Meditation über das Ende des Studiums 1. Vom Wert des akademischen Interesses
Foto: Eugene Kim (CC BY-SA 2.0)

Man wusste ja von Anfang an, dass dieser Tag einmal kommen würde. Das Studium ist zu Ende und man wird hingeworfen in eine Welt, auf die man angeblich vorbereitet wurde. Für einen Studenten der Theologie bedeutet das: Vikariat oder Pastorat.

Und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, steht man nicht mehr in der Bibliothek, sucht sich seine Kommentare, studiert die Aussagen von Augustinus, Luther oder Schleiermacher, sondern steht regelmäßig auf der Kanzel, findet sich wieder vor einer wuseligen Gruppe von Konfirmanden, soll Seelsorge leisten können, obwohl man selbst doch noch gar nicht fertig ist.

Hingeworfen sein in das Dasein, beschrieb Heidegger das Leben generell.

Hingeworfen sein in den Dienst, so fühlt sich in der Voraussicht das Ende des Studiums manchmal an.

Weil dann alle diese existenziellen Fragen sich mehren: Schaffe ich das? Bin ich dazu gemacht? Wo wird es mich hin verschlagen? Und welche Freundschaften werden mir auch auf die Distanz erhalten bleiben?

Das Ende meines Studiums nähert sich mir mit großen Schritten. Nur noch eine Masterarbeit habe ich zu schreiben, dann gehe ich in den hohen Norden und trete meine erste Stelle an. Mir schien das ein guter Anlass zu sein, einmal über das Ende des Studiums zu meditieren. Über das akademische Studium, und wie es mich auf den Dienst am Menschen vorbereitet hat. Und über meine eigene Spiritualität, auf die ich jetzt für den Rest meines Lebens bauen muss (als zweiter Teil dann, in ein paar Wochen).

Ein Kommilitone sagte mal zu mir, dass das akademische Studium auch eine Flucht sein kann, sich dem Leben nicht zu stellen. Und ich denke, dass er Recht hat. Es kann so sein, muss es aber nicht.

Bei einer Situation in meinem Studium, nachdem wir eine intensive Einführung in die Irrungen und Wirrungen der synoptischen Frage bekommen hatten, fragte einer meiner Kommilitonen die an meiner kleinen Ausbildungsstätte schon legendär gewordene Frage: „Und was bringt mir das später, für meine Arbeit als Pastor?“ Mein Professor antwortete darauf mit trockenem Humor: „Wieso? Ich habe schon sehr viele erbauliche Predigten über die synoptische Frage gehört.“

Was den Finger in die Wunde legt: Für ein paar Jahre sich zu vergraben in den Theorien und Aussagen der großen Kirchenmänner der letzten 2000 Jahre, Prinzip und Methode an die Hand zu bekommen, um den Text zu entschlüsseln, der unser Leben prägt, das kann schon wirklich faszinierend sein.

Wie groß aber ist der Mehrwert, den wir aus all dem ziehen, wenn es uns später nicht in die Elfenbeintürme von Marburg, Heidelberg oder Zürich zieht, sondern an die Hecken und Zäune der Welt? Betrachten wir dann das Studium als ein notwendiges Übel, das wir über uns ergehen lassen müssen, um die Berufung von der Kirche unserer Wahl ausgesprochen zu bekommen? Oder haben beide essenziell miteinander zu tun?

Mit diesen Gedanken habe ich vor einigen Tagen begonnen, den Briefband Wahrheit gibt es nur zu Zweien von Hannah Arendt zu lesen. Hannah, sagte ihr lebenslanger Freund Hans Jonas, war ein Genie für die Freundschaft. Ins Exil geflohen vor den Nazis, und dann Zuflucht in den USA gefunden, hat sie sich ein großes Netzwerk von Freundschaften durch ihre rege Briefschreiberei erhalten, das Facebook-Freundeslisten einen Anfänger spottet.

Ihre Brieffreundschaften sind weit gefächert mit vielen Menschen ihrer Zeit, Intellektuellen, persönlichen Freunden, Staatenlenkern und einfachen Bürgern. Ihnen gemein ist nur, dass Hannah Arendt durch sie verstehen wollte, wie die Menschen und die Welt, in der sie leben, eigentlich funktionieren. Sie reflektiert ihre Freundschaften akademisch, aber nicht abstrakt. Sie denkt nach, und öffnet ihr Denken gegenüber den Menschen, denen sie vertrauen will, damit es weitergeführt wird, und damit es auf die Probe gestellt wird.

Ich denke, dass ich im Anblick meines Vikariats in wenigen Monaten hier von Hannah Arendt lernen möchte: Freundschaft ist nicht einfach ein Gefühl, das ich entwickle, sondern eine Kunstform, in die ich mich mit meinem ganzen Wesen hineingebe.

Alle Welt sagt mir, dass ich mein akademisches Interesse aufgeben muss, dass von jetzt an Beziehungsarbeit auf mich zu kommt.

Aber ich frage mich: Wieso muss ich denn das trennen? Wieso ist das ein Dualismus?

Wieso können meine Freundschaften nicht durch mein Nachdenken geprägt werden, und dann in der Umkehr mein Nachdenken durch die Freundschaften gelenkt werden?

Martin Heidegger, der Hannah Arendts Gedanken über den Menschen wie wenige sonst geprägt hat, schreibt davon, dass das Denken eine Eigenschaft ist, die dem menschlichen Dasein zu Grunde liegt. Und gleichzeitig ist das Dasein keine Sportart für die einsamen Abendstunden in der Bibliothek, es wird in der Gemeinschaft erschlossen.

Ich hoffe, dass da etwas dran ist.

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Ein Kommentar

  1. Oliver

    Hallo Marcus,

    ich melde mich mal wieder mit unverständlicher und unbequemr Denkrhetorik, denn Deine Zeilen sind schon nachdenkenswert und bedürfen einer Antwort.

    Du schreibst: „Alle Welt sagt mir, dass ich mein akademisches Interesse aufgeben muss, dass von jetzt an Beziehungsarbeit auf mich zu kommt.“

    Ich frage zunächst einmal zurück: Wer ist denn „alle“ in Deiner Formulierung „Alle Welt“ ? Und dann auch sagt diese ganze Welt auch zu Dir, wie Du und wieviel Du zu handeln hättest ? Du musst ? Wer sagt das ? Aufgeben ? Wissenschaft contra was genau ?

    Tja, es ist wiederholt zu hinterfragen, in welcher Art Gemeinde Du Dich aufhältst und wie sehr Du Dich dort eingebunden fühlst und inwieweit Du Dich jenem vermeintlichen Gemeindedruck stellen möchtest. Abgesehen davon hat man meistens das Vikariat in einer fremden Gemeinde.

    Erst einmal schreibe ich Dir, dass Du gar nichts musst !!!

    Beziehungsarbeit ist subjektiv und kommt je nach Vorlieben und Charkater und Veranlagung schwierig oder einfach vor.

    Eine andere Frage von Dir zweifelt mich bei Dir, erfassen zu können, ob Du weißt, was genau Du mit dem Pastorat und Vikarat verbindest, insbesondere wenn Du vom „Mehrwert“ sprichst ; in „Wie groß aber ist der Mehrwert … “

    Vergleiche Hes 14,14 mit “ …es würde um ihrer Gerechtigkeit willen nur ihre eigene Seele gerettet werden … “ und mit Deinem Bedeutungsgehalt nach Mehrwert.

    Der Mehrwert ist zunächst einmal für Dich.
    In diesem Sinne ist es gerade jetzt nicht sinnvoll, einen Mehrwert bei anderen generieren zu wollen, sofern jener Mehrwert bei einem selber noch gar nicht besteht.

    Hingeworfen in eine Welt ist man nur dann, wenn man nicht weiß, was man will.

    Alles Gute
    Oliver

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