Moment mal: Pfingsten ist nicht der Geburtstag der Kirche
Foto: Josh Byers (CC0)

Nachdem ich letzte Woche schon an Christi Himmelfahrt herumgemäkelt habe, jetzt also Pfingsten. Konkret: Die Behauptung, zu Pfingsten feierten wir den Geburtstag der Kirche.

Ähnlich wie am Himmelfahrtstag verlassen sich viele Predigerinnen zu Pfingsten auf traditionelle Verkündigungsparolen, auch wenn diese exegetisch und kirchengeschichtlich nicht haltbar sind. Es ist ja auch zu einfach, der eigenen Unsicherheit ob der Auslegung der Ausgießung des Geistes damit abzuhelfen, stattdessen über den Geburtstag der Kirche zu sprechen. Häufig genug auch unter Ausblendung aller historischen Verwerfungen. Die heutige Kirche steht dann zur Jesusgemeinde des Pfingstens aus der Apostelgeschichte in ungebrochener Kongruenz.

Doch die Jüngerinnen Jesu versammelten sich zum Fest Schawuot in Jerusalem und folgten dem üblichen — jüdischen — Festablauf. Das von Lukas in Apg 2 erzählte Pfingstwunder ist eine spätere bildmächtige Erzählung darüber, wie aus der Verzagtheit der Jüngerinnen Glaubenseifer für die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen wurde und wie die Verkündigung über Jerusalem hinaus auch auf andere Regionen — Diasporajuden und schließlich auch Heiden — übergriff.

Schon eher hat die „Pfingstpredigt“ der Apostel wohl einen Ort in der Realgeschichte — traten doch die Christusgläubigen auch im Tempel und in den Synagogen auf. Ein Schlüssel zum Verständnis des tatsächlichen Pfingstwunders scheint mir darum Gerd Theißens These vom „Gruppenmessianismus“ zu sein, der unter den Jesusleuten geherrscht habe.

Im Zentrum der Bewegung stand demnach nicht Jesus als messianische Gestalt, sondern das anbrechende Reich Gottes. Ob sich Jesus selbst als Messias gesehen hat, wer weiß? Ganz sicher aber hat er seine Sendung nicht exklusiv verstanden, sondern sie mit seinen Jüngerinnen geteilt. Weil sich die Nachfolgerinnen Jesu als „messianisches Kollektiv“ wahrnahmen, „konnte nach Theißen die Jesusbewegung die Katastrophe des Karfreitag überdauern, und es konnte aus ihr Kirche entstehen.“ ?

Das Konzept des Gruppenmessianismus birgt noch weitere Impulse, die für die Gestaltung von Kirche von grundlegender Bedeutung sind. Denn es bedeutet eine radikale Demokratisierung von Messiaserwartung und damit eine Aufwertung und Ermächtigung all der Frauen, Männer und Kinder, die sich auf die jesuanische Vision der neuen Welt Gottes eingelassen hatten. ?

Pfingsten markiert also aus gutem Grund den — nicht nur kirchenjahrestechnischen — Übergang von der (vornehmlichen) Wirksamkeit Jesu zur Wirksamkeit seiner Gemeinde. Dafür ist die Ausgießung des Geistes ein mächtiges Symbol.

Das begründete auch den ursprünglichen christologischen Gehalt des Festes, seine Liturgie und Stellung in der Jesusbewegung. Einer Bewegung, von der wir heute wissen, dass ihr zum „Kirche-sein“ nicht nur ein eigener Kultus und eine von der Synagoge unterschiedene Sozialgestalt fehlte, sondern vor allem das Selbstverständnis als solche noch lange Zeit abging. Das verdeutlicht nicht zuletzt die Geschichte des Pfingstfestes, das wohl erst im vierten Jahrhundert als solches gefeiert wurde.

Es bleibt daher etwas unsinnig, zu behaupten, zu Pfingsten würden wir den „Geburtstag der Kirche“ feiern. Ärgerlich ist es vor allem deshalb, weil damit leider überhaupt nicht die Ermächtigung der vormals Nicht-gemeinten und das freie Walten des Geistes gemeint ist. Vielmehr wird suggeriert, dass sich Nachfolge Christi in den bestehenden Formen und Hierarchien der Kirche abzuspielen hat, weil nur dort der Geist zu finden sei, der Jesus und seine Jüngerinnen verbunden hat.

Es mag ein wenig widersprüchlich klingen, wenn ich fordere, dass die Kirchen Pfingsten freigeben müssen, um es als Fest der Kirche wiederzuentdecken. Doch es ist das Fest des Geistes, der weht wo er will, und das Fest derjenigen, die wir auch heute allzu häufig nicht als Teil der Kirche wahrnehmen.


? Hier zitiert nach Sabine Bieberstein: „Gemeinde, Kirche, Amt“ in „Neues Testament. Zentrale Themen“, Lukas Bormann (Hg.), 2014, Rezension auf theologiestudierende.de
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7 Kommentare anzeigen

  1. Pontifix der Gallier

    Vielleicht ist „Pfingsten“ ja auch „nur“ ein Stück narrativer Theologie, das die Erfüllung von Joel 3 (mit einer Rücknahme von Gen 11) als Zeichen der nahen Gottesherrschaft berichtet.

  2. Christopher

    Danke, mich nervt diese Floskel schon, seit ich sie das erste Mal gehört habe. Trotzdem lehne ich Theißens Deutung ab. ;-)

    • Bitte, mich auch. Und schon bevor ich historisch-kritisch studiert habe. Leute und Institutionen, die sich emphatisch selbst feiern – besonders ihre „Geburtstage“, die als Anlass ja im eigentlichen Sinn überhaupt keine eigene „Leistung“ als Grund zum Feiern bieten – erregen bei mir immer erst mal Misstrauen? Warum und was wird da eigentlich gefeiert?

      Zu Theißen: Zugegeben, seine Deutung bezieht sich vor allem auf die synoptischen Evangelien – „ignoriert“ also johannäische und paulinische Theologie -, weil so ein geteiltes Charisma („messianisches Kollektiv“) aber meiner Meinung nach auch vor Pfingsten nicht Halt macht, habe ich es mal etwas weiter gezogen. Ich finde sie als Interpretament des Oster- und Pfingstgeschehens ganz hilfreich, vor allem, weil sie ein Geländer bietet, an das man bei Bedarf und je nach Neigung dann paulinische, johannäische oder lukanische „Geist“-Theologie anheften kann. Theologen und vor allem Prediger sollten sich zumindest für den Zweck einer Äußerung (Predigt) temporär auf eine dieser Theologien konzentrieren.

      Stattdessen wird mir in vielen Predigten zum Heiligen Geist alles vermengt aufgetischt. Darunter gehen die unterschiedlichen Perspektiven, die die neutestamentlichen Autoren einbringen und die ja für sich alle bedenkenswert sind, verloren. Das ist, denke ich, das Hauptproblem der heutigen Pfingstpredigten. Da redet man lieber über den Geburtstag der Kirche, statt sich auch selbst Rechenschaft über seine theologische Überzeugung bzgl. des Geistes abzulegen.

      • Sebastian Schumacher

        Bei Personen hast du recht, aber die „Geburtstage“ von Institutionen beruhen schon auf Leistung. Schließlich müssen Menschen sich zusammenfinden, womöglich Hindernisse aus dem Weg räumen, eine Vision entwickeln, organisieren usw. Die Geburt einer Institution ist immer schwer und das Gelingen der Geburt somit durchaus ein Grund zum Feiern.
        In der Sache gebe ich dir aber recht: Was der Heilige Geist sein mag in einer Welt, in der Geist ein Oberbegriff für die Effekte menschlicher Gehirnaktivität verstanden wird, dass ist eine schwierige Frage. Was hätte ein Computerenzephalograph im Gehirn der Beseelten entdeckt? Einen gewöhnlichen Zustand der Erregung, eine vermehrte Aktivität der Sinneswahrnehmungen, etwas anderes und unerklärliches?

  3. ....

    „Es bleibt daher etwas unsinnig, zu behaupten, zu Pfingsten würden wir den „Geburtstag der Kirche“ feiern. Ärgerlich ist es vor allem deshalb, weil damit leider überhaupt nicht die Ermächtigung der vormals Nicht-gemeinten und das freie Walten des Geistes gemeint ist. Vielmehr wird suggeriert, dass sich Nachfolge Christi in den bestehenden Formen und Hierarchien der Kirche abzuspielen hat, weil nur dort der Geist zu finden sei, der Jesus und seine Jüngerinnen verbunden hat.“

    Oho, also ein Systematik-Novize, der noch nicht mal zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche zu unterscheiden weiß. Es dürfte wohl ziemlich vielen Pfarrer und vermutlich auch Gemeindegliedern bewusst sein, dass sie mit „Geburtstag der Kirche“ – wie auch immer diese Floskel auch findet – nicht ihre jeweilige Konfession gemeint ist. Insofern wäre die Rede von Pfingsten als Geburtstag der Kirche geradezu eine hierarchiekritische Rede, denn sie würde den einzelnen Konfessionen verdeutlichen, dass Kirche nicht Kirche aufgrund ihrer jeweiligen Organisationsform ist, sondern weil Gottes Geist Menschen in eine lebendige Gemeinschaft ruft.

    • Wenn Systematik hieße, sich die Wirklichkeit zurechtzuflunkern, wöllte ich in ihr auf ewig ein Novize sein.

      Ein Geburtstag und wenn man so will jede Liturgie, hat aber einen konkreten Anker in der Zeit. Wir schwer es den Predigenden fällt, die konkrete Kirche von ihrer zugrundeliegenden Idee zu trennen und sie von dieser Utopie her zu kritisieren, sieht man den real-existierenden Pfingstpredigten an. Deine wunderschöne Konjunktivkette zeigt das ganz schön. Allein, sie bleibt wohl ein Wunschtraum. (Und auf andere Weise genau das, was ich im letzten Absatz meines Textes geschrieben habe.)

      • ....

        Nun, Systematik ist aber eben keine Flunkerei, sondern das Betrachten, Analysieren und Verstehen von Ideen. Ich habe i.Ü. nichts dagegen, wenn jemand sich selbst als Novize, als ewig Lernenden begreift, denn wann sollten wir schon sicher sein, alles erfasst zu haben? Doch, wer jemanden anderen als Kirchengeschichtsnovize offenbar beschimpfen möchte, den möchte ich gern – unabhängig davon, wie ich zu dem damals besprochenen Thema stehe – ebenso zurückbeschimpfen, einfach und allein deshalb, um ihm die Wirkung der eigenen Rhetorik zu verdeutlichen.

        Es reicht eben nicht aus, von einer – wie auch immer getroffenen – Feststellung ausgehend, die einen Istzustand beschreibt (heutige Pfingstpredigten reden nicht über den Geist und retten sich aus der Problematik mithilfe einer Floskel – welche Predigten hast du denn da geprüft? Meinst du die offiziellen Verlautbarungen der Bischöfe? Meinst du die eine Kirche, in der du saßest? Hast du mal schnell im Internet nach Pfingstpredigten gesucht? Oder hast du eine quantitative Umfrage unter deutschen Pfarrern gemacht?) eine Idee als absurd abzutun.

        Du selbst schreibst: „Pfingsten markiert also aus gutem Grund den — nicht nur kirchenjahrestechnischen — Übergang von der (vornehmlichen) Wirksamkeit Jesu zur Wirksamkeit seiner Gemeinde. Dafür ist die Ausgießung des Geistes ein mächtiges Symbol.“
        Und damit hast du selbst zugegeben, dass ein heutiges Pfingsten die Erinnerung an ein damals neues Moment ist – nämlich, an die ab jetzt vorherrschende vornehmliche Wirksamkeit der Gemeinde.
        Deine Äußerung „Einer Bewegung, von der wir heute wissen, dass ihr zum „Kirche-sein“ nicht nur ein eigener Kultus und eine von der Synagoge unterschiedene
        Sozialgestalt fehlte, sondern vor allem das Selbstverständnis als solche noch lange Zeit abging.“
        ist insofern systematisch unhaltbar, weil du erst definierst, dass der Begriff Kirche institutionell verstanden werden müsse und dann genau dieses Verständnis kritisierst. Die Bekenntnisse, zB die drei altkirchlichen, beschreiben dagegen Kirche wahlweise als Versammlung der Christusanhänger oder als geistliche Größe. Beides braucht eben nicht zwingend eigene Riten oder Sozialgestalten.
        Kirche definiert sich eben nicht durch Hierarchie. Und damit zeigt eben gerade die Rede vom Geburtstag der Kirche eine Kritik an bestehenden Formen, die ein bloßes Meckern an der Rede nicht geben kann. Wenn ich meine Konjunktivkette mal in der einer anderen Wortwahl wiedergebe: Nicht einmal vollständig ignorante Kirchgänger glauben, dass es neben ihrer Instition Kirche keine anderen Institutionen gibt und keine Entwicklung gab.

        So scheint mir eine Menge deiner Kritik blanker Unsinn zu sein, obwohl ich deine Grundbeobachtung, dass offenbar die Floskel vom Geburtstag der Kirche benutzt wird, um nicht von Pfingsten als Fest der Geistausgießung reden zu müssen, wirklich gerne teile.

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