Die Angst des Schwerverbrechers vor der Ewigkeit
Der Heiße Stuhl (Foto: Daniel Fetzer)

Dreizehn harte Jungs, alle verurteilt wegen schwerer Körperverletzung, manche waren im Knast. Zwei zertifizierte Anti-Aggressivitäts-Trainer, und eben: Ich, Student. Wer Soziale Arbeit studiert, muss die frische Luft der Praxis schnuppern, und so verbrachte ich meine Mittwochabende im letzten Frühjahr in dieser besagten Runde.

Konfrontation und Gelaber

Das Anti-Aggressivitäts-Training verfolgt einen Ansatz, der sich konfrontative Pädagogik nennt. Statt Akzeptanz und Empathie erfahren die jungen Männer Konfrontation: mit den Folgen für ihre Opfer, mit den Widersprüchen ihrer Rechtfertigung, mit den Konsequenzen eines aggressiven Lebensstils. So soll die Hemmschwelle gehoben, die Gewalt-Rückfallrate gesenkt werden. Jetzt könnte man diskutieren, wo sich hier der diakonische Auftrag versteckt, aber mir geht es heute um etwas anderes.

Nämlich um Gnade, um Barmherzigkeit, um Vergebung. Das Filetstück der abrahamitischen Religionen. Deshalb leuchtet es auch ein, dass es „gut christlich“ ist, vorbestrafte Menschen dabei zu unterstützen, ihre zweite (und dritte) Chance zu nutzen. Aber das nur so am Rande.

Einer, der diese Chance am eifrigsten nutzen wollte, war Paul, der natürlich anders heißt. Obwohl er eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt hatte, obwohl er hier war, weil es Teil seiner Bewährungsauflage war, er also keine andere Wahl hatte; Pauls Motivation war deutlich spürbar. An den Übungen nahm er aufmerksam teil und wenn ein anderer Teilnehmer versuchte, seine Gewalttat zu rechtfertigen, dann sagte er: „Das ist doch Gelaber“.

Sehnsucht nach Vergebung

Dann kam der Tag, an dem Paul auf den Heißen Stuhl musste. Der Klient auf dem roten Stuhl in der Mitte steht im Kreuzverhör der Trainer und Teilnehmer. Unangenehme Fragen, herausfordernde Rollenspiele. Da sitzt Paul also und wird gefragt, was ihm noch fehle, um mit der Tat endlich und komplett abzuschließen. „Vergebung“, sagte er. „Würdest du gern mit dem Opfer reden?“ – „Ja, das will ich, aber es geht nicht“. Verübeln lässt es sich dem Opfer nicht, den Menschen nicht sehen zu wollen, der sein Leben – buchstäblich – auf einen Schlag veränderte. Vom Facharbeiter zum Pflegefall.

„Hast du Sehnsucht nach einem Gespräch“, bohrt der Trainer nach. „Ja klar“, stöhnt Paul. „Was würdest du denn sagen?“ – „Dass es mir leid tut, und dass ich nie wieder sowas tu“.

Paul, sonst selbstsicher und reflektiert, sinkt immer weiter in sich zusammen auf seinem roten Stuhl. Merkt er, dass da noch eine Rechnung offen, eine Wunde nicht ganz geschlossen ist?

Der Trainer fährt fort: „Hast du Sehnsucht nach Vergebung?“ – „Ja, das schwebt über mir. Ich bin religiös, und hab Angst, was im Jenseits passiert. Dort werde ich mit dem Opfer konfrontiert, und wenn es mir nicht vergibt, dann bekomm ich Probleme“. Das ist es also.

Paul saß in Haft. Er büßte lange für seine Tat. Sein Leben veränderte er danach radikal, mit seiner Gang hat er nichts mehr zu tun, seine Familie gibt ihm jetzt Halt. Und trotzdem, etwas fehlt ihm; Vergebung. Vom Opfer und von dem Gott, an den er glaubt. Obwohl dieser Allbarmherziger genannt wird, fürchtet Paul sich vor dem, was ihn nach dem Tod erwarten wird.

Diese Szene beschäftigt mich lange. Den selbstbewussten jungen Mann habe ich davor und danach nicht mehr so unsicher, so verängstigt erlebt. Wie muss es sein, so eine Last mit sich zu tragen, ohne die Möglichkeit, diese loszuwerden? Ich denke über meine Religion nach, in der Vergebung ziemlich großzügig verteilt wird. Wie wäre es, wenn man sich ein bisschen dafür anstrengen müsste, Vergebung zu erhalten? Gäbe es dann mehr Gewissensnöte, mehr Druck? Oder fühlte es sich erleichternder an? Ehrlicher, aufrichtiger, weniger automatisiert?

Gerne hätte ich Paul Trost zugesprochen, aber das wäre fehl am Platz gewesen, zumal von mir als außenstehendem Christ. Und über den Islam weiß ich auch nicht viel, außer, dass es Allahs herausragendste Eigenschaft ist, Barmherzigkeit zu üben. Darum bleibt mir nichts übrig, als Paul zu wünschen, Frieden zu finden. Salam alaikum!

2 Kommentare anzeigen

  1. Dein Artikel hat mir sehr gefallen, nur habe ich nicht ganz verstanden, warum jetzt der Exkurs auf Islam und als Christ außenstehend kam.
    War Paul oder die Gruppe Muslime? (Ist im Text einfach nicht deutlich geworden).

    Kennst du das Programm Alternativen zur Gewalt? Das wurde glaube ich von Quakern entwickelt und regelmäßig unter anderem in Knästen durchgeführt.
    http://www.pag.de/

  2. Danke für dein Lob, danke auch für die Frage. Paul würde sich als Muslim bezeichnen, wie weitere Gruppenmitglieder, aber strenggläubig war niemand dort. Es gab auch einen Katholiken, Religiosität als solche spielte eigentlich keine große Rolle. Mir blieb diese Szene hängen, weil seine Angst so deutlich wurde: „Wenn mir mein Opfer nicht verzeiht, kann Allah das auch nicht tun“.

    PAG kannte ich nicht, danke für den Hinweis. Das Ziel scheint das Selbe zu sein, nur die Methodik eine andere.

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