Kirche und Politik – geht’s noch? Vom Umgang der Kirche mit dem Brexit
Foto: speedpropertybuyers.co.uk (CC BY 2.0)

Nun haben sie gewählt und sind raus. Der #Brexit wird überall diskutiert. Kein Wunder, denn niemand weiss, was nun passieren wird. David Cameron ist schon zurückgetreten, das Pfund verlor dramatisch an Wert. Was noch passieren wird bleibt abzuwarten. Zeit, einmal zurückzuschauen auf einen Wahlkampf, der die Insel gespalten hat (48% zu 52% zeigen dies) wie kaum ein anderes Thema.

Viele hatten sich im Kopf-an-Kopf Rennen in die Debatte eingemischt. Viele Größen der Politik haben sich geäußert und den Briten zum Verbleib geraten, unter ihnen beispielsweise Merkel, Obama oder auch Trump. Auch viele andere Berühmtheiten wie z.B. mehrere britische Filmstars (u.a. Keira Knightley) haben sich, meistens pro EU, zu Wort gemeldet. Eigentlich gibt es kaum jemanden, der sich nicht geäußert und auf eine Seite gestellt hat. Sogar die Heute-Show fuhr dafür extra nach London.

Doch ausgerechnet die Kirchen sind fast komplett neutral geblieben. Der Erzbischof von Canterbury, John Welby, hat sich bisher nur geäußert, dass er sich von dem Referendum eine Vision erhoffe, welche Rolle die Briten in Zukunft in der Welt spielen sollen. Ähnliches gilt für eine Website, die die Church of England zusammen mit der Church of Scotland ins Leben gerufen hat. Auf reimaginingeurope.co.uk soll eine Plattform zum Dialog geschaffen werden. Hier stimmte übrigens die Mehrheit für den Verbleib in der EU.

Auch von der katholischen Kirche gab es keine Wahlempfehlung. Doch diese Haltung ist in den Gemeinden nicht unumstritten. Einige hätten sich mehr „klare Kante“ gewünscht. Was denkt die Kirche? Als „Staatskirche“ hat die Church of England hier durchaus Einfluss. Warum nutzt sie ihn nicht?

Manche erachten diese Haltung der Kirche für schwierig, andere finden sie jedoch höchst anständig. Denn der große Riss, der durch die gesamte britische Bevölkerung in dieser Frage geht, geht natürlich auch durch die Gemeinden. Auch hier versammelt sich Pro und Kontra. Im Gespräch mit einigen Freunden meiner früheren britischen Gemeinde wurde auch daher die Haltung der Kirche sehr geschätzt, denn sie schließt keine der beiden Seiten aus. Durch die neutrale Haltung der Kirche gäbe es nun einen Ort, wo Pro und Kontra nach wie vor miteinander ungezwungen im Gespräch bleiben können. In einigen Gemeinden wurde so angeregt diskutiert, es gab ja auch noch eine ganze Menge an Menschen, die sich lange nicht final entschieden hatten. Manche glauben gar, dass nach dem Referendum die Kirche nun beide Seiten wieder zueinander führen müsse. Sie wäre durch ihre Neutralität die einzige Kraft, die das dann könne.

Ob das Land am Ende so entzweit sein wird, mag bezweifelt werden. Dennoch ist diesen Aussagen ein gewisser Wahrheitsgehalt nicht abzusprechen. Eine Nicht-Äußerung, wie sie hier von der anglikanischen Kirche vorgenommen wird, bietet auch Chancen zu einem Dialog, die mit einer politischen Positionierung vielleicht nicht mehr bestehen würden.

Chancen, über die auch in Deutschland einmal nachgedacht werden muss. Schon Anfang 2015 fand sich in der „Zeit“ ein Artikel, der die Problematik der Christen in der Pegida-Bewegung darstellte (Link). Zwar sind beide Bewegungen nicht unbedingt miteinander vergleichbar, jedoch gibt es durchaus Gemeinsamkeiten in der kirchlichen Situation. Denn auch im Falle von Pegida gibt es in der Kirche (wie auch in der Gesellschaft) Pro und Kontra. Wie hilfreich sind dann Aussagen wie: „Christen haben auf diesen Kundgebungen nichts zu suchen.“ (Nikolaus Schneider, ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender)? Zerstören sie nicht auch eine Grundlage für einen möglichen Dialog, der vielleicht dringend erforderlich ist?

Es gibt durchaus gute Gründe dafür, dass sich Kirchen in bestimmten Fällen positionieren, auch im Falle von Pegida. Allerdings mangelt es manchmal an Feinfühligkeit in den Statements, um noch eine Restchance auf einen Dialog zuzulassen. Das ist nicht unbedingt ein kirchliches, sondern vor allem ein menschliches Problem. Der Grad zwischen Schärfe in der Abgrenzung und dem zeitgleichen aufeinander Zugehen ist bei weitem nicht immer einfach zu finden und muss manchmal wohl fromme Utopie bleiben. Beides geht manchmal eben nicht. Und dann muss man sich für einen Weg entschieden.

Noch einmal zurück nach Großbritannien: Hier gab es sogar Materialien, die eine kirchliche Auseinandersetzung mit dem Thema fördern sollen. Es wird informiert über die Strukturen der EU, ihre Märkte und Möglichkeiten, aber auch die Kosten. Ganz neutral. Besonders verwiesen wird an dieser Stelle auf das Gebot der Nächstenliebe (Matthäus 22, 36–40) mit der spannenden Frage: Hilft uns die EU dieses Gebot zu erfüllen oder hindert sie uns?

Fragt man in Großbritannien gerade, ob Kirche und Politik noch zusammen geht, dann sagen viele: Ja, weil die Kirche es gelernt hat sich an bestimmten Stellen rauszuhalten. Das zeigt auch das Statement von Welby, der davon sprach, dass es keine korrekte christliche Antwort in dieser Frage gibt. Und so rief die Kirche nur zu einer Sache auf: Geht wählen. Das kann nicht schaden.

Vielleicht ist dies ein Ansatz, der auch in Deutschland in zukünftige Debatten mal mehr bedacht werden sollte. Müssen wir immer zu allem eine Meinung haben oder ist es manchmal einfach besser sich nur für eine offene Debatte einzusetzen und das Ergebnis dann den Menschen und den Politikern zu überlassen? Einige werden dafür sein, einige dagegen.

Gebet der Church of England zum Referendum:

God of truth, give us grace to debate the issues in this referendum with honesty and openness. Give generosity to those who seek to form opinion and discernment to those who vote, that our nation may prosper and that with all the peoples of Europe we may work for peace and the common good; for the sake of Jesus Christ our Lord.

Amen.

Gebet der Church of England nach dem Referendum:

Eternal God, Light of the nations,
in Christ you make all things new:
guide our nation in the coming days through the inspiration of your Spirit,
that understanding may put an end to discord and all bitterness.
Give us grace to rebuild bonds of trust
that together we may work for the dignity and flourishing of all;
through Jesus Christ our Lord.

Amen

Statement of the Archbishop of Canterbury 

 

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