Zu nett für wirklich gut Rezension „Leben dürfen – Leben müssen“ von Heinrich Bedford-Strohm
Foto: Metropolico.org (CC BY-SA 2.0)

Mit der Polemik ist es natürlich so eine Sache. Wenn wir hören, dass Luther den Papst einen harfespielenden Arsch genannt haben soll, oder den Philosophen Aristoteles mit der Bemerkung vom Tisch gewischt haben soll, dass Arschistoteles nur ein toter Heide sei, dann finden wir das in der komfortablen Distanz von fünf Jahrhunderten durchaus amüsant.

Aber Polemik hat die inne liegende Eigenschaft, einer Debatte ihre Sachlichkeit und Nüchternheit zu nehmen, und gleichzeitig solche Menschen zu verletzen, für die gerade diese Debatte nicht nur ein interessanter Gedankenzug ist.

Wer betroffen ist, wird nicht gerne Polemik hören.

Bei ethischen Debatten ist das besonders deutlich. Unsere Gesellschaft scheint es sich manchmal mit einer Bequemlichkeit gemütlich zu machen, die ich für eher ungesund halte. Die verschiedenen drängenden Fragestellungen unserer Zeit – die Flüchtlingsunterbringung, gerechter Friede, oder auch die Ausgestaltung des grundgesetzlich verbürgten Lebensschutzes – sind keine Themen, die eine einfache Antwort brauchen. Bei ethischen Fragen gehört ein Ringen und ein Aufeinanderhören ebenso zur Antwort wie die Feststellung am Ende selbst.

Auf Grund dieser Bequemlichkeit, den einfachen Antworten, haben wir die hohe Kunst des politischen Gesprächs verlernt. Es ist die Kunst, Standpunkte und Menschlichkeit zu verbinden. Standpunkte wollen wir nur noch dort erbittert haben, wo wir das absolute Gesetz der Toleranz verletzt sehen. Die Grenzen dafür ziehen wir, manchmal willkürlich, manchmal aus dem Gefühl heraus.

Ich karikiere, natürlich.

Und dennoch: Das politische, besonders ethisch-politische Gespräch ist ein zentraler Bestandteil einer Demokratie. Wer gemeinsam leben will, muss gemeinsame Beschlüsse treffen. Und dazu gehört auch die Grundhaltung, dem Gegenüber nicht die schlechtesten Motive zu unterstellen.

Trotz der sich leerenden Kirchen in Deutschland stellen ihre ranghöchsten oder namhaftesten Vertreter meistens immer noch eine gewisse moralische Instanz dar, die zu bedenken nicht unwichtig ist. Papst Franziskus macht uns gerade auf großer Bühne vor, wie man einem Amt wieder Würde verleihen kann, gerade indem man ihm Macht nimmt. Heinrich Bedford-Strohm ist evangelischer Landesbischof von Bayern und seit Ende 2014 auch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seine wissenschaftliche Arbeit fokussiert sich für einen großen Teil auf Sozialethik.

Mit „Leben dürfen – Leben müssen“ hat er ein Buch vorgelegt, in dem er sich dem sensiblen Thema der Sterbebegleitung oder -hilfe widmet. Die Problematik des Themas beginnt schon bei der korrekten Bezeichnung. Von aktiver und passiver Sterbehilfe zu sprechen ist nämlich gemessen an den gegenwärtigen ethischen Standards zumindest sehr unpräzise, wenn nicht gerade heraus falsch.

Bedford-Strohm ist sich des Minenfeldes bewusst, in das er sich mit seinem Buch begibt. Während die alten Begriffe (aktiv, passiv) in der breiten Gesellschaft noch sehr gängig sind, kennt er auch die aktuelle Lage ethischer Debatten und weiß es in seinem Buch tatsächlich, diese beiden Pole auf beeindruckende Weise zusammenzubringen.

Das Buch teilt sich in acht größere Teile auf, die man grob in vier größere Teile gliedern kann. In den ersten beiden Kapiteln („Wir alle werden sterben“ & „Was zu Debatte steht“) gibt der Autor eine hervorragende Einführung in die Debatte. In den folgenden Kapiteln steigt er tiefer in die Debatte ein, indem er auf der einen Seite die gesetzliche Lage in Deutschland und umliegenden europäischen Ländern beschreibt („Was das Gesetz zum Thema sagt“) und die verschiedenen ethischen Positionen aufzeigt, die gesellschaftsweit vertreten werden („Was ethisch auf dem Spiel steht“).

Die darauf folgenden Kapitel befassen sich mit kirchlichen Positionen zur Sterbehilfe, wobei erst herausragende evangelische Ethiker zu Wort kommen („Positionen in der evangelischen Ethik“) und darauf folgend Grundsatzpapiere der großen Kirchen vorgestellt werden („Was die Kirchen sagen“).

Erst jetzt beginnt der Autor seine eigenen Gedanken zum Thema zu entfalten, wofür er sich nicht einmal 30 Seiten Platz lässt, und dabei sowohl „Fünf ethische Leitlinien“ entfalten wie auch die „Konsequenzen für die politische Debatte“ aufzeigen möchte.

Meiner Einschätzung nach liegt hier auch die Problematik des Buches:

Es möchte einfach zu nett sein.

Die Darstellung der Positionen sind extrem fair, und es ist dem Autor besonders hoch anzurechnen, dass er nicht nur diese komplexen Thematiken treffend auf den Punkt bringt, sondern auch, dass er versucht, seelsorgerliche Empathie mit ethischen Grundsätzen in Übereinstimmung zu bringen. Zum einen könne man nämlich

„im Lichte solcher Erfahrungen [dem qualvollen, langsamen Tod nahestehender Personen] zu einem ethisch begründeten Plädoyer für die gesetzliche Freigabe aktiver Sterbehilfe kommen.“

Gleichzeitig sollte gelten:

„Der Hinweis auf die Betroffenheit durch das Leiden eines anderen reicht zur ethischen Legitimation für eine Öffnung hin zur aktiven Sterbehilfe nicht aus.“ (S. 53f)

Es mag dieser Spannung geschuldet sein, dass das Buch eher zu schleichen scheint, als einen Weg in der Debatte aufzuzeigen. Denn das Problem des Buches ist es dann, dass ihm eine Engagiertheit fehlt, die die Debatte wirklich weiterbringen könnte.

Dabei ist der Untertitel schon recht scharf gewählt – „Argumente gegen die Sterbehilfe“ –, kann gleichzeitig seinen Soll aber nicht erfüllen. Das Buch beinhaltet eher Argumente für und gegen die Sterbehilfe und eine grobe Orientierung, wie eine moderne, westliche Gesellschaft über das Mysterium Leben reden sollte.

Das macht es nicht zu einem schlechten Buch. Eher das Gegenteil ist der Fall. Gerade die Fairness des Buches vermag zu beeindrucken. Wahrscheinlich hätten aber mehr Seiten dem Buch nicht geschadet, und mehr Mut des Autors, auch einmal seinem Gegenüber auf den Fuß zu treten.

Denn seine Brillanz zeigt Bedford-Strohm an den Stellen, wo er von der Rolle der Religion im öffentlichen Raum zu sprechen beginnt. Und gerade hier ist er gewillt, eine deutliche Linie zu fahren, die einem grassierenden Laizismus in unserer Politik nicht Hof halten will.

Vom Habermas her denkend resümiert der Autor nämlich, dass

„[d]ie säkulare Sprache […] nicht als die einzige, dem weltanschaulich neutralen Staat angemessene Diskurssprache angesehen werden [darf]“ (S.95)

Die Begründung dafür liegt gerade in der weltanschaulichen Neutralität des Staates, sagt Bedford-Strohm ganz richtig.

Und auch bei steigenden Austrittszahlen finden immer noch viele hunderttausend Menschen in der christlichen Religion ihr geistliches Zuhause. Sie vom politischen Diskurs auszuschließen wäre für eine funktionswillige Demokratie tödlich.

„Das Orientierungspotenzial der christlichen Tradition ist heute – auch in pluralistischen Umgebungen – ungebrochen.“ (S.96)

Ich denke, dass er Recht hat.

Orientierung hat aber auch immer etwas mit klaren Linien zu tun. Und es sind gerade diese klaren Linien, die sich u.U. erst in einer respektvollen Schärfe, einer milden Form der Polemik zeigen, die eine wirkliche Debatte eröffnen können. Bei allem Lobenswerten fehlt diese Schärfe diesem Buch, und ist deswegen ein Buch, dass zu nett ist für wirklich gut.

(Dem Autor wurde vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt.)


Leben dürfen – Leben müssen
Argumente gegen die Sterbehilfe
Heinrich Bedford-Strohm
Kösel-Verlag
17,99 €
Link zur Verlagshomepage

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Ein Kommentar

  1. Spassheide

    „Und auch bei steigenden Austrittszahlen finden immer noch viele hunderttausend Menschen in der christlichen Religion ihr geistliches Zuhause. Sie vom politischen Diskurs auszuschließen wäre für eine funktionswillige Demokratie tödlich.“

    Diese Aussage verdreht schlichtweg die Tatsachen und zeigt auch ein Missverhältnis auf.
    Natürlich haben die Kirchen das demokratische Recht vor der Politik aufzutreten und es wird sie auch niemand ausschließen wollen. Es stellt sich aber die Frage, inwieweit die Gewichtung ihrer Forderungen legitimiert ist. Ein nicht unerheblicher Teil ihrer Mitglieder sind eben nicht Mitglied aus Überzeugung, Glauben und wegen der politischen Relevanz der Kirchen, sondern aus ganz anderen, mehr oder weniger unpolitischen Gründen wie Taufscheinchristentum, Tradition, soziale Kontrolle, reiche Erbtanten oder schlicht aus leider berechtigter Sorge um den Arbeits-, Schul- oder Kitaplatz. Oder auch nur, weil ohne eigenes Einkommen kein direkter Austrittsgrund besteht. So gesehen haben die Kirchen eben nicht das Recht im Namen aller ihrer Mitglieder zu sprechen und die Politik sollte den kirchlichen Einfluss reduzieren.

    Ein schönes Beispiel aus jüngerer Zeit, das zeigt, wie verzerrt die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen wahrgenommen wurde und wird, war die Volksabstimmung in Irland zum Thema Homoehe. Huch, da war ein nicht unerheblicher Teil der überwiegend katholischen Bevölkerung doch nicht so katholisch.

    Wenn Bedfort-Strohm so nett ist, dann, so mutmaße ich, genau aus diesen Überlegungen. Er ist sich bewusst, dass wahrscheinlich nur 20% der Mitglieder wirklich hinter seiner Kirche stehen.

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