Das Geld – Der Opferkult unserer Gesellschaft
Foto: Olu Eletu (CC0)

Wenn jemand in Deutschland aus der Kirche austritt oder erklärt, dass er Atheist ist, kann er ohne Konsequenzen weiter leben. Ohne Geld auszukommen, ist im Alltag in unserer Gesellschaft jedoch unmöglich. Geld ist die verbindliche Verknüpfung unserer Gesellschaft. Hier ist es tatsächlich möglich „exkommuniziert“ zu werden. Ich denke dabei an die Bilder von den Menschen aus der Weltwirtschaftskrise von 1929 aus dem Geschichtsunterricht oder auch an 2008 in Griechenland, als auf einmal Menschen mitten in Europa auf der Straße leben mussten. Sind diese Menschen Kollateralschäden oder notwendige Opfer für das System?

Hier komme ich gedanklich zu Kain und Abel. Kain ist der Bauer und Abel der Viehzüchter. Das Fleisch von Abel wird scheinbar von Gott bevorzugt, woraufhin Kain den Abel erschlägt. Er wird gezeichnet, was ihn vor Strafe schützt und ihn aber auch seiner Schuld immer bewusst werden machen wird. Viele Ursprungsmythen beginnen mit einem Brudermord. Man denke bspw. an Romulus und Remus. Vor dem Beginn der Kultur stand am Anfang vor dem Gewaltakt das Chaos.

Eine Religionsgeschichte des Opfers

Wozu ist Religion da? Unter anderem schafft sie Ordnung. Und da spielt das Opfer eine relevante Rolle. Menschenopfer, Tieropfer, Geldopfer. Der französische Kulturantrophologe René Girard sagt, dass die Religion Ordnung schafft durch einen religiös interpretierten Gewaltakt, vor welchem Chaos herrschte (vgl. Bloch, Natalie: Legitimierte Gewalt, 2011, S. 60ff., überblickshaft in einem Nachruf von Johannes Kaup). Dieses Chaos hatte seine Ursache in der Tradition der Blutrache. Denn das Töten endete nicht nach einem einzelnen Mord. Die nächsten Verwandten des Opfers hatten die Pflicht, den ermordeten zu rächen. Dieser Prozess konnte sich fortführen, bis ganze Familien ausgerottet waren. Deswegen wird das Opfern erfunden, um solche Kreisläufe zu unterbrechen. Anstatt sich gegenseitig umzubringen wird nun ein an der Blutrache nicht Beteiligter stellvertretend geopfert. Dass das Leben durch das Opfern besser wurde als in der Zeit der Blutrache, gab der Praxis recht; sie wurde als heilig verklärt und auf Gott projiziert.

Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun sagt, dass es Opfer gibt, seitdem der Mensch in die Landwirtschaft eingegriffen hat bzw. sesshaft geworden ist (vgl. Springer und Süß – Der schein des Geldes, Beglaubigung durch Opfer, ausgestrahlt am 06.04.2015 auf dem bayerischen Fernsehen von 22:00 Uhr bis 22:45, 15:00 min bis 16:51 min). Die Jäger und Sammler etwa fühlten sich mit der Natur auf Augenhöhe, als Teil der Natur. Dann betrieb der Mensch Landwirtschaft, Viehzucht, und macht sich zum ersten Mal schuldig gegenüber der Schöpfung. Denn er griff in die Natur ein, veränderte sie, und erhob sich damit gegen den Schöpfer, aber auch gegen die Natur selbst. Die Darbringung von Opfern dient dazu, diese Schuld zu sühnen. Man denke hier auch an die hebräische Bibel, wo das erstgeborene Lamm oder die erste Frucht des Jahres zum Opfer für Gott vorgeschrieben wurde.

Was das Finanzwesen mit dem Abendmahl zu tun hat

Das Geld ist aus der religiösen Praxis entstanden. So kam das erste Münzgeld aus Prägungen in Tempeln; die ersten Kreditvergaben aus überschüssigen Opfergaben. Sprachlich merkt man das noch heute, wenn vom „Obolus“ (Opfergabe) gesprochen wird. Die erste (global) erfolgreiche Münze war der „Kreuzer“. Oder man denke an die Kreditvergabe (lat. credere – glauben). So wie beim Abendmahl eine gewisse Wandlung erfolgt, so wandelt der Glaube das Geld, sodass aus einem Symbol wie ein Stück Papier oder Metall ein realer Wert wird. Das Fachwort dafür kennen wir aus der Theologie und heißt Transsubstantiation. Man kann in diesem Zusammenhang, finde ich, durchaus die geprägte Hostie in Münzform mit der Münze vergleichen.

Das Erstaunliche am Geld dabei ist, dass es sich in alles wandeln lässt. In der christlichen Theologie gilt die Eindimensionalität der Abendmahlsgaben. Die Hostie kann „nur“ Christi Leib werden, nichts anderes. Die Geldwandlung funktioniert alltäglich und immerfort. Und das klappt deshalb, weil alle daran glauben, dass ich daran glaube, dass sie daran glauben. Ein Soziologe würde von Erwartungserwartung sprechen, die erfüllt ist (vgl. Müller, Julian/Nassehi, Armin: Struktur und Zeit, S. 103f., in: Niklas Luhmann: Soziale Systeme, 2013, Horster, Detlef (Hsg.)). Hier kann man durchaus von einem (Wirtschafts-)Wunder sprechen.

In der Finanzkrise 2008 ist dieser Glaube erschüttert worden. Zumindest der Glaube, dass Geld (auch bei scheinbar risikoloser Anlage) sich immer weiter vermehren kann. Wenn nichts mehr hilft, hilft nur noch das sakrale Opfer. Dann müssen Menschen „daran glauben“, das Opfer am eigenen Leib erfahren, werden unverschuldet arbeitslos oder verlieren ihre Bankersparnisse.

Tod Jesu als das letzte Opfer

Projiziere ich die kulturgeschichtliche Hypothese, dass der Mensch seit seiner Sesshaftigkeit opfert, auf das Christentum, entsteht ein Problem: Für Christen gilt der gewaltsame Tod Jesu als das letzte Opfer. Nach der Hypothese sollte aber unabhängig von der Religion immerfort ein Bedürfnis zur Opferung bestehen. Jedoch opfert ein christlicher Mensch in seiner Religion offensichtlich nicht mehr. Zugleich kann er als Mensch seine Schuld gegenüber der Natur niemals einlösen. Produzieren wir deshalb so viel Geld? Hoffen wir unterbewusst, dass wir irgendwann genug haben werden, um unsere Schuld mit Reichtum auszulösen?

Die Menschenopferung in unserem wirtschaftlichen System ist ein verdecktes Opfer. Wir delegieren das Opfer an die Schwächsten der Gesellschaft. Auch wenn das in der Kirche sicher nicht Mehrheitsmeinung ist, müssen wir uns kulturell die Frage stellen, warum das ausgeprägte Bankenwesen und der Kapitalismus im christlich geprägten Kulturraum entstanden sind und nicht anderswo. Gibt es überhaupt diese stringente geschichtliche Entwicklung hin bis zum Christentum?

Technologische Fortschritte

Das Papiergeld wurde in China erfunden. Hier kam es zum ersten Mal dazu, dass Geld keinen angemessenen Gegenwert mehr hatte und nun an den Wert geglaubt werden musste. Zugleich gab es hier auch ein entwickeltes Kreditsystem zeitlich weit vor Europa (vgl. Kocka, Jürgen: Geschichte des Kapitalismus, 2014, S. 25ff.). Denn es gab in Europa keinen großen Zentralstaat und die Bargeldhaltung war sehr teuer (unterschiedliche Währungen) und gefährlich (besonders für den Fernhandel). Zwei Entwicklungen bedingen um das 15. Jahrhundert ein sehr dynamisches und funktionierendes Finanzsystem:

  1. In der Lombardei wird die doppelte Buchführung gelehrt. Zugleich wird es möglich, ähnlich dem Prinzip eines Sparbuchs, bspw. in Venedig bei einem Bankier Geld zu hinterlegen und in Genua mit Hilfe einer entsprechenden Urkunde Güter zu erwerben. Zusätzlich kommt es im 16. Jahrhundert zu einer Lockerung und Aufhebung des Zinsnehmens aber auch des Zinseszinsverbots. Eine nach Risiko differenzierte Kreditbepreisung wird möglich.
  2. Kaufmannsfamilien schlossen sich zu genossenschaftsähnlichen Verbünden zusammen und verteilten Risiken gleichmäßig aufeinander. Dadurch wurde es möglich am Fernhandel teilzunehmen (vgl. Kocka, Jürgen: Geschichte des Kapitalismus, 2014, S. 31ff.). Dies erfolgte z.B. in Ravensburg. Hier schlossen sich Patrizierfamilien zur Ravensburger Handelsgesellschaft zusammen, operierten über die Grenzen Europa hinaus und erwirtschafteten ein Vielfaches im Verhältnis zu der ortsansässigen Wirtschaft (Museumsbesuch am 06.09.2014 im Museum Humpis-Quartier in Ravensburg).

Ein religiöses Bewusstsein der Banker?

Die Kreditvergabe war aufgrund der Zinsthematik bis in das Mittelalter hinein religiös aufgeladen. Auch danach lassen sich Bankiersfamilien mit religiösen Bezügen finden. Aber entscheidend ist die Frage, ob heute die Akteure bewusst in ihrem Handeln einen religiösen Akt vollziehen. Hier ist es schwierig einen direkten Bezug zu finden. Natürlich ist es möglich die Geldschöpfung in einen religiösen Zusammenhang zu stellen, aber darüber hinaus?

Aus eigenen Erfahrungen im Hochfrequenzhandel kann ich sagen, dass es nach erfolgreichen Geschäften durchaus zu beseelten Gefühlen kommen kann, wenn man seinen Frieden findet, ähnlich wie man in einer Religion empfinden kann. Und eine Branche hat immer ihre eigene Ethik, handelt nach ihren eigenen Gesetzen, auch mal zulasten der Gesellschaft, und dies kann nicht nur religiösen sondern auch fanatischen Charakter haben.

Gesamtbetrachtung

Das Geldsystem hat einen hohen religiösen Charakter. Sowohl was seinem geschichtlichen Ursprung anbelangt aber auch seinem Wirken an sich. Ohne den Glauben an das Geld wäre unser Finanzsystem nicht denkbar.

Einen christlichen Bezug lässt sich besonders im Hinblick auf das Zinsverbot und deren Aufhebung feststellen. Erst danach kam es zu Dynamiken und Fortschritte, die es Europa ermöglichten finanzwirtschaftlich nicht nur aufzuholen gegenüber anderen Kontinenten, sondern sich darüber hinaus sehr schnell zu entwickeln. Dabei entstand dies erst durch den Wegfall religiöser Restriktionen und nicht durch das Christentum an sich.

Die kulturgeschichtliche Argumentation, dass im heutigen Wirtschaftssystem Menschen ein sakrales Opfer darstellen, teile ich nicht ganz. Denn selbstverständlich gab es und wird es Menschen geben, die ohne ihr Verschulden Opfer erleiden. Jedoch finde ich eine religiöse Interpretation nicht immer zwingend. Die Aussage, dass Geld ein Opferkult unserer Gesellschaft ist, kann ich ohne Einschränkungen zustimmen. Im religiösen Sinne kann ich den Schritt davor, nämlich die Entwicklung des Geldes und die des Finanzwesens mit dem sakralen Opfer in einen Zusammenhang zu stellen, mitgehen.

 

Weiterführende Infromationsquellen

Zur Thematik allgemein: Dreiteilige Fernsehsendung: Springer und Süß – Der Schein des Geldes (Beglaubigung durch Opfer, Zeit ist Geld, Der Glaube an den Zins), ausgestrahlt am 06.04.2015, 07.04.2015 und 08.04.2015 jeweils von 22:00 Uhr bis 22:45 Uhr im Bayerischen Fernsehen.

Zu René Girard: Jakob, Michael: Aussichten des Denkens, 1994, S. 155 bis 176. Im Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek kann das Buch online gelesen werden.

Zu Christina von Braun: von Braun, Christina: Der Preis des Geldes: Eine Kulturgeschichte, 2012.

Zum Handeln und der Ethik an den Finanzmärkten:

Vergleichsdaten der OECD zu den sozialen Auswirkungen der Krise: www.compareyourcountry.org

Eine sehr gute und überblickhaft gestaltete Lektüre zur Wirtschaftsgeschichte: Kocka, Jürgen: Geschichte des Kapitalismus, 2014.

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Ein Kommentar

  1. Sebastian Schumacher

    Faszinierende Betrachtung, auch für mich als Nichtgläubigen!

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