründung für die Beschränkung des Projektes auf die drei Religionen.

Neben der Tatsache, dass Islam, Judentum und Christentum die drei Religionen sind, die am stärksten das religiöse Leben in Berlin prägen, ist die „Verwandtschaft“ dieser drei großen monotheistischen Religionen als einender Faktor anzusehen. Die damit verbundene Ausgrenzung anderer Religionen und Konfessionen (obwohl diese ausdrücklich zur Nutzung des Zentralraums eingeladen sind) ist ein nicht selten geäußerter Kritikpunkt. Die Ideengeber wollten das Projekt jedoch bewusst eingrenzen in dem Wissen, dass interreligiöser Dialog umso schwieriger wird, je mehr Teilnehmer er hat. So entschied man sich für die drei Religionen, von denen auch weltweit gesehen das größte Friedens- sowie Konfliktpotenzial ausgeht.

Kritische Anfragen

Das hier vorliegende „Trialog“-Verständnis kann durchaus auch kritisch gesehen werden. Denn wenn Gemeinsamkeiten wie der abrahamische Ursprung oder ein ähnliches Religionsverständnis als Basis für interreligiösen Dialog verstanden werden, könnte umgekehrt der Schluss daraus gezogen werden, dass es für den Dialog mit Anhängern anderer Religionen wie Buddhisten, Hindus oder auch unreligiösen Menschen keine verbindende Grundlage gebe.

Grundsätzlich gilt, dass Gemeinsamkeiten im Dialog erst erarbeitet werden müssen und nicht vorausgesetzt werden sollten, so Friedmann Eißler (Stichwort „abrahamischer Trialog“).[10] Es muss überlegt werden, ob nicht das Ziel des interreligiösen Dialogs weniger das Finden religiöser Gemeinsamkeiten in Lehre oder Praxis sein soll, sondern vielmehr das Aushalten religiöser Unterschiede und das Wahrnehmen gemeinsamer menschlicher und gesellschaftlicher Interessen. Noch dazu könnte das House of One auf den großen religionsfernen Teil der Berliner Bevölkerung eher wie eine Art religiös-verbündete Trias wirken, die sich – abgeschieden von der säkularen Außenwelt – mit eigenen, vermeintlich lebensfernen Fragen und Problemen beschäftigt.

Nicht nur die Einschränkung auf die drei Religionen oder das Gottesverständnis des Projekts sorgen immer wieder für Anfragen. Auch die Nähe des muslimischen Forums für Interkulturellen Dialog zur umstrittenen Gülen-Bewegung wird mit Skepsis betrachtet. Fethullah Gülen, ein muslimischer Geistlicher türkischer Herkunft, ist Wegbereiter jener Bewegung, welche sich durch das Wertlegen auf Bildung und Erziehung auszeichnet und dadurch in vielen Ländern große Erfolge erzielt hat. Fragwürdig an dieser islamischen Bewegung, die sich liberal, unpolitisch und dialogisch gibt, ist jedoch ihr Bekenntnis zu einem konservativ-islamischen Gesellschaftsbild, welches nach Meinung einiger den freiheitlich-demokratischen Werten der Mehrheitsgesellschaft entgegensteht.[11]

Trotz der Schwierigkeiten und Unklarheiten, die ein doch so ungewöhnliches Projekt mit sich bringt, wird sich das House of One letztlich daran messen lassen müssen, inwieweit es tatsächlich zum friedlichen Neben- und Miteinander der drei Religionsgemeinschaften in Berlin beitragen kann, ohne ein leeres Symbol oder Beispiel Einzelner zu bleiben. Es ist zu wünschen, dass sich die damit verbundenen Hoffnungen erfüllen.

Dieser Artikel erscheint mit freundlichen Genehmigung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, in deren monatlichem Magazin Materialdienst der Text im Januar 2016 erschienen ist.


  1. Projektleiter Roland Stolte in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur (19.9.2012), www.deutschlandradiokultur.de/ein-gott-drei-raeume.954.de.html?dram:article_id=221579 (Abruf der in diesem Beitragangegebenen Internetseiten: 4.12.2015).
  2. Infobroschüre „Ein neues Bet-und Lehrhaus auf dem Petriplatz“ vom Juni 2011, 4.
  3. Siehe Friedmann Eißler, Trägerverein für interreligiöses Zentrum in Berlin gegründet, in: MD 12/2011, 466-467.
  4. Siehe die offizielle Homepage: www.house-of-one.org/de.
  5. Friederike von Kirchbach wird das Projekt House of One unterstützen (4.9.2015), www.ekbo.de/wir/pressestelle/pressemeldungen/detail/nachricht/friederike-von-kirchbach-wird-beauftragt-das-projekt-house-of-one-zu-unterstuetzen.html.
  6. Vgl. Reinhold Bernhardt/Klaus von Stosch (Hg.), Komparative Theologie. Interreligiöse Vergleiche als Weg der Religionstheologie, Beiträge zu einer Theologie der Religionen Bd. 7, Zürich 2009; Friedmann Eißler, Komparative Theologie. Eine Alternative zu bisherigen religionstheologischen Konzepten?, in: MD 12/2011, 449-455.
  7. Vgl. Claudia Keller, The House of One. Ein Gotteshaus, drei Religionen (3.6.2014), www.tagesspiegel.de/kultur/interreligioeses-projekt-in-berlin-mitte-the-house-of-one-ein-gotteshaus-drei-religionen/9981358.html.
  8. Gunnar Lammert-Türk, Das Wunder von Berlin (1.2.2015), www.deutschlandradiokultur.de/drei-religionen-haus-house-of-one-das-wunder-von-berlin.1278.de.html?dram:article_id=310368.
  9. Siehe Sätze wie „Es ist ein Haus für den einen Gott von Juden, Christen und Muslimen“, in: Ulrich Gutmair, Ein Haus für alle (24.1.2015), www.taz.de/digitaz/2015/01/24/a0070.archiv/textdruck.
  10. Vgl. Friedmann Eißler, Vom Dialog zum Trialog? Der christlich-muslimische Dialog im Angesicht des Judentums, in: MD 7/2009, 243-256.
  11. Siehe dazu Friedmann Eißler (Hg.), Die Gülen-Bewegung (Hizmet). Herkunft, Strukturen, Ziele, Erfahrungen, EZW-Texte 238, Berlin 2015.
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