Farbige Symmetrie Bildbetrachtung
Das Treffen der Theologen, Abd Allah Musawwir (16. Jh.) (gemeinfrei)

„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“ – Goethe

Jenseits jeder Definition, den unterschiedlichen Ansprüchen und Erwartungen, die an Kunst gestellt werden, jenseits von ideologischen, religiösen, bejahenden, stürmerischen, vernichtenden oder gleichgültigen Positionen der Kunst gegenüber, bleibt ein Kern, vielleicht das Wesentliche der Kunst, das sich jeder Analyse und Begrifflichkeit entzieht. Weil es nicht den Verstand ansprechen will, sondern das zutiefst Menschliche und zugleich das Sehnen erweckt nach dem Numinosen, dem Ewigen, dem Anfang und Ende von allem.

Es soll an dieser Stelle nicht um kunsthistorische Analysen gehen oder philosophische Grundlagenforschung in Bezug auf Kunst. Stattdessen wollen wir uns ohne Vorwissen und ohne Vorurteile Kunstwerken des Islams zuwenden. Inspiriert, aber ohne Verpflichtung, ist das Ganze durch das Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ von Navid Kermani.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

"Das Treffen der Theologen", Abd Allah Musawwir, 1550/60 (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAbd_Allah_Musawwir_-_The_Meeting_of_the_Theologians_-_Google_Art_Project.jpg">gemeinfrei</a>)

Farbenfroh und auf den ersten Blick symmetrisch wirkt das Bild. Aber dadurch nicht starr oder langweilig. Satte, dunkle Blautöne, die ihr Gegenstück im sandfarbigen Ockerton finden, ein Kontrast, der harmonisch wirkt.

Wir blicken in ein Gebäude, das nicht in pedantischer perspektivischer Richtigkeit angelegt ist und das auch gar nicht nötig hat – denn es ist prachtvolles Haus und stabiler Rahmen zugleich. Es gibt Halt und ist ebenso Fläche für ornamentale Zier. Wir wissen nicht, um was für eine Art von Gebäude es sich handelt – ist es ein Tempel oder ein Gebetshaus, ein prachtvolles Wohnhaus eines wohlhabenden Besitzers oder ein öffentlicher Treffpunkt? So oder so, es ist kein alltäglicher Raum, sein Schmuck ist nicht Selbstzweck, dient nicht allein dazu, dem Auge zu gefallen, hier wird Höheres gelobt.

In diesem Gebäude ist so einiges los. Zwanzig Männer kann man zählen, einige davon scheinen das Gebäude gerade erst zu betreten, andere sitzen bereits in der Mitte, einander gegenüber, vertieft in Gespräche. Wieder andere sind in Nischen zu erkennen, sie schauen herab auf das Zentrum des Raumes.

Für das westliche Auge sind die Kleidungsstücke nicht gewöhnlich. Die Männer tragen Turbane und lange Gewänder in unterschiedlichen intensiven Farben. Zeichnen sich diese Männer durch ihre Kleidung besonders aus, zeigen sie so, dass sie einer bestimmten Gemeinschaft angehören? Haben die Farben unterschiedliche Bedeutungen? So oder so bringen sie Lebendigkeit mit sich und den Eindruck von Freundlichkeit.
Wenn wir ganz nah herangehen, dann sehen wir, dass jedes Gesicht unterschiedlich aussieht, jeder Mann ist individuell und die Mimik spiegelt höfliche Heiterkeit.

Offenbar besprechen diese Männer etwas, vor ihnen liegen Bücher. Sie sind in kleinen Gruppen einander zugewandt, manch einer gestikuliert mit den Händen. Worüber sie wohl sprechen? Klatsch und Tratsch wird es nicht sein. Vielleicht sprechen sie über die Texte, die in den Büchern stehen. Was steht darin? Gedichte oder Sagen und Legenden. Oder sind es Rechtstexte, die das gemeinsame Leben regeln sollen. Oder sind es fromme Texte, religiöse Schriften, philosophische Traktate?

Sind die Männer Gelehrte? Was diskutieren sie wohl? Religiöse Fragen, vertreten sie unterschiedliche Meinungen und versuchen, diese im Gespräch miteinander zu verteidigen, einander anzunähern? Besprechen sie Gedichte alter Meister, die Weisheit vergangener Tage in die Gegenwart tragen?

Sie wirken nicht aufgebracht oder gar aggressiv. Ganz im Gegenteil, Haltung und Position wirken offen, fast so als ob der Betrachter eingeladen ist, sich jederzeit dazu zusetzen, zuzuhören und mitzureden. Und wenn er nicht mitdiskutieren will, so hat er doch immerhin die unschätzbare Gelegenheit die feinen floralen Ornamente, die exquisiten Mosaikarbeiten und die üppige Farbenpracht, die ihn umgibt, auf sich wirken zu lassen.

„Das Treffen der Theologen“ heißt dieses Gemälde, das dem Künstler Abd Allah Musawwir zugeschrieben wird. Es entstand in der Mitte des 16. Jahrhunderts und wurde mit Tinte und Wasserfarben auf Papier gemalt. Es ist etwa 28cm hoch und 19cm breit, also etwas kleiner als ein DinA4-Blatt.

Die hohe Kunstfertigkeit und Geduld, die der Künstler aufgebracht haben muss, um die feine Ornamentik so gestochen scharf und präzise zu Papier zu bringen, ist beeindruckend. Auch heute noch sind die Farben so intensiv wie am ersten Tag. Das Bild beweist unaufdringlich, dass Symmetrie und feste Formen nicht eng oder bestimmend wirken müssen, sondern im Gegenteil einladend und offen sein können. Und, dass ein Treffen von Theologen offenbar ein recht harmonisches Ereignis sein kann, auch wenn unterschiedliche Positionen vertreten werden.

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