Gelesen – „Die fremde Reformation“ von Volker Leppin
Abbildung: Coverdetail, Verlag C. H. Beck

Es scheint gar nicht so leicht zu sein, etwas Neues über Martin Luther zu sagen. Haben nicht sowohl die Kirchengeschichte als auch das darüber hinausgehende allgemeine Interesse am Reformator alle Schatten des Wissens erleuchtet, sodass man nun weiß, was es mit Luther auf sich hat?

Und doch gibt es ein neues Werk von Volker Leppin, das dem Leser „Die fremde Reformation“ näher bringen will. Der Untertitel gibt einen ersten Einblick in das Fremde: „Luthers mystische Wurzeln“.

Leppin zeichnet Luthers Wirken von seiner Zeit als Mönch bis in die Mitte der 1520er Jahre nach. An den historischen Fakten ist dabei dem durchschnittlich reformationsgeschichtlich-interessierten Leser wenig unbekannt: Professur in Wittenberg, 95 Thesen, Bannandrohungsbulle, Wartburg, reformatorische Hauptschriften, Kurfürsten hier, Papisten da.

Leppin betont aber, dass mit Luther seinerzeit nicht der revolutionäre Umbruch kam, wie die Forschung ihn wohl gerne behauptet, sondern dass Luthers theologische Entwicklung von spätmittelalterlicher Theologie ausging und enger mit der Mystik verbunden ist, als bisher angenommen wurde.

So zeigt er die gedankliche Nähe Luthers zu seinem Lehrer Staupitz und auch zum Mystiker Tauler auf, macht deutlich, wo altes auf neues Denken trifft und dass es schlussendlich ein Zusammentreffen verschiedenster Faktoren war, die zur Reformation und der aus ihr resultierenden Kirchenspaltung kam.

Abschnittsweise liest sich „Die fremde Reformation“ wie ein Who’s who der Reformationsgeschichte. Neben Protagonist Luther beleuchtet Leppin schlaglichtartig neben den großen Namen wie Melanchthon und seinen Beitrag zur Entstehung der vier reformatorischen Exklusivpartikel, Zwingli und das Geschehen in Zürich, Karlstadt und seinen Bildersturm, Müntzer und seinen Chiliasmus, auch die etwas weniger im Vordergrund stehenden Theologen Bucer und Oekolampad. Ebenso betrachtet er die Rolle, die die weltlichen Obrigkeiten in der Entstehung der Reformation gespielt haben. Trotz der Fülle bleibt „Die fremde Reformation“ an einigen Stellen recht oberflächlich.

Zwar werden durch die Lektüre hindurch hier und da Bezüge insbesondere zu Taulers Mystik gezogen, diese wirken aber eher assoziativ. Was die deutsche Mystik war, welche Unterschiede es in ihr gab und was neben Tauler in Luthers Rezeption von Bedeutung war, wird beispielsweise nicht erschöpfend dargelegt. Auch der Umgang mit Begriffen wie mystisch, alt, neu oder spätmittelalterlich wirkt eher vage, hier wünscht man sich eine etwas stärkere Akzentuierung – diese würde nicht dem Anliegen Leppins entgegentreten, nicht in kategorischen Unterscheidungen zwischen dem überholten Mittelalter und der völlig neuen Reformation die Entwicklung des einen aus dem anderen zu übersehen.

Aber die von ihm gewählte Etikettierung verdirbt beim Lesen etwas den ungemein ansprechenden Grundtenor des Werkes: nämlich, dass mit Luther gerade nicht etwas völlig Neues plötzlich aus dem Nichts entstanden ist, sondern dass Luther als Theologe in seiner Zeit auf theologische Ideen und Konzepte zurückgriff, sich diesen verbunden fühlte und das gemeinsam mit den je aktuellen Anforderungen seines Lebens argumentativ verarbeitete, um so seine eigene Lehre zu entwickeln. Und dass Luther dabei nicht alleiniger Motor der Reformation war, sondern dass viele Anregungen und gedankliche Entwicklung sowohl von Mitstreitern als auch von Gegnern kamen.

Bei den vielen Vernetzungen und Beziehungen von Wittenberg bis Rom, von theologischen bis politische Akteuren lässt Leppin den Leser nicht allein, sondern führt sicher und mit der ein oder anderen sympathischen Anekdote durch die zentralen Akte der Reformation. Im Ton neigt er ab und an zu Pathetik, bleibt aber stets auf einer lesenswerten narrativ-wissenschaftlichen Ebene, die für eine breite Leserschaft offen ist.

Nach dem Lesen bleibt jedoch die Frage, was nun so fremd ist an der Reformation – hier ist vermutlich aber der Leseeindruck sehr subjektiv und besonders abhängig davon, welches Wissen und welche Vorstellung von historischen Zusammenhängen und Ereignissen beim Leser vorliegen.

Demjenigen, der sich Luther in seiner theologischen und politischen Dimension nähern möchte, wird hier durch die Rückbeziehung zur Mystik gezeigt, dass es nicht nur gewinnbringend ist, wenn sich die historische Forschung vermeintlich bekannten Themen aus verschiedenen Blickwinkeln nähert, sondern auch notwendig.

Wer allerdings mehr Tiefe und ein größeres Verständnis für die Mystik und ihre Rezeption bei Luther erwartet, dessen Hunger wird nicht vollends gestillt, sondern sollte „Die fremde Reformation“ eher als appetitanregend – vielleicht für das Eigenstudium – verstehen.

(Dem Autor wurde vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt.)


9783406690815_coverDie fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln
Volker Leppin
Verlag C.H. Beck
21,95 € (gebunden)
Link zur Verlagshomepage

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