Moment mal: Hier ist noch Platz! (Lev. 19, 33-34) 7 Wochen ohne Enge
Stuttgart ist weit - Foto von Daniel Fetzer

„Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal fremd im eigenen Land“, behaupteten im April 2015 rund 17,5 % der befragten deutschen BürgerInnen (1). „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“, skandieren sie montags in Dresden und Erfurt und sorgen damit dafür, dass auch mir mein Land ein Stück fremder wird.

Es wird debattiert, wem dieses Land gehört, wer dazu gehört, wer hinein gehört und wer nicht hinein darf ins gelobte Land. Apropos gelobtes Land, schon die Israeliten wollten dort hinein. Dann waren sie dort, und scheinen schnell vergessen zu haben, dass sie nicht immer die Hausherren waren. Die Fremden im Land dürften die Geschichtsvergessenheit der israelischen Bevölkerung wohl deutlich zu spüren bekommen haben, damals.

Vielleicht verdienten sie bei der Spargel-Dattel-Ernte einen Hungerlohn. Oder durften mit ihrer eigentümlichen Kleidung zwar nicht im öffentlichen Dienst, aber als Putzfrau arbeiten. Möglich auch, dass die fremden Frauen gern besucht wurden, sie brauchten ja jeden Cent Groschen, um die Kinder zu ernähren.

„Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (Lev. 19, 33f ZÜ)

Dieser Gott wieder, bringt die ganze Bequemlichkeit durcheinander. Und reißt die alten Wunden auf. Klar, irgendwo erinnert sich die Volksseele, dass sie selbst mal fremd war, unterdrückt, aber – Verdrängungsmechanismus sei dank – das ist weit weg. Es gilt, Geschäfte zu machen, das Land zu bestellen.

Dieser Gott wieder, der will, dass wir die Fremden nicht nur nicht unterdrücken, rechtlich gleichstellen, nein. „Du sollst ihn lieben wie dich selbst“. Und jetzt springen wir in der Geschichte wieder nach vorne.

2016, und in Deutschland fordern die Einheimischen allerlei: Zäune hoch, Grenzen dicht, schnellere Abschiebungen, weniger Klimawandel und bleibt, wo ihr seid. Die besonders raffinierten unter den Fordernden greifen dabei auf eine gemeinsame Tradition zurück, die vor Eindringlingen verteidigt werden muss, Stichwort: Fremd im eigenen Land. Diese Tradition nennt sich christlich-jüdisch und bezeugt die jahrtausendealte Harmonie der beiden Religionen.

Auch zu denen sagt Gott: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ Wer das nicht hören will, soll ruhig weiter spazieren gehen. Aber wenigstens sollten die Spaziergänger wissen, was jüdische Tradition, christliche Werte, abendländische Freiheit wirklich bedeutet. Nämlich allen Menschen in Liebe zu begegnen.

Anmerkung der Redaktion: Kleine Fehler in der Planung führen zu noch größerem Engagement unserer Autor_innen, sodass wir heute gleich zwei Moment mal – Kommentare zum selben Thema veröffentlichen können. Wer bisher nur das gelesen hat, hier ist der zweite: von Mara


(1): http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/jeder-5-deutsche-fuehlt-sich-fremd-im-eigenen-land-13546960-p2.html?printPagedArticle=true#/elections

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