Selig sind, die nicht auf Ämter müssen Auf der Suche nach allen Dokumenten
Foto: Nick Leonard (CC BY-NC-SA 2.0)

In der letzten Woche war ich zusammen mit meinem Mitbewohner – nennen wir ihn Fadi – 4,5 Stunden unterwegs, um eine Sache zu klären, die seit 3,5 Monaten im Gange ist und eigentlich nicht so kompliziert sein kann – dachten wir.

Es ging darum, dem Sozialamt alle nötigen Unterlagen zu liefern, damit dieses seine Miete in unserer WG übernimmt.

Von vorne: Fadi ist seit gut acht Monaten in Deutschland und hat bis vor einiger Zeit in einer Flüchtlingsunterkunft mit vielen anderen Menschen zusammen gelebt. Im Februar diesen Jahres haben wir uns über den Leipziger Verein „Willkommen im Kiez“ kennengelernt, der Flüchtlinge und WG Bewohner_innen zusammenbringt.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Daraufhin ging eine lange Prozedur mit dem Sozialamt los. Dieses zahlt nämlich für Fadis Unterhalt, solange er diesen nicht selber bezahlen kann. Selber bezahlen ist jedoch nicht möglich, da er noch nicht arbeiten darf, obwohl er gerne würde. Wir füllten also den Vordruck des Untermietvertrags aus, machten Kopien und er reichte es ein. Ablehnung! Es fehlten wohl einige Unterlagen, die das Amt noch brauchte, außerdem gefiel ihnen die Berechnung der Miete nicht. Also versuchten wir alles Weitere zu sammeln und abzuliefern.

Irgendwann gab es eine mündliche Zusage, doch mussten die Unterlagen noch einer anderen Person im Sozialamt vorgelegt werden. Da wir deshalb guter Dinge waren überließen wir Fadi ab Anfang April das Zimmer. Es waren also schon eineinhalb Monate vergangen, seitdem wir uns kennen gelernt hatten.

Leider kam nun das nächste Problem, weil Fadi auf dem Papier nochmal umziehen musste und daher einer neuen Person auf dem Sozialamt zugeteilt wurde. Das stellte sich als kein Glücksgriff heraus, sodass sich die Mietzahlung mit offiziellem Umzug weiter hinauszögerte.

Und wieder merkte jemand, dass noch irgendwelche Dokumente fehlen würden. Also: Immer wieder hin und Unterlagen einreichen. Immer wieder fiel dem_der Sachbearbeiter_in offenbar etwas Neues ein. Das lag vermutlich noch nicht einmal an einem grundsätzlichen Unwollen oder Boshaftigkeit derjenigen Person, sondern wohl vielmehr daran, dass auf Ämtern scheinbar öfters Chaos herrscht und Sachbearbeiter_innen manchmal wie Professor_innen sind: Sie setzen etwas voraus, was kein normaler Mensch wissen kann. Zum Glück hatte Fadi bis dahin große Unterstützung von einer deutschen Freundin, ohne die wir wohl alle schon lange aufgegeben hätten.

Irgendwann gab es dann eine Zusage zum 01. 06. Wir mussten noch einmal hin, einen aktuellen Untermietvertrag einreichen und eine weitere Erklärung. Das machten wir diesmal zusammen und uns wurde mitgeteilt, dass wir in der nächsten Woche noch einmal kommen müssten. Es klang nach einer kleinen Formalie, wie einer Unterschrift.

Zum Glück rief ich noch einmal im Sozialamt an, um etwas nachzufragen, denn dann wurde mir noch mitgeteilt, dass wir zum nächsten Termin einen „Laufzettel“ für den offiziellen Umzug mitbringen müssen – wurde vorher vergessen uns zu sagen. Es klang nach einer Kleinigkeit.

Nun war der 31. 05., wir fuhren für 13:30 Uhr zum Amt und dachten uns, das müsse ja jetzt eigentlich schnell gehen. Leider nein. Der „Laufzettel“ entpuppte sich als sehr entscheidend, denn nur mit diesem war es überhaupt möglich den Prozess abzuschließen. (Gut, dass ich angerufen hatte…) Wer Asterix und Obelix kennt, darf jetzt an „Passierschein A 38“ denken, denn wir mussten nun vier Stempel sammeln.

Nr. 1 gab es direkt bei Fadis Sachbearbeiter_in. Nr. 2 gab es einige Räume weiter auf dem selben Stock. Nr. 3 gab es eine Etage tiefer beim Bürgeramt, wo wir „nur“ etwa 25 Minuten warten mussten, weil Fadi so schlau war und schon bei unserer Ankunft einen Wartezettel gezogen hatte.

Für Nr. 4 mussten wir durch die ganze Stadt fahren. Nebenbei: Zum Sozialamt war es schon eine halbe Stunde mit der Straßenbahn. Nun also einmal auf die andere Seite der Stadt zur Ausländerbehörde, denn ohne den letzten Stempel keine Miete. Laut Bahn-App 40 Minuten Fahrt. Viel Zeit hatten wir nicht, denn das Sozialamt macht um 18 Uhr zu. Also schnell los.

Hinein in die Straßenbahn, beim Umsteigen in den Bus rennen wir und bekommen so noch einen Bus früher, der etwas Verspätung hat. Rein in die Ausländerbehörde und Zettelchen ziehen. Aber wo nur? Müssen wir zu „Asyl“ oder zu „Adresse ändern“? Wir entscheiden uns für „Adresse ändern“. Leider war es ziemlich voll, sodass wir eineinhalb Stunden warten mussten.

Immer wieder suchte ich in der Zwischenzeit die nächste Verbindung zurück zum Sozialamt raus. Immer wieder musste ich eine spätere Abfahrtszeit einstellen. Dann waren wir auf einmal dran. Es war mittlerweile 16:45 Uhr. Wenn jetzt alles klappt, dann sind wir gut in der Zeit.

Wir setzen uns in den Raum, Fadi gibt seinen Pass ab und der Mensch auf der anderen Seite des Tisches sagt, dass wir zu „Asyl“ müssen, weil Fadi noch keinen festen Aufenthaltsstatus hat (oder wie auch immer das heißt …). Ich vergrabe meinen Kopf in den Händen und bin zwischen Lachen und Verzeiflung. Zum Glück müssen wir nicht nochmal ewig warten, sondern kommen nach recht kurzer Zeit dran. Zwei Minuten und alles ist fertig.

17 Uhr. Ich bin einigermaßen beruhigt. Bus, Umsteigen, Straßenbahn. Es ist gegen 17:30 Uhr, die Fahrt ging erstaunlich schnell, als wir im Sozialamt ankommen. Wir geben den Zettel ab, die Miete wird angewiesen, wir machen einen high-five und fahren nach Hause.

Selig sind, die nicht auf Ämter müssen.

 

(Dieser Artikel beruht auf dem Stand von Anfang Juni 2016.)

Schlagwörter: , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.