Porno für Gesellschaftskritik Rezension „The Cocka Hola Company“ von Matias Faldbakken
Foto: AlexVan (CC0)

Im Theologiestudium und insbesondere in der Kirchengemeinde trifft man selten Misanthropen. Und wir als Christen würden auch nicht auf die Idee kommen, uns an der Verachtung dieser Menschen zu erfreuen. Ein Buch, das den Status Quo und auch den Leser herausfordert ist „The Cocka Hola Company“ von Matias Faldbakken, das in Deutschland 2005 erschienen ist.

Es handelt sich dabei um eine Skandinavische Misanthropie, welche zusammen mit den beiden folgenden Büchern Macht & Rebel sowie Unfun als Trilogie zu betrachten ist. Obwohl es einen Angriff auf die Konsensgesellschaft darstellte, wurde das Buch in den Feuilletons gefeiert, der Vergleich zu Michel Houellebecq fiel, und auch die großen Theaterbühnen Deutschlands führten das Werk auf.

Disclaimer

Wer um sein Seelenheil besorgt ist oder wer sich nicht sicher ist, ob er von der Kunst abstrahieren kann, den möchte ich bitten, nicht weiterzulesen. Denn den als Roman betitelten Text würde ich in die Rubrik ‚extremistische Gegenwartsliteratur‘ einordnen. Wer aber Interesse am Urlaub vom Gesittetsein hat, möge unbedingt weiterlesen. Quasi als Belohnung gibt es am Ende des Artikels auch den Hinweis auf die Schlussszene, die ohne religiöse christliche Codes nicht auskommt.

Wilde Protagonistenschar

Faldbakken lässt in seinem Buch eine wild gewordene und mit Freude überzeichnete Protagonistenschar auf den Leser los. Denn wie es zutreffend im Klappentext heißt, sind die Helden des Romans sexbesessen oder impotent, süchtig oder abstinent. Alles dreht sich um die Pornoproduktionsfirma DESIREVOLUTION, die Simpel, dem wohl größten Misanthropen des Romans, als Geldquelle für seine anarchischen Projekte dient. Die Pornogelder finanzieren quasi Gesellschaftskritik. Diese „Projekte“ haben Ähnlichkeiten mit den Happenings der 68er-Jahre.

Aber statt den Kapitalismus oder die Altkonservativen zu bekämpfen, geht es hier gegen nette, freiheitlich denkende und aufgeklärte Mitbürger. Die Aktionen sprechen für sich bei Titeln wie „Unschuldige Mobben“, „Wer hört einen Hilfsarbeiter schreien, der um Hilfe ruft“, „Fuck up the Neighbourhood“.

Alle Personen in diesem Buch versuchen irgendwie der Konsensgesellschaft zu entfliehen, kämpfen um ein Leben in Freiheit. Ritmeester, Pornoideologe und DESIREVOLUTION-Theoretiker, lebt in selbst gewählter sozialer Isolation und schreibt schriftliche Bewertungen der neuesten Filmwerke der Firma. Er ernährt sich ausschließlich von Magermilch, Weißbrot, Zigaretten und konsumiert Pornofilme und obskure Zeitschriften. Speedo, ein Ex-Abstinenzler hat sich vertraglich zu einem Zwangsalkoholikerprogramm verpflichtet und dient als Laufbursche. Casco und Tiptop, die beiden männlichen Pornodarsteller, kommen sich bei einem Dreh unverhofft körperlich nahe. Eisenmann ist der Requisiteur, aber wohl eher hauptberuflicher Drogenbeschaffer. Und dann gibt es noch Lonyl, der verhaltensgestörte Sohn von Simpel, der grundsätzlich alles mit Filzstiften bemalt und damit seine Lehrerin sowie den Schulpsychologen auf die Palme treibt und außer Carpaccio nichts isst.

Lonyl. – Ja. – Weißt du, dass du die Tür aufdrücken musst. – Ja. – Dann drück. – Ja. – Jetzt mach ich noch mal auf. Bist du bereit? – Ja. – [Türdrücker.] – Bist du jetzt drin? – Nein. – Hast du es versucht? – Nein. – Willst du reinkommen? – Nein. – Dann warte draußen, bis Papa kommt. – Nein. – Dann musst du die Tür drücken. – Ja. – Das ist jetzt das allerletzte Mal, ja. – Ja. [Türdrücker.] – Lonyl! – Ja! – Bist du jetzt drin? – Nee. – Dann bis später, tschüss. – [Türsprechanlage.] Hallo. – Jetzt drück ich. – Dann tu’s, das ist das allerletzte Mal. – Jetzt drücke ich. [Türdrücker.].

Rasanter Schreibstil

Dieses Ensemble treibt Faldbakken durch den Fleischwolf von Infomeetings, Filmdrehs, Schuladventsfeiern und Analytikersitzungen. Alles ist möglich, es gibt keine Grenzen und was tatsächlich passiert, liegt außerhalb des Erwartungshorizonts des Lesers. Oder anders ausgedrückt: der Tabubruch als Prinzip. Zugleich wird dem Leser bei dem rasant erzählten Roman viel abverlangt. Es gibt ständig Perspektiv- und Zeitenwechsel, Stilbrüche und auch mal explizite Szenen. Aber dem Text ist trotz der Misanthropen eine Fröhlichkeit an der Anarchie und dem Humor anzumerken und er ist garniert mit ständig originellen Einfällen.

Die handelnden Personen kommunizieren mit dem Leser auch auf einer Metaebene. In diesem Roman ist dabei, wie kann es bei einer solchen Geschichte nicht anders sein, das Stilmittel Sex im Einsatz. Und das meine ich ganz ernst, denn in den Folgeromanen gibt es auch immer ein bestimmtes Mittel in dem sich die handelnden Personen an den Leser wenden (z.B. in Unfun das Thema Gewalt). Das finde ich als Leseerlebnis spannend, da normalerweise Autoren bei solchen Szenen häufig versagen, sich verlieren oder zu viel hineinpacken.

Die Pointe: Der Misanthrop erhält Anerkennung

In der Schlussszene landet Simpel im Fernsehstudio und wird von Journalist Peter Nilsen zu seinen Aktionen interviewt. Diese Szene offenbart die tiefgründigen Gedankengänge der Misanthropie und das Unverständnis der Gesellschaft für eine solche Haltung. Für Simpel ist Misanthropie nicht einfach nur Menschenverachtung. Er glaubt nicht, dass die Leute was Gutes im Schilde führen. Zugleich glaubt er nicht, dass die Dinge besser würden, wenn er seinen Willen bekommen würde und die Leute formen würde „Alle Leute haben schäbige, zum Scheitern verurteilte Ideen, alle Leben sind schäbig und zum Scheitern verurteilt, egal wie“.

Trotz seiner Aktionen glaubt Simpel nicht, dass sich was ändern könnte in dieser Welt. Er handelt also aus seiner Überzeugung der Menschenverachtung heraus und orientiert sich nicht an den Wirkungen dieser.

„Ich habe die Faszinationsdiktatur der Kulturschaffenden satt gehabt. Und da unser Land vor lauter Kulturarbeitern bald überläuft, dachte ich, es ist höchste Zeit, etwas gegen die Faszinationsgeneration zu unternehmen. – [Moderator.] Es geht sowieso alles zum Teufel, willst du sagen? – Jetzt hör mal gut zu: Ja! Wir sind schon zum Teufel gegangen. [Beifall mit Gejohle.] – Das Publikum liebt dich. Was, wenn die Leute dir zustimmen. – Zustimmung ist der Satan! – Der Satan? – Wenn sie dich gut finden, hast du verloren, dann bist du tot! [Beifall.]“

Das Deprimierende für Simpel ist die Anerkennung des Publikums. Denn genau gegen jene Menschen richten sich seine Aktionen und von dort bekommt er nun Zustimmung. Der Misanthrop ist bestätigt in seiner Menschenverachtung. Zugleich wird er selbst Opfer der ihn umgebenden Welt. Denn kein Gedanke ist immun gegen seine Verwertung. Auch kein Gedanke von Simpel. Wenn man Faldbakken folgt, so sind wir in einer Gesellschaft gelandet, in der es Mode geworden ist, gegen etwas zu sein und wir uns gleichzeitig nicht darum kümmern, wogegen genau.

Opfer der eigenen Kunst?

Aber erkrankt der Autor sowie das Feuilleton nicht genau an dieser gesellschaftlichen Epidemie? Faldbakken erleidet doch in der Realität dasselbe Schicksal wie Simpel: Der große Erfolg seiner Bücher verwässert seine Botschaft, da sie positiv und wohlwollend aufgenommen wird und dadurch keine Auswirkungen mehr haben kann. Auch Faldbakken selbst sieht dieses Problem, ist aber davon überzeugt, dass es immer Möglichkeiten gibt, anti zu sein ohne populär zu werden.

Zugleich muss man feststellen, dass das Feuilleton nicht verstanden hat worum es in dem Roman geht. Es wird ein Autor bejubelt, der den eigenen Berufsstand kritisiert. Wenn ich meine Gedanken wohlwollend schweifen lasse, stelle ich mir einen alkoholtrinkenden Schriftsteller in einem verrauchten Zimmer am Schreibtisch sitzend vor, der genau diese Situation vorhergesehen hat und mit viel Liebe und Leidenschaft am schwarzen Humor und diabolischen Gedankengut feilt, und immer wenn er heute eine wertschätzende Äußerung zu seiner Kunst vernimmt, mit dem Tode ringt, nur einen Moment davon entfernt, sich zu Tode zu lachen.


The Cocka Hola Company
Matias Faldbakken
Heyne Hardcore
9,99 € (Taschenbuch)
Link zur Verlagshomepage

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