Das Kreuz mit der Kirchenmusik Eine Betrachtung der Situation in Österreich
Foto: Jenny Marvin (CC0)

Alles, was man tun muß, ist, die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.

So hat es angeblich einmal Johann Sebastian Bach formuliert. So einfach Bach auch diese Worte gesagt haben mag, umso schwieriger dürfte anscheinend die Umsetzung des Selbigen in der Kirchenmusik sein. Neulich besuchte ich den Gottesdienst „Jubilate“, bei dem es bekanntlich um einen fröhlichen Gesang der Christenmenschen gehen sollte. Die Osterfreude, die Freude um die Auferstehung Christi, sei Anlass genug sich zu freuen – so die Tradition. Die Betonung liegt auf sollte, denn von Freude und Jubel war bei jenem Besuch wenig zu bemerken. Der Organist und die Pfarrerin hatten anscheinend nicht die angemessene Literaturauswahl getroffen.

Bereits seit Längerem befasse ich mich mit der „Kirchenmusik“, habe das ein oder andere Seminar besucht, musiziere das ein oder andere Mal selbst in Kirchen oder ich besuche die Orgelkonzerte des Instituts für Kirchenmusik. Den mir nicht bekommenen Besuch am „Jubilate-Gottesdienst“ nehme ich zum Anlass, mich hier in einem Artikel meiner Leidenschaft der Musik zu widmen. Als problematisch empfinde ich die momentane Situation der Kirchenmusik in meiner Österreichischen Landeskirche, daher habe ich beschlossen, einen kleinen Überblick über die gegenwärtige Situation zu geben. Ich betrachte weitgehend sakrale Musik außerhalb von sakralen Räumlichkeiten – denn kirchliche Musik ist kein verstaubtes Relikt, sondern ein äußerst lukrativer Markt –, sehe mir und diverse kirchliche Stellungnahmen an und wage am Ende einen Blick in die Zukunft.

Kirchenmusik in der Popkultur

 

Musik aus dem kirchlichen Bereich ist ein lukrativer Markt. Das haben die Plattenlabels schon länger verstanden. Jeder kennt die singend-tanzende Ursuline aus Italien, Cristina Scuccia, die am 5. Juni 2014 bei der Castingshow The Voice of Italy den ersten Platz gewann.  Cristina hat in der römisch-katholischen „Community“ (insbesondere in sozialen Netzwerken) die Wogen hochgehen lassen. Der Auftritt der jungen Nonne wurde als Vorbild für andere gewertet (1. Pet. 4,10 – von Kardinal Giafranco Ravasi getwittert), die junge Dame schaffte es aufs Titelblatt der New York Times und ihr „Like A Virgin“ hat immerhin über 5 Millionen Klicks auf Youtube. Das Lied „Like A Virgin“ ist übrigens nicht so zu verstehen, wie von Madonna beabsichtigt, sondern hier ist eine andere Jungfrau gemeint.

„Gonna give you all my love“ – zweite Strophe von Sister Cristinas „Like A Virgin“ 2014.

„Gonna give you all my love boy.“ – zweite Strophe von Madonnas „Like A Virgin“ 1984.

Kirchenmusik ist also im neuen Medium „Internet“ angekommen und wird professionell vertrieben. Die Zielgruppe ist klar: Junge Menschen sollen angesprochen werden und das mit glasklar religiösem Inhalt.

Absoluter Spitzenreiter meiner Recherche nach ist der irische Priester Ray Kelly, mit unglaublichen 48.745.074 Klicks auf YouTube (Stand 17. April 2016). Nach Bekanntwerden dieses musikalischen Wunders war der Priester international in aller Munde, kurz darauf erschien 2014 sein erstes Album, 2015 sein Zweites (beide Alben konnten an den YouTube-Erfolg aber nicht anknüpfen).

Schon etwas länger zurück, aber dennoch ohne gleichen, liegt der Erfolg von „The Cistercian Monks of Stift Heiligenkreuz“ aus dem Jahre 2008. Mit dem Album „Chant – Music for Paradise“ erreichten sie in den UK Top 40 den 7. Platz. Die Zisterziensermönche aus Heiligenkreuz in Niederösterreich waren über Wochen hinweg das dominierende Thema der internationalen Presse, gingen sogar in Talkshows wie „Wetten Dass…?“ oder gar in Satiresendungen wie „Willkommen Österreich“.

Die gegenwärtige Situation in den Gemeinden

Wenn man von den unglaublichen Erfolgen der Kirchenmusik in der Popkultur das Scheinwerferlicht auf einzelne Kirchengemeinden schwenkt, so ergibt sich ein Bild weitab von Glanz und Glamour. Zahlreiche Gemeinden haben größte Probleme, überhaupt eine Kirchenmusik zu bestellen. Aus meiner Sicht absolut verständlich. In Österreich ist die Kirchenmusik in geschätzt über 90 Prozent der Fälle ein Ehrenamt. Für viele potentielle Musikanten ist das Berufsleben fordernd genug, hinzu kommt, dass neben den gewöhnlichen Sonntagsgottesdiensten unterschiedliche Kasualiengottesdienste einen Terminkalender rasch füllen können.

Aufgrund dieser Situation gibt es in manchen Gemeinden Österreichs entweder gar keine nennenswerte Kirchenmusik mehr oder die Gemeinde „nimmt, was sie bekommen kann“. Beide Situationen würde ich an dieser Stelle als „suboptimal“ verharmlosen. 2010 wurde dazu im Rahmen einer Synode zum Thema Kirchenmusik folgendes festgehalten:

Die Synode bekräftigt, „dass Kirchenmusik einen wesentlichen Beitrag zur Verkündigung des Evangeliums leistet und daher die Förderung der Kirchenmusik zu den zentralen Aufgaben der evangelischen Kirchen in Österreich gehört“.

Ein Dokument zur Synode habe ich nicht ausfindig machen können, dafür aber eine „Vorlage für einen Beschluss der Generalsynode zum Schwerpunkt Kirchenmusik„.

Im Zuge meiner Recherche bin ich auf eine völlig neue Institution meiner Kirche gestoßen, von welcher ich noch nie etwas gehört habe. Der Verband für evangelische Kirchenmusik in Österreich – kurz VEKÖ – besteht laut eigenen Angaben der Homepage seit über 60 Jahren. Die Homepage des Vereins bietet kaum Informationen, und obwohl ich in einem kirchlichen Studentenhaus wohne, evangelische Theologie studiere und in einem Pfarrhaus aufgewachsen bin ist mir dieser Verein unbekannt. Das ist schade, denn wenn die Kirchenmusik einen „wesentliche[n] Beitrag zur Verkündigung des Evangeliums“ darstellt, so sollten die Institutionen der Kirche doch zumindest wesentlich kenntlicher gemacht werden, oder etwa nicht? Der VEKÖ selbst leidet darunter. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass seine Internetadresse auf der Homepage der evangelischen Kirche in Österreich nicht angeführt wird. Aber auch der VEKÖ könnte mehr Eigeninitiative ergreifen und die „noch in Bearbeitung“-Stellen auf der Homepage durch Inhalte füllen: „Wer sind wir?“, Ziele des Vereins, etc.

Regelmäßige Fortbildungsangebote für ehrenamtliche und nebenberufliche KirchenmusikerInnen, aber auch für alle an evangelischer Kirchenmusik Interessierten organisieren das Amt für Kirchenmusik und der Verband für Evangelische Kirchenmusik in Österreich (VEKÖ).

Ein Informationsblatt für die Ausbildung zum Kirchenmusiker klärte mich schlussendlich auf über die Bedeutung des VEKÖs. Das Amt für Kirchenmusik findet sich übrigens auf der Homepage der evangelischen Kirche Österreichs, mit Kontaktadressen immerhin.

Zugute halten aber muss ich sowohl der Kirche als auch dem VEKÖ, dass sie die Bedeutung der Kirchenmusik zumindest wahrgenommen haben. Und ein paar Dinge haben sich in den letzten bezüglich Musik in Gang gesetzt. Kantorinnen und Kantoren in den einzelnen Diözesen wurden bestellt und haben sich mittlerweile in ihrem Amt etabliert. So gab es zum Beispiel 2014 einen Beschluss der Diözese Wien für die Bestellung einer Kantorin/eines Kantors (nicht zu verwechseln mit der Wiener Evangelischen Kantorei), Niederösterreich hat bereits seit ein paar Jahren eine Diözesankantorin und seit geraumer Zeit wird in der Diözese Kärnten-Osttirol ebenso ein solches Amt installiert.

Eine Prognose für die Zukunft

Ausbildungsplätze in Österreich zur Kirchenmusikerin oder zum Kirchenmusiker gibt es. Selbst die Internetseite studycheck.at kennt das Studium der evangelischen Kirchenmusik an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst. Als zunehmend problematisch aber betrachte ich die (vor allem personelle) Entwicklung in den einzelnen Gemeinden. Hinzu kommt, dass ich im Zuge meiner Recherche für diesen Artikel keine Erhebungen oder Daten von Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker ausfindig machen konnte, daher sehe ich „empirischen“ Aufholbedarf um eine Arbeits- und Diskussionsgrundlage zu schaffen, die meiner Meinung nach über die Grenzen einer Synode hinausgehen sollte. Am Rande sei noch erwähnt, dass sich gesungene Musik generell im gesellschaftlichen Abwärtstrend befindet. Laut einem Artikel in der Zeit nimmt das Singen in unserer Gesellschaft ab, das Hören hingegen zu.

Persönlich werte ich Musik in der Kirche als eines der zentralsten Elemente eines jeden Gottesdienstes. Sollte die Predigt das ein oder andere Mal nicht ansprechend gewesen sein, so bilden Lieder eine zusätzliche Chance für die Verkündigung des Wortes Gottes. Das Bewusstsein um die Bedeutung von sakraler Musik ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen – trotzdem sehe ich teils gravierenden Aufholbedarf. Vikarinnen und Vikare, Pfarrerinnen und Pfarrer, Presbyterinnen und Presbyter, Kirchenmusikerinnen und -Musiker – sie alle sind gefordert. Möglicherweise verhilft mein Artikel zu einem gewissen Denkanstoß in die richtige Richtung.

2015 beging die evangelische Kirche in Österreich das „Jahr der Bildung„. Das könnte man doch, neben dem Synodalbeschluss, zusätzlich als Ansporn verstehen. Kirchenmusik erfüllt einen (ungeschriebenen) gesellschaftlichen Bildungsauftrag – sprachlich, theologisch etc. – und es wäre gleichzeitig ein „wesentlicher Beitrag zur Verkündigung des Evangeliums“ erfüllt worden. Und eine Sehnsucht nach Kirchenmusik existiert, denn sonst hätten die Mönche aus Heiligenkreuz niemals einen solchen Erfolg verbuchen können.

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