Die Kirche ist für alle da? Über Vorurteile und (k)eine christliche Gemeinschaft

Fremde in der Kirche

Katholischer Gottesdienst – der Pfarrer steht am Altar und spricht das Hochgebet, die Gemeinde scheint von Zusammenhalt geprägt und ein eingespieltes Team zu sein: Messdiener, Lektor, Kommunionhelfer. Jeder hat seine Aufgabe und fühlt sich aufgehoben. Doch diesmal ist alles ein wenig anders. Heute ist der weiße Sonntag, an dem die Kommunionkinder das Sakrament der Erstkommunion empfangen. Es ist das erste Sakrament, was ein Mensch nach der Taufe (bei der man meistens noch zu klein ist, um sie wirklich mitzubekommen) empfängt. Somit ist die Erstkommunion auch ein erster wichtiger Entscheidungsschritt, den ein Kind gehen kann. Deshalb sind auch Leute da, die sonst nicht in die Kirche kommen oder sich vielleicht gar nicht als Christen bezeichnen würden. Trotzdem sind sie hier. Sie wollen das schöne Erlebnis mit den Kommunionkindern teilen.

Auf die Frage, ob sie willkommen sind, wäre die Antwort wahrscheinlich zunächst einmal: Na klar. Aber wenn man sich selbst mal in den Gottesdienst einer fremden Gemeinde – oder besser noch einer anderen Konfession – setzt, wird man bemerken, dass man sich zwar nicht ausgeschlossen, aber schon irgendwie fremd fühlt. Denn man kennt niemanden und einige Dinge unterscheiden sich wahrscheinlich von der eigenen Gemeinde. Dadurch fühlt man sich unsicher und nicht so wohl.

Gemeinschaft?

Es gibt auf der einen Seite verschiedene Religionen, die sich weltweit nicht verstehen. Aber selbst in der kleinen Welt der Christen sind da beispielsweise katholische und evangelische Gläubige: Obwohl wir alle an den einen Jesus Christus glauben, klappt es oft nicht, Gemeinschaft zu schaffen. Das beginnt in der Schule mit getrenntem Religionsunterricht und endet beim Glaubensbekenntnis, das im katholischen Gottesdienst den Wortlaut „Ich glaube an die heilige katholische Kirche“ anstatt allgemeingültiger „christliche Kirche“ hat. Der getrennte Religionsunterricht führt dazu, dass sich Menschen gegenseitig nach ihrer Religion beurteilen und sich religionsbezogene Grüppchen bilden. Doch eigentlich sollen die Kinder im Unterricht nicht nur ihre eigene Religion, sondern genauso „fremde“ Religionen verstehen, kennen- und akzeptieren lernen. Das würde am besten mit gemischtem Religionsunterricht möglich sein.

Er liebt uns alle gleichermaßen

Häufig vergessen wir, dass wir alle zusammengehören, von Gott alle gleich geliebt werden und vor ihm alle gleich sind. Schon Jesus ermahnte uns Menschen zur Einheit. In Eph 4,3-6 heißt es: „Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“

Was das alles mit Dir zu tun hat

Du sitzt jetzt vielleicht gerade an einem gemütlichen Ort und denkst „Was habe ich damit zu tun? Ich bin doch tolerant und offen!“. Aber wie wäre Deine Reaktion, wenn eine Kopftuchtragende in einem katholischen oder evangelischen Gottesdienst zu Gast ist? Sicherlich würdest Du verwirrt schauen, was sie hier zu suchen hat und erst einmal sehr skeptisch sein. Und da fängt es schon an – wir sollen aufeinander zugehen, miteinander reden! Ich selbst weiß von mir, dass ich – auch wenn ich es nicht mag – Vorurteile habe. Gleichzeitig bin ich aber immer sehr offen dafür, hinter die Kulissen zu schauen und Vorurteile abzulegen. An Weihachten erwische ich mich zum Beispiel dabei, in Gedanken diejenigen zu verurteilen, die nur an diesem Fest und sonst nie in die Kirche kommen. Nach einigen Überlegungen werde ich dann aber diplomatischer und versuche zu verstehen, dass das Weihnachtsfest – und damit Gott, der Glaube und die Kirche – diesen Leuten anscheinend trotzdem etwas bedeutet. Denn sonst wären sie ja nicht an Heiligabend in der Kirche. Wichtig ist es, zu versuchen, den Anderen zu verstehen. Es ist wichtig, Vorurteile abzulegen – vor allem in Gottesdiensten wie beispielsweise Heiligabend, Ostern oder eben bei der Erstkommunion.

Die Fremden im Gottesdienst

Wenn Toleranz, Offenheit und Liebe unser Leben prägen würden, dann käme es vielleicht sogar zu einem Gespräch mit einem Nicht-Christen nach diesem katholischen Gottesdienst. Möglicherweise würde man als „alter Hase“ der katholischen Kirche verstehen, dass derjenige das Erlebnis der Kommunion mit einem Verwandten teilen möchte – und bestenfalls würde der Nicht-Christ verstehen, warum man selbst jeden Sonntag in die Kirche geht.

Nur durch Kommunikation und Offenheit können wir voneinander lernen und einander verstehen und genau dann kann auch Jesus mit seiner großen Liebe mitten unter uns sein. Nimm Dir doch einfach mal zur Aufgabe, Dich in die anderen hineinzufühlen – wie fühlt sich wohl ein muslimischer Onkel, der seine Nichte zur Erstkommunion in den Gottesdienst begleitet… Und würdest Du an seiner Stelle gerne mit skeptischen Blicken beäugt werden? Mit Sicherheit nicht!

Gleichzeitig solltest Du Dich nicht nur damit beschäftigen, ganz persönlich ein paar Vorurteile beiseite zu legen und Dich in Offenheit zu üben. Auch in einer ganzen Gemeinde kannst Du Dich für das deutlichere Ausdrücken eines „Herzliches Willkommen“ einsetzen. Eine ganz simple, aber wirkungsvolle Art ist es, Gebete wie beispielsweise das Vater Unser auszudrucken, sodass auch Menschen anderer Religionen mitbeten und sich zugehörig fühlen können.

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5 Kommentare anzeigen

  1. Melchior

    Liebe Mirjam, vielen Dank für deine Gedanken!
    Hättest du nicht Lust, dich von deiner Landeskirche sponsorn zu lassen und am Emergent Forum teilzunehmen? Da geht’s genau um diese Fragen…
    http://ef16.emergent-deutschland.de/

    • Mirjam

      Hallo Melchior,
      danke für diese Idee und den Hinweis auf die Veranstaltung! Ich werde mich genauer darüber informieren und vielleicht bin ich ja dann dabei.
      Liebe Grüße
      Mirjam

  2. Sebastian Schumacher

    Schöner Artikel, danke! Diese Fremdheit kenne ich nur zu gut. Ich bin Atheist und ein ziemlich diskussionsfreudiger noch dazu. Als Lehrer bin ich aber trotzdem bei Schulgottesdiensten dabei. Nicht weil ich gezwungen werde, sondern weil ich hören möchte, was den Schülerinnen und Schülern wichtig ist. Da komme ich schon in Entscheidungssituationen: Wie weit sollte ich mich beim Singen und Beten beteiligen? Ich möchte auf der einen Seite eine Distanz wahren zu einer Religion, die ganz und gar nicht die meine ist. Auf der anderen Seite möchte ich dennoch zeigen, dass mir die Schüler und Kollegen, die dieser Religion angehören, am Herzen liegen. Ich will mich nicht vereinnahmen lassen aber auch kein Spielverderber sein. Ich denke, der muslimische Onkel aus dem Artikel ist ein gutes Beispiel für diese Zwiespalt. Gut, dass es Menschen gibt, die genügend Feingefühl für solche Situationen haben. Daher viel Erfolg im Theologie-Studium!

    • Danke für deinen netten Kommentar! Es ist schön zu hören, dass Du trotz dessen, dass Du Atheist bist, in den Schulgottesdiensten dabei bist. Das ist der erste Schritt zu Offenheit und Toleranz und da kann sich so manch einer ein Vorbild an Dir nehmen.
      Viel Spaß bei allen zukünftigen Schulgottesdiensten!

  3. Sebastian Schumacher

    Danke für die netten Worte. Für mich ist der Besuch des Gottesdienstes anstrengend, weil ich den Worten der Schulpfarrerin (eine ansonsten von mir sehr geschätzte Kollegin) widersprechen und diskutieren möchte. Es ist also eine Übung in Selbstbeherrschung für mich, den Gottesdienst zu ertragen. Ich würde mir als Ausgleich eine Möglichkeit wünschen, in der auch nicht-religiöse Weltanschauungen in der Schule präsent sein können, wie es z.B. in Berlin mit dem Fach „humanistische Lebenskunde“ geschieht.

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