Moment mal: Die Gedanken sind hitzefrei
Foto: Lulu Hoeller (CC BY 2.0)

Wenn schon Bonhoeffer seine Gedanken bei großer Hitze nicht so richtig zusammenbehalten konnte, wie soll dann ich zwei Hausarbeiten schreiben? Die Bibliothek kann ich jederzeit verlassen, um ins Freibad zu gehen oder ein kühles Radler zu trinken oder ein Zitroneneis zu essen, zu viel Freiheit ist meiner Produktivität nicht förderlich.

Momentan zeigt das Thermometer 33 Grad an. Wieviel Grad es in Bonhoeffers Zelle am 8. Juli 1944 hatte, weiß man nicht, aber er schrieb: „Ich sitze wie in einem Backofen, nur mit einem Hemd […] und einer Turnhose bekleidet“, und „die biblische Seite […] darzustellen, erfordert mehr gedankliche Klarheit und Konzentration, als ich heute besitze1.“ Dem eigenen Standesbewusstsein verpflichtet hätte sich Bonhoeffer wohl niemals erlaubt, Shorts zu tragen; ich darf das.

Trotzdem komme ich nicht voran. Statt über Kirche und Soziologie nachzudenken, beschäftigt mich Kirche und Eis am Stiel: Könnte man nicht in Zeiten größter Hitzewellen einen kühlen Weißwein statt diesem süß-warmen Traubensaft beim Abendmahl ausgießen? Und wenn man gleich dabei ist – Stieleis statt trockenes Brot oder klebrige Oblaten?

Vielleicht ist das nicht genug, die Form an Hitze anzupassen, vielleicht muss Kirche an die Substanz gehen, um entschlossen den heißen Temperaturen zu widerstehen. Wo bleibt die Theologie der Kühle, die zu den heiß lodernden Flammen der Hölle nicht noch das Feuer des Heiligen Geistes erwärmt; aber die Gott in der Frische des Windes findet?

Das wäre dann auch frischer Wind, um neu über das Verhältnis von Nachfolge und Klimaschutz nachzudenken: Der Kampf gegen die Erderwärmung als religiöse Pflicht, als symbolischer Kampf gegen den  Hades, das Fegefeuer, den Feuersee.

Apropos Feuersee. So heißt auch der See, der in Stuttgart die Johanneskirche umgibt. Da fahr ich jetzt hin, steck meine Füße ins kühle Wasser und denke an was anderes.


(1): Bonhoeffer, Dietrich, 1951: Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. 18. Auflage. (Seite 184)

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