Creating an Image – Die Marke Luther
Bild: Gemeinfrei

Ein Freund von mir hat eine Packung „Lutherol“ im Regal neben seinem Schreibtisch liegen. Auf den ersten Blick eine Packung wie man sie von handelsüblichen Kopfschmerztabletten oder ähnlichem kennt. Aber – und hier kommt der vermutlich lustig gemeinte Clou: das ganze enthält keine chemischen Substanzen, die in Pillenform gepresst wurden, sondern kleine Papierröllchen, die man aus Blisterpackungen herausdrücken kann.

Wenn entrollt, ist ein Lutherzitat zu lesen. „Breitband-Theologicum für Geist und Seele“ ist der drollige Beiname des Produkts. Von der Packung lächelt uns Martin Luther an. Als Vorlage dafür mag eines der schier unzähligen Lutherportraits gedient haben, die im 16. Jahrhundert die Cranach-Werkstatt in Wittenberg verlassen haben, das Lächeln jedoch ist eindeutig eine moderne Hinzufügung und auf gewisse Weise verstörend.

Es ist Lutherdekade und alles strebt auf das große 500-jährige Reformationsjubiläum 2017 zu – neben diversen Ausstellungen zu allerlei Themen, die in welcher Art auch immer mit der Reformation und dem prominenten Mönch, der sie zu verantworten hat, zu tun haben könnten, gibt es eine stetig wachsende Zahl von Dingen, die eigentlich kein Mensch braucht, auf denen aber „Luther“ steht und die im besten Fall ein witziges Mitbringsel sind. Wo „Luther“ draufsteht, schaut er uns oft auch selbst an, jedenfalls in bildlicher Darstellung (nicht auszudenken, was für einen Blick Luther einem schenken würde, wenn er den Trubel um das Jubiläum mitbekommen würde).

Luther ist eine Marke, ein Brandzeichen geworden, das dabei helfen kann, sich auf dem Markt zu orientieren. Aber diese Marke ist keine Erfindung findiger Fachleute der Werbewelt, die von der EKD angeheuert wurden, sondern so alt wie die Reformation selbst.

Personenkult und Lust an Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen, ist keine Erscheinung der gegenwärtigen Medienwelt. Als 1517 ein Mönch und Professor aus Wittenberg durch kontroverse Meinungen reduziert auf 95 Thesen auf sich aufmerksam macht, da scheint es ein Interesse an ihm zu geben, das über die gelehrten Kreise der Gesellschaft hinausreicht.

Titelbild einer Lutherpredigt zur Leipziger Disputation 1519, Holzschnitt, Leipzig 1519

Titelbild einer Lutherpredigt zur Leipziger Disputation 1519, Holzschnitt, Leipzig 1519 (Gemeinfrei)

Störrisches Wesen und Verzicht auf einlenkendes Verhalten zeichnen den Wittenberger sowohl in Schrift als auch im öffentlichen Auftreten aus. Als er 1519 in Leipzig zur Disputation mit Eck zusammenkommt, können auch die, die nicht selbst anwesend sind, einen Blick auf Doktor Martin Luther werfen.

Denn auf dem Titelblatt einer Predigt, die er zu diesem Anlass hält, wird das Bildnis eines Mönches abgedruckt. Zugegeben, nur die das Bild rahmende Umschrift lässt uns erkennen, wen wir da vor uns haben – und auch die stellt den Leser vor Herausforderungen, denn sie wurde spiegelverkehrt gedruckt. Der dekorative Mönch mit Doktorhut, der seine Hände im Redegestus hält und nach links blickt, zeichnet sich nicht durch ein hohes Maß an Individualität oder markante Gesichtszüge aus.

Diese anonym erscheinende Darstellungsform ist jedoch dem zeitgenössischen Betrachter nicht fremd und mag vielleicht an Holzschnitte Heiliger erinnern, zeigt aber vornehmlich, dass ein gewisses Interesse nicht nur an dem, was dieser Luther sagt, sondern auch daran, wie er aussieht und wie er so tickt, vorhanden ist. Das ist auch heute noch recht gut zu verstehen, denn was man von Luther kannte, wenn man nicht in Wittenberg war, waren seine Schriften.

Anders als wir es von der Weimarer Ausgabe kennen, deren große Bände Buchregalreihe um Buchregalreihe einnehmen, sind diese Schriften einzeln in handlichem Format einer damals gängigen Frakturschrift auf gelbliches Papier gedruckt und in hoher Auflage im Umlauf bei Hinz und Kunz – da konnte der, der des Lesens mächtig war, zwar nachvollziehen, was der Mönch formuliert, aber wie man sich den Autor in seiner Körperlichkeit vorstellen soll, das bleibt offen.

Ein eigenes Portrait bekommt man bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts eigentlich nur, wenn man Teil des Adels oder des hohen Klerus ist – erst langsam durch das wachsende Selbstbewusstsein des Bürgertums halten Künstler die Gesichtszüge beispielsweise von wohlhabenden Kaufleuten für die Ewigkeit fest.

Und doch scheint sich Lucas Cranach der Ältere, seit Anfang des 16. Jahrhunderts Haus- und Hofmaler bei Friedrich dem Weisen und in unternehmerischen Abenteuern seiner Zeit weit voraus, um solche Konventionen nicht zu scheren und fertigt ein schlicht-anmutendes Portrait Luthers an, das diesen als Augustinermönch zeigt.

Dieses Portrait wird das erste einer Flut von Lutherportraits, die sowohl während der Reformation, aber auch durch die Jahrhunderte danach entstehen und verbreitet werden. Soweit sogar, dass der Portrait-Stereotyp zum Markensymbol für alles wird, was mit Luther zu tun oder nicht zu tun hat: Luther-Dekade-Plakate, Ausstellungen, Flaschenöffner, T-Shirts, Tomaten und Luthers-schönste-Sprüche-Bücher (die oftmals auch mit einem anderem als des Wittenbergers Gesicht verziert sind, aber Gott bewahre, dass wir in 500 Jahren das Gesicht einer ehemaligen Landesbischöfin von Hannover als Markenzeichen der Protestanten auf Flaschenöffnern finden. Ein Schelm, wer hier Böses denkt).

Zurück ins Jahr 1520, als an Luther-Kitsch noch keiner gedacht hat – aber eine solide Inszenierung Luthers schon in vollem Gange ist:
Cranach ist der Marketing-Stratege hinter dem Luther-Image: er präsentiert uns Luther als Augustinermönch mit Kutte und Tonsur.

Portrait von Martin Luther als Augustinermönch, Kupferstich, Cranach, 1520

Portrait von Martin Luther als Augustinermönch, Kupferstich, Cranach, 1520 (Gemeinfrei)

Gesichtszüge kantig, Wangenknochen eingefallen, Stirn wulstig. Ein Bild, das in einer Zeit entsteht, in der viel Mut und Beharrlichkeit vom Mönch gefordert wird, und das weniger Kampfeswillen und freche Angriffsfreude widerspiegelt.

Aber öffentlichkeitstauglich ist dieses Bild vom asketischen Augustinermönch noch nicht so recht. Da die Politik von Kurfürst Friedrich auf Diplomatie und gütliche Einigung ausgelegt ist und zudem der Wormser Reichstag näher rückt, soll auch Luther gefälliger ins Bild gesetzt werden.

Martin Luther Von dem babylonischen Gefängnis der Kirche, Titelseite, Wittenberg, 1520

Martin Luther Von dem babylonischen Gefängnis der Kirche, Titelseite, Wittenberg, 1520 (Gemeinfrei)

Es entsteht also ein weiteres Portrait und dieser Kupferstich arbeitet mit dezenten Veränderungen, die subtil ein anderes Bild beim Rezipienten entstehen lassen. Wieder Augustinermönch in Kutte und mit Tonsur, die rechte Hand im Redegestus erhoben, die Linke hält ein aufgeschlagenes Buch. Das Gesicht hier weniger hager – entweder hat Luther in der Zwischenzeit mehr gegessen und an Gewicht zugenommen oder Cranach setzt bewusst auf weichere, mildere Züge.

Luther wirkt weniger abweisend und in sich gekehrt, auch wenn er dem Blick des Betrachters ausweicht. Wenige Details sind hinzugekommen, aber das reicht offenkundig aus, ein anderes Bild von Luther zu vermitteln, auch wenn sich an den äußeren Umständen der Zeit wenig geändert hat.

Das Buch rekurriert nicht allein auf Luthers sola scriptura, sein Scholaren- oder Predigeramt, sondern ist ikonographisches Attribut von Aposteln, Evangelisten, Kirchenvätern und Heiligen. Hier beginnt eine frühneuzeitliche Imagekampagne, die Luther nicht mehr nur als Mönch präsentiert, sondern ähnlich einem Heiligen oder Propheten, der für seine Überzeugung eintritt und diese mit der Legitimation des Gelehrten und der Schrift behaupten und verteidigen kann.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ACranach_Martin_Luther.jpg

Portrait von Martin Luther, 1521 (Gemeinfrei)

Dann: Luther das Bollwerk! Im Profil, angetan mit Doktorenbarett und Scholarengewand, wahlweise vor dunklem oder hellem Hintergrund bringt Cranach es zuerst heraus, bevor andere Kupferstecher in Deutschland mit der Reproduktion beginnen. Das Bildnis entsteht im Umfeld des Wormser Reichstags und spricht eine starke Bildsprache, die während und nach dem Verlauf der Geschehnisse in Worms sicherlich noch an Aussagekraft gewinnt: Hier steht einer, der nicht beabsichtigt hat, zu weichen.

Die Zeit auf der Wartburg mag aus medialer Sicht unglücklich sein, denn das Objekt der öffentlichen Begierde wird tot gewähnt. Luther selbst bleibt nichts anderes übrig als in der vielen freie Zeit, die er hat, das Neue Testament zu übersetzen.

Martin Luther als Junker Jörg, 1521/22 (Gemeinfrei)

Aber wieder ist es Cranach, der weiß, was bei den Leuten gut ankommt: Der ritterliche Luther, der nur zeitlich befristet untergetaucht ist und nun wieder auftritt. Aber in einer neuen Rolle, nämlich als bärtiger Junker Jörg. Ein Luther, fast wie Du und ich, handfest und erbverbunden, der dem Kaiser und dem Papst getrotzt hat und weder auf Exkommunikation noch auf Reichsacht viel zu geben scheint.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AGNM_-_Luther_Junker_J%C3%B6rg.jpg

Martin Luther als Junker Jörg (Gemeinfrei)

Zwar ist auch noch das Augustiner-Mönch-Bild im Umlauf, aber Cranach wird sich spätestens ab 1524 diesem Bildtypus nicht weiter widmen. Stattdessen nutzt er nun langlebigere Medien als Einblattdrucken aus Holzschnitt und Kupferschnitt und neue Motive von Luther.

Jetzt werden Gemälde von Luther produziert – und „produziert“ beschreibt den Vorgang recht gut. Cranach hat eine vielbeschäftigte Werkstatt etabliert, in der nahezu wie am Fließband Kunstwerke hergestellt werden. Nicht nur Luther-Portraits, auch Bildnisse anderer Reformatoren, ebenso Altarbilder, Landschaftsgemälde, allegorische Gemälde und so fort. Es gibt Vorlagen von Luther, die anhand eines Pauschverfahrens auf Leinwand oder Holztafel übertragen, dann koloriert, verpackt und versandt werden können.

Luther-Schablone aus der Cranach-Werkstatt

Luther-Schablone aus der Cranach-Werkstatt (Gemeinfrei)

Es entsteht nun ein solider Luther-Bild-Typus, der sich etabliert und keine Veränderungen mehr erfährt – vorbei ist es mit Luthers facettenreicher Persönlichkeit, dieser Luther steht für Beständigkeit!

Daher trägt Luther ein dunkles Scholarengewand, die Haare untonsiert und lockig, in den Händen meist eine Bibel. Er blickt den Betrachter nicht an, sondern schaut versonnen in die Ferne, ernst und bar jeder Emotion. Schlicht, aber präsent, fast schon massig und in sich ruhend, dieser Luther. Ein anderer als der, der hitzig und beleidigend in seinen Schriften gegen alles und jeden wettert, was nicht seiner Meinung ist. Und doch, Cranachs Bildtypus geht in die Massenproduktion.

Ab 1525 ist Luther weder in seinem realen noch in seiner gemalten Gestalt allein, denn ihm wird Katharina von Bora zur Seite gestellt. Was für ein imagestrategisch geschickter Plan, denn nicht nur konnte die Gesetztheit und solide Lehrerschaft Luthers weiterhin betont werden, auch wurde hier ein Statement gesetzt gegen den Vorwurf, dass ein eidbrüchiger Mönch und eine eidbrüchige Nonne ein lotterhaftes Leben führen. Martin und Käthe im Doppelbildnis als sittsame Eheleute wird zum Prototyp des beständigen Pfarrehepaars bis in die heutige Zeit und hängt im Gemeindesaal manch einer evangelischen Kirche.

Einen Luther für alle Lebenslagen hat Cranach geschaffen und einer, der die Zeiten bis heute überdauert.

Doppelporträt Martin Luthers und seiner Frau Katharina Bora, Lucas Cranach d. Ä.,1529

Doppelporträt Martin Luthers und seiner Frau Katharina Bora, Lucas Cranach d. Ä.,1529 (Gemeinfrei)

Schlagwörter: , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.