Moment mal: Darf Satire alles?

„Schmähkritik“. Das Wort ist derzeit in aller Munde. Die Frage, die hinter dem ganzen Aufruhr um den Satiriker Jan Böhmermann steht, ist die gleiche wie 2005 nach dem Abdruck einer umstrittenen Mohammed-Karikatur in einer dänischen Zeitung. Die gleiche wie 2015 nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo: Darf Satire alles?

Satire kann, da sind wir uns wohl einig, manchmal ganz schön blöde sein. Beleidigend sogar. Ungerecht. Nicht selten kann sie auch keinen besonderen künstlerischen Wert für sich beanspruchen. Oft ist sie krude und geistlos.

Das klassische theologisch relevante Beispiel hierfür ist der Gott des Alexamenos. Bei Ausgrabungen auf dem römischen Palatin fanden Forscher im 19. Jahrhundert an einer Wand eine grobe, eingeritzte Zeichnung: Ein Grafitti. Abgebildet war ein Mensch mit zum Gruß erhobenen Arm vor einem Gekreuzigten. Der Mann am Kreuz trug den Kopf eines Esels. Darunter stand in ungelenker Schrift: „Αλεξαμενος ϲεβετε θεον“ – „Alexamenos betet zu  seinem Gott.“

Alexamenos

Zweifelsohne Geistlos. Beleidigend. Wohl sogar beleidigend gemeint. Kann etwa diese „Karikatur“ aus dem 3. Jahrhundert mit ihren krummen Linien und orthografischen Schwächen legitime Satire sein? Hat sie so etwas wie einen tieferen Sinn?

Nun, zum ersten drückt die Kritzelei eine Wahrheit über ihre Zeit aus: Aus Schriften des Kirchenvaters Tertullian wissen wir, dass das Gerücht weit verbreitet war, der Gott der Christen habe einen Eselskopf. Immerhin handelt es sich für uns also um ein nützliches zeitgeschichtliches Dokument.

Aber die Karikatur über den Gott des Alexamenos zeigt noch etwas anderes: Das Wort vom gekreuzigten Gott ist Blödsinn. Das behaupteten nicht nur die bösen Satiriker im antiken Rom, das wussten auch schon die ersten Christen. Paulus schrieb an die Gemeinde in Korinth: „Das Wort vom Kreuz ist Blödsinn für die Verlorenen, uns Geretteten aber ist es Kraft Gottes.“ Der Gott am Kreuz sprengt alle „Weisheit der Weisen.“ Weil es wie ein nie dagewesener Unfug erscheinen musste, was diese Christen behaupteten. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht stimmt.

Von Paulus lässt sich eine Antwort auf unsere Frage ableiten. Was darf Satire? Bestimmt nicht alles, aber wir sollten alles ertragen. Denn wer, wie der Präsident der Türkei, verdienten Spott nicht verkraftet, wirkt kleinkariert und empfindlich. Wer sich den Spott stattdessen zu eigen macht, hat nicht nur die Chance ihn zu entkräften. Vielleicht findet sich darin sogar ein Körnchen Wahrheit.

Schlagwörter: , , , , ,

Ein Kommentar

  1. Nils

    Ich finde deine Analogien in diesem Fall leider ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Hier geht es nicht um schlecht gekritzelte Karikaturen, sondern um bewusste Provokation, die ihre politische Sprengkraft schon voraussetzte.
    Erdogan an Paulus zu messen und in keiner Weise auf seinen eigenen kulturellen Hintergrund einzugehen, finde ich auch sehr fragwürdig und ohne Bewusstsein für interkulturelle Unterschiede.

    Wie verurteilenswert das Verhalten dieses Mannes auch ist, konnte Böhmermann in dieser Situation doch abschätzen, dass es eine Klage geben würde (Erdogan hat gerade 2000 wegen Beleidigung gegen ihn am Laufen) und er hat wirklich harte Beleidigungen gewählt und auf sehr fiese Stereotype zurückgegriffen, von deren Verwendung auch Türken, die nicht für Erdogan sind, sich angegriffen fühlen.

    Ob der von Böhmermann vorgebrachte Kontext in der Sendung Bestand haben wird, ist vor einem deutschen Gericht zu prüfen. Dass die Bundesregierung das zulässt, halte ich in einem Rechtsstaat für völlig angemessen.

    Ich würde es ihm natürlich von ganzem Herzen gönnen, wenn er nochmal mit angesengten Haaren davonkommt. Er kann auf jeden Fall den Erfolg verbuchen, wieder auf die prekäre Lage der Journalisten in der Türkei aufmerksam gemacht zu haben. Ich hoffe, er hat sich bei der Risikoabwägung nicht verschätzt.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.