Über Liebe und Stetigkeit
Stockholm 2013 (Foto: Johann Anton Zieme)

Wie in der Geschichte der westlichen Philosophie, so wurde auch in meinem Theologiestudium die Liebe ausgeblendet. Ja gut, im Alten und Neuen Testament wird dauernd von Gottes Liebe erzählt, in welcher Gestalt auch immer, und Reflexionen über Geschlecht, Gender und weitere soziale Konventionen über Formen der Liebe kann man sich, zumindest in Berlin, nicht mehr entziehen.

Aber wirklich über die Liebe, die Liebe an sich – meine dekonstruktivistische Prägung sträubt sich hier gegen den Begriff Prinzip, aber wer weiß? – über die Liebe, diese Grundkonstante des menschlichen Lebens, wurde nie mit offenen Karten gesprochen. Auch nicht bei dem sonst für provokative Thesen bekannten Berliner Professor.

Dafür brauchte es mein neuntes Semester und ein Seminar bei dem ruhigen, älteren, italienisch-katholischen Philosophieprofessor. Gegenstand des Seminars war Das Erotische. Ein Phänomen (im Original Le phénomène érotique), ein Buch des französischen Zeitgenossen Jean-Luc Marion (Oh Gott, wie klischeehaft! Ein Franzose, der über die Liebe schreibt, und dann heißt er auch noch Jean-Luc! Nein, halt: cliché-haft.).

Ich möchte in keiner Weise Werbung für dieses Buch machen (selten so eine anstrengende Lektüre gehabt), sondern nur ein paar Gedanken mitteilen. Vielleicht betreffen sie nur die erotische Liebe zwischen zwei (oder mehr?) Menschen, vielleicht auch die Liebe zwischen Mensch und Gott – wer das Alte Testament mag, kann im Titel dieses Artikels eine Übersetzung von ’ämæt sehen.

Eine der Grundannahmen Marions der Liebe bezüglich ist, dass sie ein gesättigtes Phänomen („phénomène saturé“) ist; d. h., so viel wir auch über die Liebe nachdenken mögen, generell oder speziell, so wird sie sich uns nie ganz erschließen, so viel wir auch von ihr erklären können, so werden diese Erklärungen nie ausreichen.

Vielleicht ist es diese Einsicht, die die allermeisten westlichen Philosophen der Geschichte daran gehindert hat, sich der Liebe mit ihrem Werk zu widmen: Durch die Unerschöpflichkeit der Liebe hätten sie ihrem eigenen Anspruch, die Welt, das Leben und deren Sinn vollständig zu erklären, nicht gerecht werden können (Oft genug sind sie ja schon so daran gescheitert!).

Meiner Meinung nach kommt diese Unerschöpflichkeit der Liebe (Welch grandiose Metapher: das Wasser dieser unerschöpflichen Quelle ist immer für uns da!) nicht von ungefähr, sie kommt daher, dass die Liebe ein intentionaler Zustand, ein Streben danach ist, Zugang zu einer anderen Person zu erfahren (und dadurch sich selbst als bestätigt zu erfahren).

Eine menschliche Person ist, zumindest in der immanenten Sphäre, das ungesättigte Phänomen schlechthin. Selbst wenn wir diesen Zugang erfahren, – oder tatsächlich erhalten – merken wir, dass diese Person immer noch mehr ist, immer noch mehr wird. Diese Unerschöpflichkeit der Person, nach der wir streben, nach der wir uns sehnen, führt auch zu den Momenten unendlichen Glücks oder Unglücks, die wir dann erleben.

Ein erstes Moment des Glücks erfahren wir, wenn uns eine Person liebenswert – oder: attraktiv – erscheint. Sie zieht uns an, zieht uns zu sich hin. Warum, das kann eben keiner so genau erklären. Nachdem wir begonnen haben, diese Attraktion zu fühlen, suchen und finden wir viele Gründe, aber sie alle reichen nicht aus, diese Attraktion zu erklären oder anderen verständlich zu machen (und wenn doch letzteres, so helfe uns Gott in dem Rennen, in dem Wettkampf, der dann entsteht).

Jean-Luc Marion nennt dies, in Bezug auf und Umdeutung von Leibniz, das „Prinzip des unzureichenden Grundes“; ich würde es das Prinzip der unzureichenden Gründe nennen, denn nicht nur einer von ihnen ist unzureichend, ja alle zusammen sind unzureichend. Dieser ersten Attraktion entsprechend zu handeln, fällt uns meist nicht schwer, wenn sie nur stark genug ist; der erste Schritt auf den Geliebten zu ist meist kein Problem. Da aber eine ernst gefühlte Liebe sich nicht mit Endlichkeit, nicht mit Befristung begnügt (in ihrer Unerschöpflichkeit), braucht es weitere Schritte, die der Ewigkeit entgegenstreben.

Ein gewisser Realismus kann durchaus hilfreich sein: Bekannte von mir haben sich nicht mit den Worten „bis dass der Tod euch scheide“ sondern „solange es gut geht“ trauen lassen. Doch schon im 12. Jh. hat die Gräfin der Champagne das Urteil gefällt, dass die Ehe – wohl auch alle anderen verpflichtenden Formen von Liebe – die echte Liebe ausschließt, da diese Verpflichtung dann einen ausreichenden Grund bietet, den anderen zu lieben (nach Ronald de Sousa: „Love: A Very Short Introduction“). Genau in diesem Spannungsfeld von Unerschöpflichkeit und der Pragmatik des Alltags befindet sich die Liebe; wenn sie sich nur noch auf einer Seite befände, würde sie an dem Anspruch, der sich an sie stellt scheitern.

Und deswegen denke ich, dass zur Liebe die Stetigkeit gehört, nicht als Teil von ihr, aber als ihr Partner. Nur durch stetige Hingabe (eine romantischere Übersetzung des englischen commitment als „Verpflichtung“) an den Geliebten, die wie unser Begehren auf Ewigkeit hin angelegt ist (daher das „bis dass der Tod euch scheide“), aber genauso pragmatisch im diesseitigen Leben angesiedelt ist, können wir der Unerschöpflichkeit, der Unendlichkeit unseres Geliebten nahe kommen.

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