Eine Legende von Himmel und Erde Eine Nacherzählung des Schöpfungsmythos der Maori
WahineTane (gemeinfrei)

Vor langer Zeit, bevor es Nacht und Tag, Sonne oder Mond, grüne Felder, mächtige Berge oder goldene Strände gab, lag Ranginui, der Vater Himmel in enger Umarmung mit Papatuanuku, der Mutter Erde. Viele Jahre lang lagen sie fest umschlungen beieinander. Zwischen ihren beiden Körpern war wenig Raum, der nur Dunkelheit kannte und in dem ihre vielen Söhne lebten.

Doch die Enge und das ewig Dunkle wurden unerträglich und die Söhne sehnten sich danach, der Umarmung zu entkommen. „Was sollen wir tun?“, fragten sie und Tu-matauenga schlug vor, Rangi und Papa zu töten, damit sie leben könnten. Sein Bruder Tane, der Herr der Bäume und Vögel lehnte dies ab: „Wir können Vater Himmel und Mutter Erde nicht töten. Lasst sie uns auseinander drücken, in Ferne zum Himmel und auf der Erde können wir leben. Seine Brüder stimmten ihm zu, nicht jedoch Tawhirimatea, der Vater der Winde. Er mochte die Sicherheit nicht verlassen, wollte die Eltern nicht voneinander trennen. Aber die Rufe der Brüder übertönten seine Einwände, sie riefen nach Licht und Luft, nach Freiheit und Raum, sie wollten ihre Glieder strecken und nicht weiter eingezwängt sein in der Dunkelheit.

Zuerst versuchte es Rongo-ma-tane, der Herr der angebauten Nahrung, die Eltern zu trennen. Er drückte seine Schultern fest gegen Rangi, und obwohl er sich mühte und bald sein rasch gehender Atem von der Anstrengung zeugte, blieben seine Bemühungen ohne Frucht – Vater Himmel bewegte sich nicht ein kleines Stück.
Dann trat Tangaroa nach vorn, er war der Vater der See, der Fische und Reptilien. Auch er mühte sich, drückte seine starken Schultern gegen Rangi, auch er blieb erfolglos. Haumia-tiketike, Vater der wilden Beeren und der Farnwurzeln und Tu-matauenga, der Kriegsgott taten es ihnen nach und trotz der Mühe blieben Rangi und Papa in enger Umarmung.
Nun war Tane an der Reihe. Er sammelte seine Kräfte, atmete tief und kraftvoll und dann legte er sich auf den Rücken und drückte mit seinen Füßen gegen Vater Himmel, drückte fest und fester. Ein lautes Klagen erschall, voll von Überraschung und Trauer, denn langsam, aber stetig gelang es Tane, Rangi und Papa voneinander zu lösen. Tane spannte seinen Rücken ein letztes Mal an, nur noch seine Schulter lag auf der Erde und mit seinen kräftigen Beinen stieß er Rangi fort.

Zwischen Himmel und Erde war Weite, war Platz und Raum. Das Licht erhellte alles und die Söhne konnten aufrecht stehen und die Welt erblicken, sahen Rangi über ihren Köpfen und Papa unter ihren Füßen. Silbrige Tränen fielen aus Rangis Augen, da er darum trauerte, von Papa getrennt zu sein. Aber die Söhne erfreuten sich an der Luft und an dem Licht.

Tane begann sogleich damit, Bäume zu pflanzen. Er wollte, dass sie zur Zier der Mutter Erde werden, zu ihrem grünen Gewand, das sie prachtvoll kleiden sollte. Aber er nahm die Bäume und pflanzte ihre Kronen in die Erde und ließ ihre Wurzeln zum Himmel reichen. Seltsam war ihm zumute, als sich seinen Wald anschaute. Wo sollten die Vögel leben, wo nisten? Dann stieß er alle Bäume, die er gepflanzt hatte, wieder um und setzte diesmal die Wurzeln in die Erde – und da säuselte der Wind durch das Laubdach und Tane erfreute sich an dem Klang.

Nun wollte Tane auch Vater Himmel kleiden, denn dieser war einsam und voller Trauer. Tane nahm zuerst die Sonne und dann den Mond und brachte sie zu Rangi. Aber das allein reichte ihm noch nicht. Er suchte überall nach einem angemessenen Gewand für Vater Himmel und fand eines, das war strahlend Rot. Er legte es Vater Himmel über, von Ost nach West, von Nord nach Süd bedeckte es den Himmel und Rangi erstrahlte hell. Aber Tane war noch nicht zufrieden, als löste er das Gewand und ließ nur ein wenig davon am Horizont zurück – ab und an, wenn die Sonne untergeht, kann man es sehen.

Bei Tag war Rangi nun gut gekleidet, doch des Nachts war er kahl und leer, und der Mond schien kalt vom Himmel herab. Deswegen machte Tane sich auf den Weg, Schmuck zu finden, den er seinem Vater geben könnte. Er gelangte zu den Bergen, wo sein Bruder Uru mit den Scheinenden lebte. Ihnen erzählte er davon, wie Rangi und Papa getrennt wurden, erzählte von ihrer Trauer und dass er, Tane, um sie zu ehren, nach einem Schmuck suchte. Ur gab ihm einen Korb und darin waren unzählige Scheinende, die aussahen wie ein hell-glühendes Auge und die funkelten in kühlem Licht. Tane nahm den Korb und verteilte seinen Inhalt auf dem Nachtgewand von Vater Himmel. Bei Tag und Nacht waren nun Rangi und Papa wunderschön anzuschauen in ihren prachtvollen Gewändern.

Doch so sehr sich Tane und seine Brüder über die Schönheit ihrer Eltern freuten, gab es noch immer Unzufriedenheit.
Papa sollte bewohnt werden von Frauen und Männern, sie sollten sich auch freuen an der Vielfalt der Natur, sollten unter den Bäumen und Sternen gehen.
Daher nahmen die Söhne rote, weich-warme Erde und formten sie. Sie formten sie in rundlicher Form, ihnen ähnlich, aber doch anders. Mit langem dunklen Haar und von schöner Gestalt, die zu betrachten, Freude bereitete. Tane sah die Frau an, die sie geformt hatten und beugte sich zu ihr herab. Sanft pustete er in ihre Nasenlöcher und da öffnete sie die Augen und sah die Söhne an, die vor ihr standen.
Sie nieste – der Atem Tanes war in ihr und sie war eine lebendige Frau, genannt Hine-ahu-one, Frau-geformt-aus-Erde. Tane nahm sie zur Frau und gemeinsam hatten sie viele Kinder, Söhne und Töchter, die Mutter Erde bewohnten.

Bis zum heutigen Tag trauern Ranginui, Vater Himmel und Papatuanuku, Mutter Erde, und sehnen sich nach einander. Wenn Rangis Tränen herab fallen auf Papa, zeigen sie, wie sehr er sie noch immer liebt. Wenn Papa ihren Schmerz und Weh nicht mehr erträgt, bricht die Erde auf, in dem verzweifelten Versuch, bis zum geliebten Himmel zu reichen. Wenn der Nebel von den Wäldern aufsteigt, sind es die Seufzer Papas, deren warmer Körper sich nach Rangi verzehrt.


Auf der anderen Seite der Welt, mitten im Pazifik, gibt es das Land der langen weißen Wolke, Aotearoa. Es besteht aus zwei großen Hauptinseln und vielen kleineren Inseln und Inselchen, die sich entlang der Küstenlinie mal näher und mal weiter entfernt vom Hauptland aus dem azurblauen Wasser erheben. Auch wenn die beiden großen Inseln je ein unterschiedliches Gepräge haben – die Nordinsel kommt sanft daher, mit grünen Hügeln und fruchtbaren Böden; die Südinsel ist rauer, durchzogen von einem vielgipfeligen Gebirge und kargen Hochlandebenen – eint sie doch eine einmalige Pflanzen- und Vogelwelt, die teils wundersame Exemplare hervorgebracht hat, darunter Papageienarten, die entweder das Fliegen verlernt haben und sich nur hopsend auf dem Boden fortbewegen oder alpine Bergpapageien, die mit Neugier und gesunder Destruktivität ihrer kahlen Umwelt etwas abgewinnen können.

Besser bekannt ist Aotearoa als Neuseeland – und manchem ist Neuseeland wiederum nur bekannt als das Mittelerde der Filme von Peter Jackson. Vor der Besiedelung Neuseelands durch Europäer im 19. Jahrhundert war es bereits von den genuinen Einwohnern, den Maori bewohnt.
Die ersten Maori wiederum haben vermutlich im 13. Jahrhundert den Weg von Polynesien in mehreren Besiedlungswellen nach Neuseeland gefunden und sich dort eingerichtet. Bis mit den Europäern die Schrift und das Verschriftlichungsprinzip nach Neuseeland kam, haben die Maori ihren reichen Mythen- und Sagenschatz mündlich tradiert.

Die Geschichte der Besiedelung Neuseeland durch Europäer ist – wie an anderen Orten zu anderen Zeiten auch – eine Geschichte von Grausamkeit, Krieg, Ausbeutung, Vorurteilen und Respektlosigkeit. Auch wenn sich Neuseeländer heute um eine Aufarbeitung ihrer gemeinsamen Vergangenheit und um die Bewahrung der genuinen Kultur bemühen, ist manche Wunde tiefer als man es vermuten könnte. Es gab keinen Ausdruck für Religion in der Sprache der Maori, aber ihre Weltdeutung kennt ein großes Pantheon, dessen Repräsentanten oft identifiziert wurden mit Naturerscheinungen, landschaftlichen Marken oder Ahnen. Mit den Europäern kam auch das Christentum nach Neuseeland, das sich als Hauptreligion durchgesetzt hat, obwohl latente synkretistische Ansätze bis in die heutige Zeit zu finden sind.

Mythen und Legenden der Maori gibt es viele und das Wissen um das kulturelle Erbe zu bewahren und weiterzugeben ist nicht immer leicht – aber lohnenswert. Nicht nur für die neuseeländische Identität, auch für Bewohner der nördlichen Welthalbkugel, die andere Schöpfungsmythen kennen und nach einer ersten Wahrnehmung von Fremdheit doch Gedanken wiederentdecken, die die Menschheit vereinen.


Diese freie Nacherzählung des Schöpfungsmythos der Maori orientiert sich an:

  • Reed, A. W.; Turner, D. (1999): Maori myths & legendary tales. Auckland.
  • Grey, G. (1855): Polynesian Mythology, and ancient traditional histroy of the New Zealand race, as furnished by their priests and chiefs, London.

Es gibt nicht nur unterschiedliche Versionen dieser Legende, sondern auch noch anders ausgestaltete Schöpfungsmythen. Gemeinsamkeiten haben sie jedoch, darunter das deutliche Motiv, dass aus Dunkelheit Licht wird; dass aus dem Zustand der Ungeschaffenheit alles Geschaffen wird; dass Himmel und Erde getrennt werden, damit sich die Natur entwickeln kann.

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