Das Jahr danach Wie komme ich wieder zurück nach Hull?

Ein Jahr lang habe ich als Erasmusstudentin in Hull/UK gelebt und hier über meine Erlebnisse berichtet. Seit letztem Sommer wieder in deutschen Landen, war ich nun für das jährliche Swing-Tanz-Treffen zum ersten Mal zurück in der Stadt meiner verklärten Erinnerungen.

Als ich aus dem Zug steige, ist mir, als wäre ich nur ein paar Wochen weg gewesen. Viel Wind und immerhin Einiges an Sonne (englisches Vorzeigewetter) sowie jede Menge Vertrautheit empfangen mich in Hull. An den Haltestellen des Busbahnhofes warten wie gewohnt in ordentlichen Schlangen die Menschenmengen eines Freitagnachmittags. Die Tickets kosten noch immer 1,70. Der Busfahrer drückt mir meines mit dem üblichen „Here you are, love“ in die Hand. Und ich kann mich nur schwer davon überzeugen, dass ich nicht auf dem Weg zu meinem alten Haus bin.

Die Freundin, bei der ich übernachte, hat mich am Bahnhof eingesammelt und erklärt mir nun das Bussystem. Offenbar hat sie vergessen, dass ich mich hier auskenne. Schon auf dem Weg zu ihrem Haus ist alles Wichtige aus dem letzten Jahr erzählt. Sie hat ihr Studium beendet und Swing getanzt, ich habe weiter studiert und Swing getanzt. Natürlich ist mehr passiert. Aber wir wissen beide, dass nicht viel Zeit bleibt zum Reden und belassen es bei Oberflächlichkeiten.

Am nächsten Morgen treffe ich mich mit einer anderen Freundin in einem Lieblingscafé zum Frühstück. Sie war zwar immer nur so halb in unserem Freundeskreis, aber beteuert, dass sie mich vermisst hat. Ich fühle mich verstanden, entgegne begeistert, dass es mir genauso geht. Sie glaubt mir nicht und ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll.

Ich vermisse Hull. Die englische Unkompliziertheit. Das wechselhafte Wetter. Die Backsteinreihenhäuser. Meine Unikurse. Die Unbeschwertheit. Die Menschen. Ich versuche, niemanden in Deutschland damit zu nerven. Damit, dass ich mich nach Hull zurücksehne. Dass ich zu oft an Hull denke und manchmal schon wieder fast dort bin.

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Jetzt endlich bin ich hier. Und wünsche mich zurück. Zurück ins Hull des letzten Jahres. Wo ich dazugehöre und nicht bloß Gast bin. Wo die Orte glücklicher Erinnerungen Orte glücklicher Gegenwart sind. Wo ich an vertraute Türen klopfen kann und Freunde noch nicht in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind. Ich will das Hull, wo ich zu Hause war, zurück.

England ist immer noch England. Eine Bekannte im Alter meiner Eltern erzählt mir, dass sie immer seltener Wäsche wäscht. Alles, was nicht allzu schlimm riecht, wandert wieder in den Schrank. Zum Mittagessen werden Chips-Tüten verteilt. Und zum Abschlussball des Tanzwochenendes kann man durchaus als Dinosaurier kommen. Oder Dinosaurierjäger.

Aber trotz des vertrauten Anscheins, ist die Zeit in Hull nicht stehengeblieben. Das ist nur eine trügerische Sehnsucht meiner Erinnerung. Tatsache ist, ich habe den Anschluss verloren. Ich habe keine Ahnung, wer die ganzen neuen Leute in der Swing-Tanz-Gruppe sind. Besonders die neuen Austauschstudenten, die meinen Platz eingenommen haben, braucht doch eigentlich niemand. Auch alle Anspielungen auf Ereignisse des letzten Jahres muss ich mir erklären lassen. Hull ist nicht mehr meins. Die Erkenntnis trifft mich unvorbereitet.

Auf der Afterparty nach dem durchtanzten Wochenende werden morgens halb vier noch mal Pizza und Pommes bestellt. Fettiges Essen ist anscheinend das, worauf alle gewartet haben. Auch wer (wie ich) schon halb am Einschlafen war, ist plötzlich wieder so aufgedreht, wie die letzten unermüdlichen Tänzer. Und während ich das erste Mal bewusst einen Sonnenaufgang über Hull erlebe, habe ich noch mal das Gefühl, dazuzugehören. Zu dieser seltsamen Mischung aus alten und neuen Bekannten. Dann bin ich auch schon auf dem Weg zum Flughafen. Was bleibt, ist der Triumph, dass zwei nicht-britische Besucher des Tanzwochenendes mich als Engländerin eingestuft haben. Und die Vorfreude auf die Heimreise.

Ich vermisse einen Ort, den es nicht mehr gibt. Aber vielleicht ist es das, was das Vermissen erträglich macht. Mein Hull hat sich über die halbe Welt verteilt. Aber die wirklich wichtigen Dinge, die ich gelernt und Menschen, die ich getroffen habe, sind immer noch Teil meines Lebens. Und das ist nicht nur eine Aussage über mein Gedächtnis, sondern über meinen Alltag. Swing und Feministische Theologie gibt es nämlich hier auch. Und für den Rest reichen Skype und Facebook und Züge. Für mich stimmt das, was auf den T-Shirts steht, die die Stadt ganz stolz verkauft: We are Hull.

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