Moment mal: Für Dich gestorben

Im Freundeskreis und in den Sozialen Netzwerken höre und lese ich in der letzten Zeit Sätze wie „Schon wieder ein Großer gegangen …“ oder „Jetzt lässt sie uns auch noch im Stich …“. Gemeint sind prominente Intellektuelle, Literaten, Politiker, die in den letzten Monaten gehäuft sterben, so scheint es jedenfalls.

Natürlich wird nicht häufiger gestorben als früher, auch nicht prominent. Und bei Grass, Lenz, Schmidt und zuletzt Genscher kann man ohne Zynismus von langen, erfüllten Leben sprechen. Dass uns ihr Sterben auffällt, mag daran liegen, dass wir Deutschen uns an ihre Gegenwart — ihre Ein- und Widersprüche — so sehr gewöhnt haben, dass das öffentliche Leben ohne sie kaum vorstellbar erscheint.

Dann überschlage auch ich im Kopf: Wer bleibt denn noch? Wer füllt in unserer Gesellschaft in irgendeiner Weise die Rolle eines public intellectual aus? Verständlich daher das mulmige Gefühl, wenn es Menschen weit vor ihrer Zeit erwischt, wie z.B. Frank Schirrmacher oder Roger Willemsen.

Was lässt sich dazu aus theologischer Perspektive sagen?

Das Entsetzen über den Tod von Vorbildern hat doch wohl etwas mit einer — wenn auch nur gefühlten — Abhängigkeit von ihnen zu tun. Das Idol (griech. εἴδωλον, eigentlich „Bild, Abbild“) ist aus christlich-theologischer Sicht nicht nur strahlendes Beispiel, sondern auch verführerischer Götze. Diese Abhängigkeit — gerade von alten Männern — sollte uns zu denken geben.

Wir überladen schon die lebenden Stars mit einer merkwürdigen Anspruchsdenke, die sich in ganz erstaunlichen moralischen Forderungen ausdrückt, wie gerade eben erst beim Fußballer Max Kruse geschehen. Von seinen Heiligen will man nicht enttäuscht werden und so erklärt sich manches öffentliche Stöhnen über das Sterben prominenter Vorbilder auch aus einem gekränkten Narzissmus der Zurückgebliebenen.

Was ich ganz erstaunlich finde, ist die häufig anzutreffende Haltung, den Tod des anderen persönlich zu nehmen. Jede reflektierende Theologin wird ins Schwimmen kommen, soll sie erklären, warum Jesus auch für dich und mich gestorben ist. Jenseits alt-vorformulierter Sühneopfertheologie gerät man schnell ins Stocken.

Vielleicht ist das persönliche Zuherzennehmen ein Sediment fast verschwundener christlicher Vorstellungen von Stellvertretung und Opfer. Vielleicht drückt sich darin aber wieder neu ein Bedürfnis danach aus, nicht für sich allein zu leben und zu sterben, sondern seinem Leben gerade darin einen Sinn zu geben, dass es für andere wichtig ist. So sehr, dass auch das eigene Sterben nicht verloren geht, sondern bedacht und betrauert wird.

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Ein Kommentar

  1. Sebastian Kulitsch

    Der Heilstod Jesu Christi bezieht seine erlösende Kraft aus dem Willen Gottes den Jesus an das Kreuz trägt. Sie lasssen es so aussehen, als ob Jesu Tod nur heilsnotwendig ist, wenn man ihn persönlich nimmt. Jesus ist aber für alle Menschen gestorben, besonders für die Sünder und Ungläubigen!! „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um anderen zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.“ Matthäus 20,28
    Sie machen die Erlösung vom Willen des Menschen abhängig, sie ist aber Gottes Werk an uns aus Gnade und ewiger Liebe. Solus Christus!

    Soli deo gratia!

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