Eine Predigt im OP
Foto: Bruno Glätsch (CC0)

„Viertel acht“, sagt mein Mann mit verschlafener Stimme und einem Blick auf die Handyuhr. „Viertel acht?“, frage ich entsetzt. „Mist, ich muss in einer halben Stunde in der Klinik sein.“ Ich rolle mich aus dem Bett und lasse Mann und Kind zurück. Einem Wunder gleich stehe ich eine halbe Stunde später angezogen, gebürstet und ungefrühstückt vor der Anmeldung. „Der eingewachsene Zehennagel, Sie können sich dort umziehen.“ Eine weitere viertel Stunde später liege ich im grünen OP-Gewande auf einem Tisch und warte auf meinen Gott in Weiß.

Gott betritt den Raum. Er trägt grün, hat eine kleine, gedrungene Gestalt, weißes Haar, höheres Alter. Die Schwester hat bereits alles vorbereitet. Er fängt in aller Gemütlichkeit an meine Zehe vorzubereiten.

„Was studieren Sie denn?“
„Evangelische Theologie und Jüdische Studien.“
„Evangelische Theologie und Jüdische Studien, aha. Da hab ich mal eine Frage: Spargel …“
(What? Wie kommt er denn jetzt auf Spargel?)
„Ich hab jetzt mal mit einem Kollegen geredet, der meinte, dass Spargel nur bis zum Johannistag gestochen wird. Stimmt das? Und hat der Johannistag mit Johannes dem Täufer zu tun?“
(Puuh, Glück gehabt, zwei Fragen, die ich beantworten kann.)
„Ja, der Johannistag ist der Gedenktag von Johannes dem Täufer. Ein halbes Jahr vor Weihnachten. Das hat man mal so festgelegt. Und Spargel sticht man traditionell nur bis zum Johannistag, damit die Pflanze danach genug Zeit hat sich zu regenerieren und Kraft zu sammeln. Aber an die Regel hält sich nicht mehr jeder.“
„Ah, achso, wir haben nämlich geredet, ob wir noch Spargel essen gehen können. Und er meinte, dass sei schon vorbei.“

Inzwischen bedeckt ein steriles Tuch meinen Fuß, nur meine große Zehe guckt heraus. Bereit zur Betäubung.
„Ah, ja, da machen wir hier eine Spritze rein und hier, das drückt jetzt etwas und jetzt legen wir hier noch eine Blutsperre an.“ Er legt die zwei Spritzen aufs Tablett.

„Was nah ist und was ferne,
Von Gott kommt alles her,
Der Strohhalm und die Sterne,
Das Sandkorn und das Meer.“

Die Schwester schaltet sich belehrend ein: „Sie müssen hier die Kappe auf die Spritze machen, sonst ist es nicht steril!“
„Matthias Claudius!“
Die Schwester verlässt schimpfend den Raum: „Matthias Claudius …“
„Das war der erste Anschiss. Wieviele krieg ich heute noch?“

Die Betäubung wirkt. Er setzt das Skalpell an und ich spüre nichts.

„Durch Gottes Gnade bin ich was ich bin. Wissen Sie, ich als Arzt kann das so einfach sagen, aber sagen Sie das mal einem unter der Brücke. Ist der auch aus Gottes Gnade was er ist?“
„Mmh, da wären wir wieder bei der Frage wieso es Leid auf der Welt gibt.“
„Jaja, da haben Sie Recht. Ein Kollege von mir, kennen Sie nicht, dem seine erste Frau hatte Krebs und die zweite hatte Krebs und so … Er hat ein Buch geschrieben: ‚Es gottzt mich an‘, mit G und Doppel-T. Er fragt sich das auch.“

Ein dicker Knollenverband ziert meine Zehe und wird mir in den nächsten Stunden, wenn die Betäubung nachlässt, keine Ruhe lassen. Aber jetzt lassen mir die Gedanken meines grünen Gottes keine Ruhe.

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