Moment mal: Pokemon Go und das übersprudelnde Internet
Screenshot: Pokemon Go

Pokémon Go heißt das neue Internet-Phänomen. Bestimmt habt ihr davon gehört. Aber das ist ja nichts Besonderes. Die dort auf Twitter erfinden bekanntlich alle drei Tage Trends, die so schnell wieder verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Und die außerdem außerhalb der Sozialen Netzwerke nur irgendwelchen Nerds bekannt sind.

Pokémon Go lässt sich allerdings nicht so recht in dieses Schema einordnen. Es ist ein Internet-Trend, der sich nicht nur in Hashtags und geänderten Profilbildern äußert, sondern der bewirkt, dass echte Menschen in der fleischlichen Kohlestoffwelt nach draußen gehen. In meiner üblicherweise ruhigen Wohngegend im Leipziger Norden standen in den letzten Tagen verdächtig viele Menschen mit Smartphone in der Hand auf öffentlichen Plätzen herum; verdächtig viele Eltern machten mit ihren Kindern halbherzige „Spaziergänge“, Augen auf dem Display. Meine Güte, meine Mutter schreibt mir, dass sie „schon Level 7“ sei. Das Internet ist in die normale Welt übergesprudelt.

Niemand kann so recht erklären, wie es dazu kam. Ist es der Durchbruch von „virtual reality“? Liegt es daran, dass meine Generation ihre halbe Kindheit mit diesen Sammelmonstern verbracht hat?

Nach dem furchtbaren Anschlag in Nizza bekommt diese Frage eine neue Dringlichkeit. Wie viele andere auch habe ich über Twitter davon erfahren. In nullkommanichts waren die Netzwerke voll von Solidaritätsbekundungen und virtuellen Gebetsaufrufen. Ich habe keinen Zweifel, dass die Menschen nicht nur #PrayForNice getweetet, sondern tatsächlich gebetet haben. Aber ist das alles? Ist dadurch unsere Anteilnahme mit den Opfern schon „real“? Leisten wir mit unseren eingefärbten Profilbildern einen Beitrag zum Kampf gegen den internationalen Terror? Oder können wir mit unseren Hashtags und Online-Petitionen dubiose Freihandelsabkommen aufhalten? Was fehlt, damit das Internet auch in solchen Fällen auf die Straßen und Plätze (und Kirchen) unserer Städte übersprudelt?

Ich mache mir keine Illusionen: Bald werden auch die Pokemon-Jäger wieder von den Rasenflächen verschwinden, in meiner Wohngegend wird wieder Ruhe einkehren. Aber die Frage bleibt, wie ausgerechnet eine alberne App die Welt verändern kann, sei es auch nur für einen kurzen Moment. Und es bleibt die Hoffnung, dass es passieren kann: Dass Menschen über das Internet näher zusammenrücken. Und tatsächlich etwas bewegen.

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