Moment mal: Bibel versus Gleichberechtigung
Foto: Jay Morrison (CC BY-NC-ND 2.0)

Als Mann kann ich die Entscheidung der lettischen lutherischen Kirche nur gutheißen. Weniger Frauen im Amt; weniger Konkurrenz, weniger Widerstand beim Weg nach oben. Sehr gut.

Pastor Ulrich Rüß sieht das wohl auch so, obwohl er schon ziemlich weit oben steht. Deshalb geht es ihm auch nicht um Macht, sondern um die Heilige Schrift:

Die Synode habe sich bewusst von Texten der Heiligen Schrift leiten lassen und dem ‚enormen Druck des Zeitgeistes und der Genderideologie‘ widerstanden (idea.de)

Dem Zeitgeist widerstehen. Von den Texten der Heiligen Schrift leiten lassen. Jawoll! Jetzt müssen wir Christen (weiß, männlich) die Gunst der Stunde nutzen, um dem Zeitgeist (schwul, öko) die Bibel ins Gesicht zu schlagen. Also los!

  • Nehmen wir 1.Kor. 11,5-7„Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren. Will sie sich nicht bedecken, so soll sie sich doch das Haar abschneiden lassen! Weil es aber für die Frau eine Schande ist, dass sie das Haar abgeschnitten hat oder geschoren ist, soll sie das Haupt bedecken.“
  • Hilfreich wären also Einlasskontrollen an Kirchen: Frauen mit Kurzhaarfrisuren oder Frauen ohne Kopftuch müssen draußen bleiben; sie könnten ja auf die Hunde aufpassen. Das gilt gleichermaßen für Männer mit langen Haaren (1.Kor. 11,14) – wir Männer sind schließlich zur Selbstkritik fähig.
  • In Anlehnung an Apg. 5,1–11 empfehle ich strengere Finanzkontrollen. Wer nicht mindestens gibt, was verlangt ist, muss mit körperlichen Strafen rechnen.
  • Pfarrer, Pastoren und Diakone, die beim Alkoholtest auffällig werden oder deren Kinder eigene Wege gehen, müssen ihr Amt verlieren (1.Tim. 3,1–14).

Ach, das sollte Satire werden, aber es macht keinen Spaß mehr. Schon die Debatte um Homosexualität hat doch gezeigt, dass eine Auseinandersetzung auf biblischer Ebene ins Nichts führt. Beide Seiten berufen sich auf die Bibel, führen aussagekräftige Stellen an, und am Ende gründet sich eine neue Bewegung rechtgläubiger Christen (1, 2, …).

Wer die Ablehnung ganzer Gruppen biblisch begründen möchte, findet dazu schnell genügend Bibelstellen. Das zeigt sich immer wieder in Debatten um Homosexuelle, um den Islam und jetzt wieder um die Rolle der Frau. Hier soll theologisch eine Haltung gerechtfertigt werden, die in jeder Hinsicht falsch ist: dass Menschen unterschiedliche Rechte1 haben, und dass Gott das so möchte.

Hinter dieser Theologie versteckt sich ein katastrophales Menschenbild, das sich biblisch nur schwer begründen lässt. Das Menschenbild innerhalb der christlichen Gemeinde macht sich nämlich nicht an Gesetzen und Gruppenzugehörigkeit fest, sondern an der Tatsache, dass Gottes Liebe allen gleich gilt.

Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Gal. 3, 26-28)

Hinter dem christliches Menschenbild steht die Haltung, dass alle Menschen gleichermaßen von Gott geliebt sind und gleichermaßen Vergebung und Gnade benötigen. Diese Haltung verbietet es, im Mitmenschen etwas anderes zu sehen als die Schwester oder den Bruder. Aus dieser Haltung heraus tritt die evangelische Kirche für die Gleichberechtigung aller Menschen ein, und das ist gut so.

Man kann im Feminismus den Feind sehen, man kann von Genderwahn sprechen, man kann die Inklusion von Menschen mit Behinderung als große Gleichmacherei  bezeichnen oder den links-grünen-EKD-Sumpf verdammen. Eins bleibt: Vor Gott sind alle Menschen gleich.


1: Natürlich geht es um unterschiedliche Rechte: zum Beispiel um das Recht zu predigen oder um das Recht zu heiraten.

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