Moment mal: Hier ist noch Platz (Lev 19,33–34) Vom Verrücken – 7 Wochen ohne Enge

„Ist hier noch Platz?“ Ein ICE-Abteil an einem großen Bahnhof in Deutschland. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und der Rucksack weicht vom Nebensitz auf die Gepäckablage über dem Kopf. Die Silhouette besagter Großstadt beginnt am Fenster vorbeizuziehen, die nächsten Stunden sind Polstersitz an Polstersitz geteilte, am Ende werden sich die beiden Reisenden voneinander verabschieden, sich noch einen guten Tag wünschen und die Unterhaltung der beiden wird in ihren Köpfen noch etwas weiterklingen.

„Ist hier noch Platz?“ Ein überfülltes Café an einem regnerischen Nachmittag. Große Tische, fast alle voll besetzt mit Menschen, die Bücher oder Laptops vor sich haben. Der Kaffee dampft vor sich hin, ein Buch wird zur Seite gerückt und zwei Menschen fangen plötzlich an, über die Lektüre zu sprechen.

„Hier ist noch Platz!“ fängt in dieser kleinen Geste des Verrückens der eigenen Sachen an. Platz machen für einen Menschen, der den Platz braucht, sei es, um sich nach einem langen Tag in den Zug nach Hause setzen zu können, um das Wintergrau mit einer Tasse Kaffee unter Menschen zu vertreiben oder um Schutz und ein friedliches Umfeld zum Leben zu finden. Die letzten Monate waren eine Zeit des gemeinsamen Verrückens, des Platzmachens für die Menschen, die verzweifelt auf der Suche sind nach einem Platz zum Leben in Sicherheit.
Im Buch Levitikus werden schon Mose und die Israelit_innen von Gott daran erinnert, sich ein Stück zu verrücken und Platz in ihrer Mitte zu schaffen, um die, die fremd unter ihnen sind, zu integrieren. Und Gott erinnert die Israelit_innen an ihre eigene Fremdheitserfahrung, an die Zeiten, in denen sie selbst auf einen Platz gehofft haben und von einem in der Mitte vielleicht nur träumen konnten. Gott fordert sie auf, sich an diesen Traum zu erinnern und ihn Anderen zu erfüllen, er fordert uns mit auf, im Kleinen wie im Großen, im gemeinsamen Zugabteil, am geteilten Cafétisch, im Viertel diesen Platz zu schaffen.

Anmerkung der Redaktion: Kleine Fehler in der Planung führen zu noch größerem Engagement unserer Autor_innen, sodass wir heute gleich zwei Moment mal – Kommentare zum selben Thema veröffentlichen können. Wer bisher nur das gelesen hat, hier ist der zweite: von Daniel

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.