Wo ist eigentlich der Geist? Ein Plädoyer für eine neue Pneumatologie
John Price (CC0)

Wann habt Ihr das letzte Mal vom Heiligen Geist gehört?

Vielleicht habe ich es bisher nur noch nicht wahrgenommen, aber es scheint mir, dass die Beschäftigung mit diesem Part der Trinität an deutschen Fakultäten doch sehr unterbelichtet ist. Hier und da wird über ihn gesprochen, z.B. wenn es zur Taufe Jesu kommt oder in Dogmatikvorlesungen, vielleicht auch noch in der Homiletik, aber was ich an der Uni ganz sicher noch nie mitbekommen habe, ist eine Beschäftigung mit den sogenannten Gaben des Geistes.

Vor einiger Zeit durfte ich eine Arbeit über Prophetie im Neuen Testament schreiben. Die letzte Monographie im deutschsprachigen, universitären Raum, die ich darüber gefunden habe, stammt aus den 70er Jahren. Der Autor, Gerhard Dautzenberg, war Professor für Religionspädagogik am Institut für Katholische Theologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ehrlich gesagt, finde ich das ein wenig erschreckend. Nicht, dass jedes Jahr eine neue Monographie darüber herauskommen müsste, aber 40 Jahre ist eine Menge. (Liebe Leser_innen: Weist mich gerne auf etwas Neueres hin.) Und dazu noch von evangelischer Seite insgesamt eher Mangelware. Ich vermute, dass es mit anderen biblischen Charismen – abgesehen von Glaube, Liebe, Hoffnung – nicht groß anders aussehen wird.

Manche werden jetzt vielleicht sagen: „Ja, aber die Liebe ist doch das größte Werk des Geistes.“ Na klar, und darüber wird ja auch viel gesprochen. Wenn wir allerdings zum einen Paulus ernst nehmen wollen, dann sollten wir nicht nur ständig über 1. Kor 13 reden, sondern auch über 1. Kor 12 und 1. Kor 14, und wenn wir die Geistesgaben, welche unter den ersten Christen wohl keine geringe Rolle gespielt haben, nicht nur explizit charismatischen Gruppen überlassen wollen, dann sollte die Theologie aufhören, diese schlicht zu ignorieren.

In den letzten 110 Jahren hat der Heilige Geist durch die charismatische Bewegung ein wahres Revival erlebt. Mehr als 500 Millionen Menschen gehören weltweit pfingstlichen Kirchen an. Tendenz steigend. Dort gibt es die unterschiedlichsten Erfahrungen mit der Wirkmacht des Geistes Gottes.

Vom normalen Händeheben beim Singen bis zum Umfallen beim Torontosegen ist alles zu finden: Zungenrede, Heilungen, Extase, Massenevangelisationen. Natürlich geht es nicht in allen Pfingstgemeinden so heiß her. Ob man es gut findet oder nicht, ist dabei zunächst ziemlich irrelevant, denn diese Dinge passieren, das ist Fakt. Von manchem sollte man sich distanzieren, von anderem lernen.

Ich würde mir wünschen, dass die deutsche, universitäre Theologie durch die Disziplinen hindurch anfängt, sich wissenschaftlich-fundiert mit den biblischen Charismen zu beschäftigen und dieses Feld nicht nur anderen überlasst. Gerade auch um Missbrauch vorzubeugen und gesunde Lehren zu entfalten. Bisher scheint jedoch noch deutliche Skepsis vorzuherrschen – womöglich, weil man überhaupt nicht weiß, wie man mit Texten wie 1. Kor 12 umgehen soll, die schwer in ein kritisch-aufklärerisches Bild passen wollen und deren Inhalte kaum abschließend erklärbar sind.

Wahrscheinlich liegt es auch an unserer traditionellen Vorsicht gegenüber allem, was schon „schwärmerisch“ riecht. Deshalb aber all das zu ignorieren, was in der Bibel und besonders im Neuen Testament nicht nur eine Randmarginalie ist, scheint mir kein gangbarer Weg zu sein. Weder, wenn man Paulus ernst nehmen will, noch, wenn man die Pfingstbewegung in ihrer Grunderfahrung ernst nehmen will.

Wer Interesse an all dem hat, der kann sich die Homepage der GGE (Geistliche Gemeinde-Erneuerung innerhalb der Evangelischen Kirche) ansehen.

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7 Kommentare anzeigen

  1. Christoph

    Ob der Heilie Geist in der charismatischen Bewegung wirklich ein Revival erlebt hat, das bleibt zu fragen und zu erweisen…

    • Wir werden sehen. ;)
      Zumindest werden dort solche Dinge erfahren, die auch schon in biblischen Texten als Wirken des Geistes verstanden wurden und der Geist wird nicht nur in Abendmahl, Predigt und Ähnlichem verortet.

  2. Angela Eilers

    Klasse, Birger! Diese Frage trifft genau mein Lebensthema :-D soweit ich weiß, ist Jürgen moltmann sehr engagiert im Dialog mit den pfingstlern. Seine pneumatologie ist Anfang der 90er erschienen, also auch schon ein weilchen her…
    Liebe Grüße nach Leipzig

  3. Oliver

    Guter Beitrag !

    Wissenschaftlich-fundierte Literatur gibt es doch über die biblischen Charismen.
    Man muss nur suchen ;-)

    Ich empfehle:

    1.) David Schulz; Die Geistesgaben der ersten Christen, insbesondere die sogenannte Gabe der Sprachen, 1836 – https://books.google.de/books?id=s0MEAAAAQAAJ&dq=Geistesgaben&hl=de&source=gbs_navlinks_s

    2. )Friedrich Wilhelm Horn; Das Angeld des Geistes: Studien zur paulinischen Pneumatologie, 1992 – https://books.google.de/books?id=DGPsq1CmmlQC&dq=Angeld&hl=de&source=gbs_navlinks_s

    • Danke für die Literaturtipps, aber 1836 wirkt jetzt nicht wie der letzte Schrei auf mich. ;) Das Inhaltsverzeichnis von Horn klingt z.T. ganz spannend, aber es fehlt mir weiterhin die zugespitze Beschäftigung mit den Charismen.

  4. Oliver

    Ist die Wissenschaft nicht schon auf die Spitze gebracht ?
    Oder wie soll Dein Bleistiftanspitzer aussehen?
    Die Wissenschaft ist übrigens zeitlos, sofern die Bücher gut sind ;-)

    Lese auch :
    3.) Adolf Hilgenfeld; Die Glossolalie in der alten Kirche, 1850 – https://books.google.de/books?id=qPIUAAAAYAAJ&dq=Glossolalie&hl=de&source=gbs_navlinks_s
    4.) Hans Hinrich Wendt; Die Begriffe Fleisch und Geist im biblischen Sprachgebrauch, 1878 – https://archive.org/details/diebegriffefleis00wend
    5.) Wilhelm Friedrich Hezel; Entwickelung der schweren biblischen Begriffe Geist und Fleisch, 1792 – https://books.google.de/books?id=oXVAAAAAcAAJ&dq=Geist+und+Fleisch&hl=de&source=gbs_navlinks_s

    Und falls Du meinst, dass Dein Wissensproblem nur von freikirchlicher Natur ist, dann lese
    5.) Erich Mauerhofer; Der Kampf zwischen Fleisch und Geist bei Paulus, 2013 – https://books.google.de/books?id=YpQSnwEACAAJ&dq=Geist+und+Fleisch&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjv5JX5s9zLAhXH9w4KHZj6CooQ6AEIPjAG
    6.) Ronald Senk; Das Schwert des Geistes: Der Zusammenhang von Wort und Geist in der Heiligen Schrift, 2008 – http://www.amazon.de/Das-Schwert-Geistes-Zusammenhang-Heiligen/dp/3935558813

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