Moment mal: Dokumentation einer rasanten Entwicklung
Foto: Max Melzer

Als ich ein Teenager war, kaufte meine Mutter irgendwo ein altes Telefon, mit Wählscheibe, und stellte es in ihr Büro. Bis heute erzählt sie noch die Anekdote, wie ich verzweifelt vor diesem Telefon stand und es nicht bedienen konnte. Langsam weiß ich, wie sie sich gefühlt haben muss.

Neulich riss meine Nachhilfeschülerin, acht Jahre alt, beim Anblick meines Handys die Augen weit auf und rief: „Hast du so ein kleines Handy!?“ (Ich habe ein Samsung, mit Prepaidkarte, ohne Fotofunktion und ohne Internet.) Dieses Mädchen ist nur 16 Jahre nach mir geboren, aber sie gehört zu einer Generation, die sich eine Welt ohne Smartphones nicht mehr wird vorstellen können. Das finde ich umso unglaublicher, wenn ich mir die Rasanz dieser Entwicklung bewusst mache.

Als ich ein Kind war, gab es noch Telefonzellen, die man tatsächlich benutzt hat. Verabredungen nicht einzuhalten, war sehr problematisch. Ich bin damals jedes zweite Wochenende zwischen meinem Vater und meiner Mutter hin- und hergefahren, oft haben sie sich irgendwo auf der Hälfte der Strecke für die „Kind-Übergabe“ getroffen.

Sich auf großen Bahnhöfen zu treffen, war eine echte Herausforderung und ich erinnere mich an ein oder zwei Male, wo wir einander über Lautsprecher ausrufen mussten, um einander zu finden. Noch in der fünften Klasse stand ich an der Haltestelle, an der ich mich mit meiner Freundin für den Schulweg verabredet hatte und wartete vergeblich auf sie – keiner konnte mir Bescheid sagen.

Das erste iPhone kam 2007 heraus. Die s.g. Bonzen in meiner Klasse hatten dann auch recht schnell so eins, wo hingegen die s.g. Normalen darüber nur die Augen verdrehten. Auf unserer Studienfahrt – 2009 – verirrten wir uns in den Straßen von Palermo und einer dieser Bonzen versuchte nun, mit Hilfe des Smartphones herauszufinden, wo wir uns befanden.

Ich weiß noch, dass ich zugleich erschrocken und fasziniert war über diese Möglichkeit. Internet und GPS-Ortung waren damals allerdings noch recht langsam, sodass wir uns längst mit Hilfe des Stadtplans orientiert hatten, als der Smartphoneinhaber endlich rief: „Ich hab uns!“

Vor meinem Auslandssemester 2014 hatte ich vor allem mit rückständigen TheologInnen zu tun, Smartphonebesitzer und Smartphonelose waren vielleicht fifty-fifty verteilt. In Kopenhagen sah das schon anders aus, da war ich auf die Gnade meiner Erasmus-fellows angewiesen, mich von Verabredungen, per whatsapp arrangiert, auch noch per SMS zu informieren. Die Amerikaner und Asiaten brauchten als erstes einen dänischen Handyvertrag, schon allein, um die Wege durch die Stadt zu finden. Als ich fragte, ob sie keinen Stadtplan hätten, sagten sie, doch, schon, aber der Stadtplan zeige ja nicht, wo man selbst sich gerade befinde.

Als ich zurück in Deutschland war, machten die Smartphonebesitzer auch unter TheologInnen die deutliche Mehrheit aus. Auch wirklich überzeugte Smartphone-Gegner hatten sich missionieren lassen.

Fotos von Familienfeiern bekomme ich inzwischen nicht mehr zu Gesicht, die werden nämlich per whatsapp verschickt. Mein Vater hatte sich lange gegen ein Smartphone geweigert, erbte aber irgendwann das ausgediente Handy meiner Schwester. Früher war das noch andersherum, Kinder übernahmen alte Sachen der Eltern oder großen Geschwister.
Als letzte smartphonelose Mitstreiterin in der Familie verlor ich am vergangenen Weihnachtsfest meine Oma, 75 Jahre alt. Ihre Kinder waren der Überzeugung, dass man ohne Smartphone nicht ordentlich alt werden könne und schenkten ihr eins.

Aus Trotz halte ich noch ein bisschen durch ohne Smartphone. Ich war in meinem Umfeld auch die letzte, die Harry Potter gelesen hat, ich bin geübt darin, mich Trends zu verweigern. Irgendwann werde wahrscheinlich auch ich mich ergeben, weil ich gerne noch mit meinen Mitmenschen kommunizieren möchte. Und meinen Kindern werde ich aus einer Zeit berichten, in der es Telefonzellen gab.

9 Kommentare anzeigen

  1. Ohne dich persönlich anzugreifen, aber ich finde es problematisch, sich dem Smartphone und neuen technischen Entwicklungen zu entsagen.
    Wen man später in den Pfarrdienst möchte, hat man es ganz unweigerlich mit noch jüngeren Menschen zu tun, für die ein Smartphone noch unverzichtbarer ist. Pfarrer*innen haben in meinen Augen in Zeiten von Überwachung, Vorratsdatenspeicherung etc. IMHO auch die Aufgabe, über den „richtigen“ Umgang mit den sog. „neuen Medien“ aufzuklären. Das geht meiner Meinung nach nur, wenn wir *jetzt* damit anfangen, diese Dinge auch aktiv zu nutzen und zu verstehen.

    • Ulrich Peuckert

      Das gilt aus meiner Sicht nicht nur für Pfarrer, sondern im Grunde für jeden Menschen, der politisch interessiert ist.
      Zudem spricht abgesehen von der Akkuproblematik nichts gegen ein Wischhandy.

    • Ich bin ja auch sehr dafür, die „neuen Medien“ zu nutzen, obwohl es bei mir auch ne Weile länger gedauert hat, bis ich mir ein Smartphone zugelegt habe. Nämlich bei der nächsten Vertragsverlängerung. Und dieses Smartphone benutze ich noch immer, ich glaube, jetzt im vierten Jahr.
      Wenn Thea mit ihrem Handy klar kommt und es noch gut funktioniert, muss man auch nicht permanent immer das neueste Gimmick mit sich rumschleppen. Das ist auch ein wichtiger Teil eines nachhaltigen Lebensstils. Ich hatte Thea auch nicht so verstanden, dass sie grundsätzlich gegen neue Techniken ist. Und man muss ja wirklich nicht jeden Scheiß gleich mitmachen und Vorreiter sein.

      Wo ich Heye wirklich widersprechen möchte ist, dass Pfarrerinnen jetzt auch noch Medienpädagogen sein sollen. Wenn dann kann man den „richtigen“ Umgang vielleicht vorleben (wie sieht denn das dann aus?) oder beim Gebrauch in der Gemeinde drauf achten (kein WhatsApp, kein Facebook?), aber unsere Aufgabe ist die Verkündigung des Evangeliums und die Sorge um Menschen, nicht die Schaffung von Medienkompetenz, auch nicht in Zeiten von Überwachung und Vorratsdatenspeicherung.

      • Dein Widerspruch ist doch ein Widerspruch in sich. Digital und analog lässt sich nicht trennen, dafür sind wir bereits zu vernetzt. Wer sich dem entsagt, darf gerne in noch leereren Kirchen eine Privatmesse abhalten. Verkündigung des Evangeliums beinhaltet auch die ‚digitale Verkündigung.‘

        • Ich „entsage“ mich der Verkündigung weder digital noch analog. Und als jemand, der schon reichlich mit ganz kleinen Gemeinden Gottesdienst gefeiert hat, weiß ich, dass es darum nur in den seltensten Fällen wirklich geht.

          Aber ich gebe Dir Recht, dass zur Verkündigung auch die digitale gehört, einfach als weiteres Medium. Verkündet wird doch aber das Evangelium (in je welcher Auslegung auch immer), nicht das Digitale an sich.

          „The Medium is the message.“ – kann ja nicht heißen, dass ich statt von Gott und Jesus und unseren Leben zu sprechen, eine Einführung in Twitter oder Snapchat gebe.

            • Ja, das mag ja sein.

              Die Frage ist nur, wofür Kirche denn da ist?

              Oder etwas provokant: Für was wenden wir in Zukunft geringer werdende Mittel auf, für Kernaufgaben der Verkündigung, Seelsorge und Diakonie (auch im digitalen Raum) oder für Referate und Arbeitsfelder von A bis Z – und was ist der Maßstab an dem entlang entschieden wird, in was investiert (nicht nur Geld!) wird.

              • Wenn man Menschen Kompetenzen nahebringen kann, ist das doch die beste Verkündigung, die es geben kann.

                • Das stimmt wohl. Allerdings sind Christen für mich am liebsten keine Klugscheisser, die andere mit ihrer (vermeintlichen) K0mpetenz beeindrucken müssen.

                  Und dafür gibt es ja Volkshochschulen. Kirche als Ort und Raum ist für mich mehr.

                  Oder anders, für dich als Radler: Es gibt aus gutem Grunde „Radfahrerkichen“ und die finde ich toll. Aber es sind und bleiben Kirchen mit ihrem konkreten Auftrag. Man wird da auch mal Workshops rund ums Rad machen und Pfarrer_innen einer Kirche, die auch Radfahrerkirche ist, werden Freizeiten, Ausfahrten etc. anbieten – sich also des Mediums „Fahrrad“ bedienen. Und vielleicht werden sie innerkirchlich und gesamtgesellschaftlich auch zu Radfahrerthemen das Wort ergreifen und auch so für die Kirche wirken (wie so mancher Digitaler in der Kirche ja auch) – aber: Verkündet wird in der Radfahrerkirche und in der digitalen Gemeinde das Evangelium, nicht die Technik!

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.