Anregung zum Nachdenken Eine Neuinterpretation von Lessings „Nathan der Weise“

Wie begegnet uns der Islam in den Medien?

Diese Frage stellt sich mir nicht zum ersten Mal. Beinahe täglich erscheinen Artikel in der Zeitung oder Berichte im Fernsehen und Internet, die den Islam als Thema haben. Viel zu oft geht es dabei um Menschen, die sich radikalisiert haben, um Angst oder Terror.

Gibt es auch andere Kanäle, die uns eventuell auch andere Stimmungen widerspiegeln in Bezug auf das Thema Islam? Und welche?

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Tatsächlich gibt es die. Anfang dieses Jahres fand in den Kammerspielen von Bonn die Erstaufführung einer neu interpretierten Version des Stückes „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing statt. Ein Theaterstück, das „an die Schmerzgrenzen der politischen Korrektheit“ geht, schrieb der Deutschlandfunk.

Der Regisseur Volker Lösch hat in seiner Neuinterpretation zwölf muslimische junge Erwachsene als Laien-Schauspieler mit in sein Stück eingebunden. Die Männer und Frauen haben eigene Texte mit einbringen können. Es sind reale Erlebnisse und Dialoge, die sie als Chor auf die Bühne bringen und damit eine Brücke bauen zwischen der künstlerischen Neuinszenierung eines bereits bekannten Dramas und der Aktualität und Dringlichkeit dieses Themas.

Wer Lessings „Nathan der Weise“ nicht kennt, der sollte wissen: In diesem Stück geht es um Toleranz zwischen den drei monotheistischen Religionen.

Umso überraschender ist Löschs emotionale und politische Darstellung dieses Dramas. Die Zuschauer sehen eine Unterrichtsszene, ein Klassenzimmer, in dem ein Lehrer über Lessings Drama erzählt. Die muslimische Schülerschaft empört sich über die pseudo-toleranten Argumente des Deutschlehrers, wirft mit Reclam-Heften und konfrontiert ihn mit ihren eigenen Erfahrungen als Muslime in Deutschland.

Diskriminierung, die falsche Deutung des Korans, Witze über die Religion. Es werden die verschiedensten Stimmungen und Klischees aufgegriffen und ins Extreme geführt: ein Tanz in bunten Burkas, Hinrichtungen an Plastikköpfen, die IS-Fahne wird gezeigt.

Zum Ende hin werden dem Theaterpublikum die Antworten einer Umfrage vorgelesen, die die Laien-Schauspieler zuvor an den Bürgen – der „Salafistenhochburg“ in Bonn, wie der Deutschlandfunk schreibt – durchführten: Gehört der Islam zu Bonn? Die Antworten erschrecken und stimmen nachdenklich. Sie regen auch zum Gespräch an.

Das Theaterstück geht mir gedanklich noch lange nach. Eigentlich lief es mir eher voraus, da eine gute Bekannte von mir dort als eine der muslimischen Frauen mitgespielt hat: Eine junge Studentin, die ab und zu bei uns babysittet, eine „wie du und ich“. Sie engagiert sich für Jugendliche im Heim, für Flüchtlinge.

Eine Frau, mit der ich über Theologie und Glaubenserfahrungen spreche, die abends ihren Gebetsteppich auf unseren Wohnzimmerboden legt. Aber es ist auch eine Frau unter vielen muslimischen Frauen und Männern in Deutschland, die miterleben muss, dass ihr Glaube fehlinterpretiert und ihre Religion missverstanden wird.

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