„Das politische Engagement der Kirchen war hoch wirksam“ Ein Interview mit Joachim Ochel über die kirchliche Vertretung in der Politik
Foto: Jürgen Matern (CC BY-SA 3.0)

Auf der Ökumenischen Tagung der evangelischen, katholischen und orthodoxen Theologiestudierenden, die vom 20. bis 22. Mai 2016 in München stattfand, hielt OKR Joachim Ochel einen Workshop zum Thema Das wissenschaftliche Studium der Theologie und der Dienst der Kirche an Gesellschaft und Politik“. Florian Schiffbauer führte für theologiestudierende.de im Anschluss ein Interview mit ihm.

theologiestudierende.de: Was versteckt sich hinter dem langen Titel „Theologischer Referent beim Bevollmächtigten des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der EU“?

Joachim Ochel (Foto: privat)

Joachim Ochel (Foto: privat)

Joachim Ochel: Der Rat der EKD hat bereits 1949 das Amt des Bevollmächtigten geschaffen, das der Kontaktpflege zwischen Kirche und Bundespolitik dient. Der Bevollmächtigte, zur Zeit Prälat Dr. Martin Dutzmann, hat ein kleines Team an seiner Seite. Ich bin Theologischer Referent im Stab des Bevollmächtigten und vertrete diesen in theologischen Angelegenheiten. Wir haben im Grunde drei Mandate: 1. Im politischen Berlin Kirche zu sein mit Gottesdiensten, eigenen Andachten z. B. auch mit der Organisation der regelmäßigen Andachten im Deutschen Bundestag, und Seelsorge. 2. Die Aufgabe einer diplomatische Vertretung: politische Prozesse zu beobachten, im Gespräch mit dem Rat der EKD und dem Kirchenamt Positionierungen in diesen Fragestellungen zu entwickeln und diese wiederum in das politische Geschäft einzubringen. Zum Beispiel durch eigene Veranstaltungsformate oder Stellungnahmen. 3. Ein lobbyistisches Mandat: Kirche hat institutionelle Interessen, die wir wahrzunehmen haben – etwa bei Steuerfragen oder beim Arbeitsrecht. Eine Entsprechung zur Berliner Dienststelle gibt es in etwas kleinerem Format auch in Brüssel.

Warum brauchen die Kirchen eine Vertretung gegenüber der Politik?

Das ist der Erfahrung geschuldet, dass die Kirchen im Dritten Reich in einer hoch problematischen Weise agiert, beziehungsweise nicht agiert haben. Nach der Katastrophe des Dritten Reiches gab es die Erkenntnis, dass die Kirchen einen politischen Auftrag haben, nämlich die politischen Prozesse mit ihren eigenen Perspektiven wahrzunehmen, zu diskutieren und diese Perspektiven auch in das politische Gespräch einzubringen. Außerdem sollen durch eine politische Vertretung die berechtigten institutionellen Eigeninteressen vertreten werden. Es hat sich gezeigt, dass das politische Engagement der Kirchen hoch wirksam war. Beispielsweise in der Frage der Anerkennung Polens und dem Prozess der Befriedung an der Ostgrenze Deutschlands hat die Ostdenkschrift der EKD eine erhebliche Rolle gespielt. Es ist wahrscheinlich nicht zu wenig gesagt, wenn man behauptet, die Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs sei intellektuell durch die Ostdenkschrift der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD wesentlich vorbereitet worden.

Kann Kirche überhaupt politisch sein oder steht das Konsensprinzip der Demokratie nicht im Widerspruch zum Wahrheitsanspruch einer Kirche?

Kirche hat zuerst einmal Kirche zu sein und hat als solche zu verkündigen, glaubhaft mit Menschen ins Gespräch zu kommen und Seelsorge zu üben. Das ist die vorrangige Aufgabe der Kirche. Aber sämtliche politische Diskurse sind bei genauerem Hinsehen immer auch wertorientierte Diskurse. Da ist es den Kirchen nicht benommen, wie allen anderen gesellschaftlichen Gruppen auch, sich in diese Diskurse einzubringen und die eigene Wertorientierung so plausibel wie möglich zu vertreten. Das gilt erst Recht, weil die Positionen der Kirche in der Regel am Gemeinwohl orientiert sind.

In welchen Situationen kommt die Kirche zu Wort?

Die Kirche kommt vorrangig in den Feldern zu Wort, wo es um zentrale Wertentscheidungen geht, zum Beispiel bei der Frage der Sterbehilfe. Aber auch aktuell in der Flüchtlingsfrage: Wie verstehen wir Flüchtlinge? Mit welchen Wertorientierungen und ethischen Grundsätzen gehen wir an diese Herausforderung heran? Mitunter sind es auch Stellungnahmen, bei denen sich erst im Nachhinein herausstellt, dass sie eine große Tragweite haben. So zum Beispiel in der aktuellen Debatte um das vierte Arzneimittel-Änderungsgesetz, wo es darum geht, ob und unter welchen Bedingungen Forschungen an Demenzkranken durchgeführt werden könnten, die nicht unmittelbar, sondern nur im Vorhinein ihre Einwilligung dazu gegeben haben. Die Kirchen haben in einer Stellungnahme markiert, dass dies ein kritischer Punkt sein könnte. Damit wurde eine bisher nicht hinreichend geführte öffentliche Debatte angestoßen.

Gesellschaftlich sinkt in Deutschland die Bindung zur Kirche, damit schrumpft auch die zu vertretende Interessengruppe. Brauchen wir in Zukunft noch eine Vertretung gegenüber der Politik?

Man sollte das Licht aber auch nicht unter den Scheffel stellen. Die beiden Kirchen mit jeweils deutlich über 20 Millionen Mitgliedern vertreten immer noch einen ganz erheblichen Bestandteil der Bevölkerung. Kein anderer Verband, selbst der ADAC nicht, kann auf eine solch hohe Mitgliederzahl blicken. Wir haben zwar erhebliche Rückgänge in den Mitgliederzahlen, aber das bedeutet nicht, auf eine Übernahme von politischer Verantwortung zu verzichten, was im Übrigen auch deutlich kleinere Kirchen nicht tun. Mit diesen arbeiten wir zudem konstruktiv zusammen.

Was möchten Sie Theologiestudierenden im Kontext dieser Entwicklungen mit auf ihren Weg geben?

Zunächst einmal möchte ich ihnen von Herzen dazu gratulieren, dass sie das schönste aller Studienfächer gewählt haben. Auch im Rückblick auf das eigene Studium und meinen beruflichen Weg habe ich diesen Schritt nicht einen Augenblick bereut und selbst erlebt, dass man mit einem guten und fleißigen Theologiestudium auch interessante berufliche Perspektiven besitzt. Das Studium ist so spannend, interessant und abwechslungsreich, dass man nach Möglichkeit nicht nur nach Modulhandbüchern studieren, sondern sich auch in die Prozesse und Diskurse an der Universität miteinbringen sollte. Und die Theologiestudierenden von heute können sich mit guten Aussichten auf einen auch gesellschaftlich wichtigen Arbeitsplatz freuen.

Sie waren selbst Pfarrer in einer unierten Kirche und Oberkirchenrat der Union der Evangelischen Kirchen. Was bedeutet aus dieser Perspektive für Sie Ökumene?

Ich war sogar Pfarrer in einer Gemeinde, die die erste unierte Gemeinde im bergischen Land war. Ich denke es geht zunächst einmal darum, Konsense innerhalb der Kirchen zu entwickeln. Erst dann haben wir politisches Gewicht. Ansonsten finde ich es spannend, wenn man sich durch andere Konfessionalitäten persönlich bereichern lässt.

Wie sieht die Arbeit mit den Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Bischofskonferenz auf kirchenpolitischer Ebene aus?

Als politische Büros der beiden großen Kirchen arbeiten wir in engster Abstimmung zusammen. Es gibt keine Stellungnahme, die wir nicht versuchen, gemeinsam zu erstellen. Wir erleben das als eine ungeheure Bereicherung und eine tief vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Orthodoxie hält keine vergleichbaren Büros vor.

Im Rahmen der Ökumenischen Tagung gaben Sie einen Workshop zu „Das wissenschaftliche Studium der Theologie und der Dienst der Kirche an Gesellschaft und Politik“. Was genau ist der „Dienst der Kirche an Gesellschaft und Politik“ und werden Theologiestudierende überhaupt dafür ausgebildet?

Der Dienst der Kirche an Gesellschaft und Politik ist, sich mit theologischen Perspektiven in die gesellschaftlichen Diskurse einzubringen und dies dann auch spezialisiert in der Parlamentsarbeit zum Tragen zu bringen, da dort die gesellschaftlichen und politischen Diskurse am Ende zu Gesetzen führen. Ein kluges und fundiertes Theologiestudium bereitet meiner Meinung nach gut auf eine solche Aufgabe vor. Kirche und Gemeinde haben eine elementar-gesellschaftliche Rolle zu spielen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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