Einhörner in Geschichte und Gegenwart
Foto: Thomas Mirtsch (CC-BY-SA 3.0)

Die Recherche für den vorliegenden Artikel bot anfangs überraschende Momente – eigentlich recht passend, wenn man sich mit einem Tier beschäftigt, von dem man meint zu wissen, wie es aussieht, obwohl es noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat.

Neben der freilich völlig selbstverständlichen höchstqualitativen Suche nach Informationen in ehrwürdigen Nachschlagewerken, aufschlussreichen Monographien und ähnlichen Quellen des Wissens gibt es auch – der Vollständigkeit und Einbeziehung moderner Medien halber – die obligatorische Internetsuche bei der großen Suchmaschine mit den bunten Buchstaben.

Gibt man dort „Einhorn“ ein, spuckt das Internet ein vielleicht im ersten Moment überraschendes Ergebnis aus: denn anstatt der ursprünglich erwarteten pseudo-esoterischen Einhörner-Fanseiten („Welches Einhorn ist dein Einhorn-Seelentier?“, „Fluffy Sugarpuff – Finde jetzt deinen Einhorn-Namen heraus“ – man kennt es ja) oder phantastischer Märchenwelten ist gleich der zweite Eintrag der eines Berliner Start-Ups, das für seine fairen und nachhaltigen Kondome wirbt und das gehörnte Fabelwesen als Markenname gewählt hat.

Nach der ersten Irritation und verschmitztem Lacher fällt dann der Blick auf einige vielversprechende Einträge, datiert auf Anfang April: „Einhörner gab es wirklich!“ Fast mag man es für einen Aprilscherz halten, doch locken hier diverse Zeitungen mit diesem Triumphschrei den Leser dazu, ihre Berichte zu lesen, nur um dann recht schnell alle Hoffnungen auf elegante, silbrig-weiße Pferdegestalten zu zerschlagen: Das „Einhorn“ ist nichts anderes als ein Ur-Nashorn, groß, schwer, lange ausgestorben und seine Überreste haben Paläontologen in Sibirien gefunden und untersucht (wer es genauer wissen will, dem sei dieser Artikel im American Journal of Applied Sciences empfohlen). Massive Enttäuschung für Einhorn-Freunde auf der ganzen Welt – Nashörner sind nun nicht unbedingt das, woran man denkt, wenn man Einhorn hört. Aber nur, weil dieses prähistorische Tier ein Horn hatte, macht es das doch noch lange nicht zum Einhorn.

Einhornpuschen aus privater Aufzucht. Halter möchte anonym bleiben.

Einhornpuschen aus privater Aufzucht. Halter möchte anonym bleiben.

Einhörner haben Hochkonjunktur: ob als Emoji, verkitschtes Bild mit inspirierender Weisheit, als fluffige Hauspuschen oder als augenzwinkernde Lebenseinstellung: Always be yourself – unless you can be a unicorn. Then always be a unicorn! Oder eben als Verhütungsschutz mit fairgehandeltem Produktionshintergrund.

Einhörner gehen immer und für jeden. Sie sind schon lange nicht mehr bloß in den Kinderzimmern dieser Welt zu finden oder als Statisten romantisierter Weltfluchtsträume von Pferdenarren oder Liebhabern des Phantastischen.

Mit Popularität kommt manchmal aber auch der Verlust des Inhalts – inflationäre Allgegenwart des Einhorns in der populären Kultur hat es seltsam leer gemacht. Was bedeutet ein Einhorn heute noch? Wofür steht es? Weiß es, dass es einst ein religiöses Sinnbild für Reinheit, Keuschheit und Jungfräulichkeit war? Und nicht nur das, war es nicht ein bekanntes Christus- und Mariensymbol?

Schon in der Antike finden sich Erwähnungen über Einhörner, die bekannteste stammt von Ktesias von Knidos (um 4. Jh. v. Chr.), der es auf seiner Reise durch Indien gesehen haben will. Mag dem umtriebigen Ktesias auch unterstellt werden, dass die Phantasie in seinem Werk Indika des Öfteren mit ihm durchging, so wird die Existenz des Einhorns von seinen Zeitgenossen jedenfalls nicht grundlegend angezweifelt.

Und warum auch, immerhin gab es immer wieder aufregende Reiseberichte aus weit entfernten Regionen, in denen es von exotischen und unbekannten Pflanzen und Tieren nur so wimmelte – warum sollte dann ausgerechnet ein scheues, aber schönes Pferd mit Horn Humbug sein?

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass es einen Eintrag im Physiologus, dem Brockhaus, beziehungsweise der Natur-Wikipedia des 2. Jahrhunderts nach Christus gibt. In diesem griechisch-sprachigen frühchristlichen Volksbuch kann man allerhand Geschichten und Erläuterungen zu seltenen Pflanzen, Tieren und Steinen lesen, die allegorisch auf das christliche Heilsgeschehen hin ausgelegt werden.

Hier erfährt nun das Einhorn seine christliche Deutung: Das Horn steht für den Monotheismus, seine Gestalt – die einem Ziegenbock ähnelt, nicht einem Pferd – für die Demut und Menschwerdung Christi. Es kann nur von einer Jungfrau gefangen werden, was wenig überraschend zur Deutung der Jungfrau als Maria und des Einhorns als Christus führte. Es greifen zwei Momente ineinander: einerseits die bisher nicht weiter angezweifelte Wirklichkeit der Einhörner, und andererseits ihre neue christliche Bedeutungsebene.

Im Mittelalter erlebt das Einhorn, dann wieder als Pferd, in der christlichen Ikonographie eine prachtvolle Blütezeit. Es gibt ehrwürdige Zeichnungen edler, feingliedriger Tiere in Handschriften, aber auch Szenen eindrucksvoller Dramatik auf Kirchenwänden. Auf einem Einhorn, das von einer Hundemeute gejagt wird, sitzt das Jesuskind. Das Tier prescht in gestrecktem Galopp voran, direkt in den Schoß von Maria, die in rot und blau gewandet, die Hände schützend um den Hals des Einhorns legt. So zu finden Marienfresko der Kirche Unser Frauen in Memmingen. Diese Einhornjagd ist nur ein Beispiel eines Bildtypus, der noch im 15. und 16. Jahrhundert beliebt und verbreitet war.

Das Einhorn wird in seiner Seltenheit und Einmaligkeit zum edlen und unberührbaren Bild für Christus. Zugleich wird es als Sinnbild der Reinheit zum Mariensymbol. Hieronymus Bosch und Lucas Cranach sehen es als Tier des Paradieses und als solches darf es nicht fehlen auf Gemälden des Paradieses. In Handschriften, auf Fresken und Gemälden, sogar als plastisches Element im Kirchenbau finden sich Einhörner – in diesem religiösen Kontext werden sie vom Betrachter – so er um den Sinngehalt weiß – ohne zu zögern als Hinweise auf Christus oder Maria verstanden.

Seltsam mutet es dann an, wenn man die Übersetzung der Bibel von Luther aus dem Jahr 1545 aufschlägt, und sich auch hier Einhörner tummeln.   „Gott hat sie aus Egypten gefüret, seine freidigkeit ist wie eins Einhorns“ (Num 23,22), „Meinstu das Einhorn werde dir dienen, und werde bleiben an deiner krippen?“ (Hiob 39,9), und „Hilff mir aus dem Rachen des Lewen, und errete mich von den Einhörnern“ (Ps 22,22) weisen keine christologischen und marianologischen Bedeutungsebenen auf.

Dennoch zweifelte bis ins 18. Jahrhundert weder jemand daran, dass Einhörner in der Bibel vorkommen, noch dass eigentlich ein anderes Tier damit gemeint sein müsste. 1779 entdeckte Heinrich Sander den Übersetzungsfehler, der sich schon lange vor Luther eingeschlichen hatte.

Als der hebräische Bibeltext ins Griechische übersetzt wurde, wussten sich auch die legendären 72 Übersetzer nicht recht zu helfen und haben aus dem hebräischem Re’em, einem Tier, das sie vermutlich nicht so genau kannten, μονόκερως, also Einhorn gemacht. Die Lateiner übersetzen unicornis und woher sollte dann der gute Luther wissen, dass ursprünglich wohl der Auerochse und nicht das allseits bekannte Einhorn gemeint war?!

https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AFranz%C3%B6sischer_Tapisseur_%2815._Jahrhundert%29_001.jpg

Französischer Tapisseur (gemeinfrei)

Viel ist passiert in der Menschheitsgeschichte von damals bis heute und auch die Rezeption und der Symbolgehalt, beziehungsweise das Wissen der Menschen um die Symbole und ihre Bedeutung haben sich verändert. Das Einhorn, das als reines Fabeltier der Wildheit und Stärke begonnen hat und mit der Christussymbolik ausgezeichnet und neu kontextualisiert  wurde, wird wieder Fabeltier, das wie eine schwache Erinnerung an die religiöse Hochkonjunktur die Reinheit und Jungfräulichkeit als Nebenbedeutung behält.

Und auch hier bleibt es nicht stehen, sondern erobert neue Räume – es ist nicht mehr nur unnahbar und edel, sondern manchmal niedlich, manchmal soll es aufmuntern und auch dafür stehen, dass man sich nicht von der Welt und manchen ihrer destruktiven und rationalen Mechanismen unterkriegen lassen soll. Manchmal ist es einfach da, weil mit einem Einhorn offenbar alles etwas besser wird.

 

 

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3 Kommentare anzeigen

  1. Sehr hübsch recherchiert und launig wiedergegeben.
    Das Ketzerquartett würde mich interessieren. Wer wird wohl alles zur Ehre der Karten erhoben?

  2. Der Artikel ist jetzt schon ein Jahr alt… interessant wieviel sich in dem Bereich Einhörner getan hat, bin mal gespannt wie lange der mega Einhorn Boom noch andauern wird. Wir sind jedenfalls totale Fans. lg Christian

  3. Bin durch Zufall auf euer Artikel gestoßen. Viel Mühe habt ihr euch gegeben. Sind natürlich auch den Einhörnern verfallen. Sie verzaubern uns einfach immer wieder aus neue.

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