Moment mal: Wofür mein Freund mich im Theologiestudium beneidet

Mein Freund studiert Jura. Da soll es Menschen geben, die hilfreiche Passagen in Büchern aus der Bibliothek schwärzen oder diese gleich ganz verschwinden lassen. Ellenbogengesellschaft für Studienfortgeschrittene und Lebensanfänger! Es mag Schwarz-Weiß-Malerei sein, aber meine Studienerfahrung ist da deutlich anders. Da diese sich nach fünf Jahren nun langsam dem Ende neigt, wird es Zeit für eine Lobeshymne auf meine Lieblingsspezies im Unidschungel: die Theolog*innen.


Vor einer Weile habe ich via Facebook nach freiwilligen Korrekturlesenden für meine Seminararbeit im Alten Testament gesucht – und das mit wenig Hoffnung. Einen Tag später hatten sich bereits vier hilfsbereite Herzchen gemeldet. In der kommenden Woche kamen dazu noch zwei liebe Kommilitonen persönlich auf mich zu. Sie würden das gerne machen, falls sich noch niemand gefunden habe.
Ob ortskundige Wegweisung oder kostenlose Sprachennachhilfe. Ob samstagnächtliche Liturgieberatung oder großzügige Materialhilfen für die Examensvorbereitung: Meine Mitstudierenden haben mich seit dem ersten Studientag nie im Stich gelassen.

Das mag an der grundsozialen Ader liegen, die sich womöglich (aber nicht zwingend) mit der Kirchennähe oder Theologiebegeisterung einiger verbindet. Aber mittlerweile halte ich diese große Hilfsbereitschaft – so positiv überrascht und wahnsinnig dankbar ich jedesmal bin – für eine Notwendigkeit, der ich mich auch selbst verpflichtet fühle.

Einerseits ganz pragmatisch bezogen auf die späteren Berufsaussichten vieler Theos und Theas: Je weniger meiner Kommiliton*innen es später durchs Examen und ins Vikariat schaffen, desto mehr „workload“ wartet im Kirchendienst auf mich. Ganz anders als auf dem freien Arbeitsmarkt kann uns niemand wirklich einen Job wegschnappen. Alle werden gebraucht! Und deshalb müssen wir zusammenarbeiten. So sorgenvoll oft über theologischen Nachwuchs gesprochen wird, ist das doch ein recht beruhigender Aspekt.

Andererseits: Hätte man als Einzelkämpferin und Ellenbogenstrecker im Theologiestudium nicht den Kern der Sache verfehlt? Es geht um das große Ganze, das uns miteinander und mit der Welt verbindet. Nicht nur, dass eine tiefere Erkenntnis dessen wohl kaum ohne einen lebendigen Austausch wachsen kann. Wie für Luther aus dem rechten Glaube das rechte Handeln folgt, folgt meiner Erfahrung und Hoffnung nach auf die rechte Erkenntnis das rechte Miteinander. Die Erkenntnis muss nicht Gott heißen und das Theologiestudium muss nicht der einzige Weg dorthin sein. Doch gerade in diesem Studiengang liegt die Einsicht wohl näher als sonst wo und wurde vom Egotrip der Moderne noch nicht so verdeckt: Letzten Endes sitzen wir alle in demselben Boot – in und außerhalb der Theologie!

6 Kommentare anzeigen

  1. Oliver

    Hallo Lina,

    da ich beides studiert habe oder noch studiere – wenigstens noch die Theologie und Jura abgebrochen – so erlaube ich mir, hier kurz ein Statement abzugeben.

    In keinem anderen Fach als Theologie habe ich die Abgründe des Menschen so kennen gelernt, wie bei eben in der Theologie.

    Letzten Endes sitzen wir eben alle nicht in demselben Boot !!!

    Vom akademischen Studium an sich sind Jura und Theologie gleich – die Professoren suchen sich ihre Spezies und wollen als Gott angehimmelt werden. Sowohl in Jura als auch in Theologie gilt es zudem, Mitglied einer Seilschaft zu sein. Networking ist wichtig für das Studium, um das Fachsimpeln zu lernen.

    Was bei der Theologie die Polemik ist, ist beim Jura-Studium die Erkenntnis, dass eine Krähe nie der andern Krähe die Augen aushakt – berlinerisch gesagt : ans Bein pinkelt. Standesdünkel gibt es zuhauf und dann doch nicht in den so genannten Standesberufen.

    Ob der Heidenchrist weiß, was Judenchristen sind ist nicht abhängig davon, ob er weiß „was er von wem woraus will“ (Subsumtionssatz im Zivilrecht).

    Fraglich ist es, ob man den Vergleich ziehen kann, die Juristenschwemme mit dem Pfarrerschwund zu vergleichen. Ich denke nicht, zumal es theologisch zu sehr menschelt.

    Was die Theologie verlieren sollte, besteht darin, das judaisierende Verhalten als ads höchste Prinzip hochzuhalten. Die Juristen kennen das ganz genau : das Gesetz ist ein Gesetz ist ein Gesetz … und für diese ist es wichtig, sich ausschließlich an Gesetz und Recht zu halten. Dagegen aber nicht die Evangelische Theologie !!!

    Haben die Studenten der evangelischen Theologie nie gelernt, was der Protestantismus ist ? Protest gegen die eigene evangelische Kirche und und nicht ein verbesserter Katholizismus.

    Wer in Jura bei einer Klausur 4 Punkte bekommt, gehört zur absoluten Mehrheit und ist kein Liebkind irgendeines Profs. Wer dagegen in Bibelkunde AT oder NT noch ein ausreichend bekommt, ist quasi schon protegiert vom Gemeindeleiter, eben nicht durchegfallen lassen zu sein, da Theologieprofessoren berechnend und meistens doch auch widererwartend sehr hilfsbereit sind.

    Neid kann sich ein Theologe nicht leisten, denn er muss sich diesen erarbeiten.
    In diesem Sinne ist es einfacher, Jurist mit der Note ausreichend zu werden einfacher, weil er weiß, dass Jura-Studenten, die mehr als 8 Punkte im 1. Staatsexamen haben entweder ein gutes Networking hatten oder ein akademische Familie, die genau weiß, wo man wie elitär sein muss, um von seinesgleichen zu protegiert zu werden. Der akademische Standesdünkel stinkt in beiden Studienfächern, aber am meisten in der Theologie – klar – denn wenn man es geschafft hat, dann weiß man, was der Unterschied zwischen Judenchrist und Heidenchrist ist.

    Die absolute Schandtat der Theolgie ist es, den Menschen nicht Mensch sein zu lassen. Aus diesem Grunde wird auch der Katholizismus zugrunde gehen, denn erwachsene Menschen lassen sich nicht erziehen, sondern nur bewegen wie Wasser.

    Die nächste Wellenbewegung heißt daher Krieg gegen die ewig gestrigen, denn der Protestantismus wehrt sich.

    Recht ist, was es schon immer war, ein Restriktionselement –
    genauso ist auch die Religion. na dann – viel Spaß beim anarchischen Regieren von 8 Millarden Menschen – ach übrigens – Halten sich die Mächtigen der Kirche auch an die Gesetze ?

  2. Ich fass mich mal kürzer: Ich hab im Studium auch schon Bücher gefunden, die vollkommen falsch ins Regal gestellt wurden und nicht gefunden werden könnten. Irgendwo hinten zwischen den Spezialthemen, wo kaum einer je nachguckt. Das Buch ist dann noch als „vorhanden“ im System, aber eben nicht zu finden.

    • Oliver

      @Benjamin Koppe
      Noch kürzer geht es, wenn man zu Ihrem Kommentar schreibt : Thema verfehlt !!!
      Das Ausgangsthema sollte man zumindest leicht getroffen und in der eigenen Replik etwas angesprochen haben.

      • Ausgangsthema: Juristen schwärzen Bücher. Mein Kommentar: Auch Theologen verstecken Bücher zumindest.
        Was Dein Problem mit mir ist, kann ich nicht ganz nachvollziehen.

  3. Oliver

    @BK
    Als Jurastudent weiß man, dass die Standardliteratur mehr als fünfmal vorhanden ist. Sogar reine Kommentarserien oder juristische Zeitschriften – wie NJW oder JuS – gibt es doppelt oder dreifach. Beim Studium der Rechtswissenschaft geht es ist daher nicht um Qualitätsmängel in der Literatur, sondern um das Problem der Literaturbeschaffung, die nämlich dadurch torpediert wird, dass eben aufgrund der Vielzahl der Jura-Studtenten die Literatur nicht vorhanden ist.

    Auch wenn Lina die Kommentare ihres Freundes so aufgefasst haben sollte, wie Du es anscheinend eben für Dich persönlich umgesetzt hast, so war es meines Erachtens nicht Linas Interesse, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Beim Jura-Studium fangen an der HU im Wintersemester mehr als 1.000 Studenten an, währenddessen im Theologie-Studium noch nicht einmal 100 Studenten. Die Qualität des Lernens ist aus diesem Grunde auch eine ganz andere. Generell gilt dies für alle Unis, die beide Fächer anbieten.

    Ausgangsthema von Lina war nicht das Entree als Aufhänger ihrer Geschichte, sondern der Vergleich des unmenschlichen Systems der Ellenbogengesellschaft im Verhältnis zur sozialen Ader eines jeden Menschen.

    Aus meiner Sicht konnte sie dagegen aber beides nicht unter einem Hut bekommen, weil sie entweder das Eine verteufelt und das Andere idealisiert oder nur das menschliche Qualitätsverhalten auf der Grundlage von unterschiedlichen Ausgangspositionen vereinheitlicht.

    Beim Jura-Studium lernt man dagegen sprichwörtlich, sich seinen Platz zu ergattern. Bevor Du Bücher suchst, suchst Du erst einmal einen freien Platz in der Uni-Bibliothek oder in der Staatsbibliothek.

    Es sind die Ausgangssituationen, die nicht zusammenpassen und daher kann man eben nicht Jura mit Theologie vergleichen – abgesehen davon haben beide ja auch miteinander zu tun – siehe das Kirchenrecht.

    Sofern also mein Beitrag Dich schockiert hast, so ist dies Dein Problem. Diesbezüglich habe ich kein Problem mit Dir – abgesehen von Deiner unsachlichen Antwort, zu der ich meinte, antworten zu müssen.

  4. Sorry, daß Literatur nicht vorhanden ist, hab ich auch in der Theologie erlebt. Es mag mehr Juristen geben, aber wie Du schreibst gibt es auch mehr Exemplare dt Bücher/Periodika, wie Du schreibst.
    In Berlin hab ich nie studiert, womöglich ist da alles ganz anders…
    Das Suchen von Pläten in der Unibib ist auch mir nicht unbekannt, da Juristen offenbar die Neigung haben, andere Fachbibliotheken zu verstopfen… alles schon passiert.
    Und da sehen die Theologen auch zu, daß sie nen Platz kriegen und die Ellenbogen werden auch gegeneinander härter.
    Das Studium der beiden Fächer mag anders sein, aber Ellenbogenmenschen gibt es überall.
    Mich hat auch Dein Beitrag nicht schockiert, ich hab mich nur ein wenig über Deinen Ton geärgert. Aber gut, wenn Du meinen Beitrag für unsachlich hältst, bitte.
    Wir müssen das auch nicht weiter vertiefen…

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