Vom Himmel gesungen, die Hölle erlebt Filmbesprechung zu Felix van Groeningens "The Broken Circle Breakdown"
Foto: Austin Prock (CC0)

Am Anfang war die Musik. Noch bevor der Zuschauer nur einen Blick auf den Film The Broken Circle Breakdown werfen kann, gibt es was auf die Ohren. „Will the Circle be unbroken, by and by, Lord, by and by? There’s a better home awaiting in the sky, Lord, in the sky!“

So harmonisch dieser Film von Felix van Groeningen aus dem Jahr 2012 anfängt, so abrupt schlägt er in der kommenden Szene zurück. Statt der sympathischen Bluegrass-Band sieht man nun ein Krankenhaus. Hier gibt es eine Spritze für Maybelle (Nell Cattrysse), die Tochter der Protagonisten Didier (Johan Heldenbergh) und Elise (Veerle Baetens). Maybelle hat Krebs. Damit steht der Film von Anfang an in der Spannung, die er die ganze Zeit aufrecht erhalten wird, der Spannung zwischen Freud und Leid.

Die Charaktere werden dabei erst nach und nach eingeführt. Da ist zum einen Didier, Banjo-Spieler und Musiker mit Leib und Seele. Ein echter Cowboy, der in einem Wohnwagen auf einem Bauernhof wohnt, den er renovieren will. Elise, die ein Tattoo-Studio betreibt, fällt vor allem durch ihren Körper auf, der von Tattoos übersät ist. Sie muss erst langsam an die Musik heran geführt werden. Man muss sich schon fragen, wie sich diese Zwei kennengelernt haben.

Dies bleibt dem Zuschauer aber zunächst mal verborgen, denn die Rückblenden, die die Geschichte des Paares erzählen, beginnen bei ihrem ersten Kuss. Von dort geht es weiter über die Schwangerschaft hin zu Maybelles Geburt und ihren Kindheitsjahren. Dazwischen immer wieder diese Musik, die so hoffnungsvoll und froh daherkommt und einen geradezu zum Tanzen einlädt. „Bluegrass-Musik erzählt von Hoffnungen und dem gelobten Land“, erklärt Didier Elise.

Doch in all diese Fröhlichkeit schlägt immer wieder der Schrecken der Gegenwart von Maybelles Krankheit. Van Groeningen ist schonungslos mit seinen Zuschauern. Auf den Sex zwischen Didier und Elise folgt eine Szene, wie sich die kranke Maybelle in Folge der Chemotherapie übergeben muss. Während Maybelle ihre ersten Schritte macht, laufen im TV die Bilder vom Terroranschlag am 11. September 2001. Leben hat Höhen und Tiefen, das wird dem Zuschauer in diesem Film unweigerlich klar.

Es ist nicht immer einfach diese emotionale Achterbahnfahrt mitzugehen. Van Groeningen lässt kaum Pausen zum Atem holen. Das wirkt manchmal fast einen Tick zu gehetzt und man würde sich wünschen mal kurz die „Pause“-Taste zu drücken, damit man einmal durchatmen kann. Auf DVD mag das nun gehen, freilich im Kino ging es nicht, da muss man dann durch.

Als Maybelle endlich entlassen wird, keimt die zarte Hoffnung, dass jetzt doch noch alles gut wird. Stattdessen wagt sich der Film nun an die richtig heißen Eisen. Als sich ein Vogel am Glasdach der Veranda das Genick bricht und stirbt, fragt Maybelle, was mit dem toten Vogel passiert. Didier, der Atheist ist, kommt damit in große Erklärungsnot. „Was sagt man dann zu einem Kind?“, will er später von Elise wissen. Wirklich eine gute Frage.

Und diese Frage wird dann mehr oder minder zum großen Geschütz für den restlichen Film, der, soviel sei hier verraten, mit dem Tod der kleinen Maybelle seinen Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Stattdessen dreht sich der Film dann nur noch um Elise und Didier, kümmert sich noch einmal intensiv um ihre Geschichte (u.a. um ihr erstes Date) und zeigt gleichzeitig, wie unterschiedlich die beiden mit ihrer Trauer umgehen. Elise entwickelt eine gewisse Spiritualität, die Atheist Didier offensichtlich überfordert. Und wenn sie dann „If I needed you, would you come to me?“ singen und sich kaum ansehen können, muss man als Zuschauer ganz stark sein.

Es sei an dieser Stelle nicht mehr verraten über einen Film, über den man noch sehr viel mehr schreiben könnte. Van Groeningens Film ist m.E. einer der besten Filme zum Thema Leid und Tod, der in den letzten Jahrzehnten produziert wurde. Manchmal ungeheuer belebend, teilweise lustig, dann wieder richtig traurig. Wer da nicht aufgewühlt aus dem Kino geht (oder vom Sofa aufsteht), der muss schon ein harter Hund sein. Völlig zurecht wurde der Film 2012 für einen Oscar als bester ausländischer Film nominiert. Leider hat er nicht gewonnen und so bleiben nur zahlreiche andere Preise, wie z.B. der Publikumspreis der Berlinale 2012.

The Broken Circle Breakdown gibt es mittlerweile als DVD überall im Handel und bei zahlreichen Streaming-Diensten wie z.B. Amazon Prime.

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