„Ich bin das Alpha und das Omega“ Fehlende Worte zum frühen Tod von Niklas
Foto: Christine Fuhrmannek

Anfang Mai wurde der Schüler Niklas am Abend vor dem Bahnhof in Bonn Bad Godesberg niedergeschlagen, wenige Tage später starb er im Krankenhaus an den Folgen seiner Kopfverletzungen. Seitdem laufen die Ermittlungen gegen die drei jungen Männer, die Niklas und seine Freunde nach einem Konzertbesuch angegriffen haben sollen und vermeintlich Schuld tragen an seinem frühen Tod. Letzten Samstag ist er beigesetzt worden, viele hunderte Menschen haben an der Trauerfeier teilgenommen.

Direkt neben dem Busbahnhof in Bad Godesberg breitet sich ein großer Kreis aus Kerzen und Blumen aus. Dazu liegen dort Karten mit Beileidsbekundungen, Fotos von Niklas und seinen Freunden. Der Pfarrer hat ein Holzkreuz aufgestellt, um einen Ort für die Trauer zu schaffen, bevor Niklas nun auf dem Friedhof ruht. Es ist der Ort an dem Niklas niedergeschlagen wurde.

Die Passanten, die auf dem Weg zur Bushaltestelle oder zum Bahnhof vorübergehen, bleiben stehen. Manche legen Blumen dazu, jeden Tag werden es mehr. Wenn ich spät von der Uni komme, ist es schon dämmerig. Der Kreis aus rot-weißem Kerzenlicht flackert in die Dunkelheit. Jeden Tag laufe ich an dem Tatort vorbei. Und bleibe stehen. Ein großer, rund ummauerter Pflanzenkübel. Wie die anderen lese ich mich um den Kreis herum und kann es nicht fassen. Kann es überhaupt einer fassen, was da geschah?

Ein junger Mensch, 17 Jahre alt, stirbt so einen sinnlosen und grausamen Tod. Ich blicke auf eine rote Karte. Die Klasse 7c einer Realschule aus dem Ort bekundet ihr Beileid. Daneben Blumen und Kerzen und noch mehr Blumen. Ein Foto von Niklas. Er lacht in die Kamera. Ich gehe zwei Schritte weiter um den Kübel. Briefe und Karten, in Klarsichtfolien verpackt, vor dem Regen geschützt. Noch zwei Schritte und wieder Kerzen und Blumen und fassungslose, traurige Gesichter neben mir, die still um den Kübel laufen, gebückt, um jede Karte lesen zu können. Manches Wort hat der Regen doch ausgewaschen, manche Kerze ausgelöscht. Und trotzdem flackert es an diesem Ort hell, jeden Tag, wenn ich hier vorbeikomme. Noch zwei Schritte weiter. Ein paar Worte an die Täter auf weißem Papier. Dass sie das büßen werden. Und ein paar ängstliche Worte von Eltern: Unsere Kinder laufen hier täglich entlang! Und Blumen und Kerzen und traurige Blicke.

Bei Niklas Tod fehlen mir die Worte. Er war so jung, sein Tod durch menschliche Gewalt ist unfassbar. Ich denke an die Worte in Kohelet 3,1: Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit. Aber war denn schon Zeit für Niklas zu sterben? Ich verstehe das nicht.

Ich gehe noch zwei, drei Schritte gebückt an Kerzen und Blumen vorbei. Meinen Bus habe ich wohl verpasst. Kurz lese ich noch zwei Karten, schaue auf Fotos und Bilder. Dann stehe ich wieder am Anfang, wo ich zu lesen begonnen hatte. Und denke an: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ in Offenbarung 22,13.

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