Gelesen – „Das Evangelium nach Jesus Christus“ von José Saramago
Antonio Sicurezza - Il Nazareno (Public domain)

In vielen Filmen und Büchern ist das Böse sympathischer – oder zumindest interessanter – als das Gute. So ist es auch hier im kirchenkritschen Roman von José Saramago. Der Zwillingsbruder Gottes, der Teufel, erscheint nicht nur sympathischer und mächtiger, nein, man wünscht dem Jesus in diesem Evangelium, dass er doch mehr bei ihm gelernt hätte.

Der Prolog ist ein Gemälde von einem Text und das meine ich wirklich so. Denn alle Personen werden nur in einer einzigen Handlung beschrieben, in einem Ausschnitt auf dem Kreuzweg Jesu. Auch in diesem Evangelium wird also Jesus gekreuzigt. Aber sprachlich erscheint vieles anders.

Alle Frauen heißen im Prolog Maria, natürlich, und wie kann es nicht anders sein, die Frau mit dem tiefen Ausschnitt muss selbstverständlich Maria Magdalena sein, ganz sicher. Der schwarze Humor und Zynismus über die Kirche, aber auch über die handelnden Personen ist erfreulicherweise ein ständiger Begleiter im gesamten Evangelium. Etwa ab der Hälfte des Buches knüpft Saramago sprachlich und erzählerisch wieder an die Dichte des Prologs an, nachdem sich die Geschichte entwickeln konnte.

Als Josef auf einer Baustelle römischen Soldaten zuhört, erfährt er, dass die Kinder Bethlehems umgebracht werden sollen. Sofort springt er zu Frau und Sohn und bricht mit ihnen unverzüglich auf und macht sich dadurch schuldig. Denn er hat die anderen Familien Bethlehems nicht  gewarnt. Diese fatale Handlung wird auch Jesus zum Verhängnis, da er diese Schuld mit 13 Jahren erbt und in der Folge an sich und an der Schuld im Allgemeinen zweifelt. Er zieht von Zuhause aus und findet bei einem Hirten (wie sich später herausstellt, der Teufel) Obhut und einen Lehrmeister.

Alle Figuren im ganzen Roman sind irgendwie schuldig. Trotzdem entfaltet sich hier nicht nur eine Erbsündenlehre. Nach der Ursache für die Schuld in der Welt gefragt, lässt sich in diesem Evangelium kein anderer als Gott selbst bestimmen. Jesus soll also für die Schuld Gottes geopfert werden. Hier setzt die Kirchenkritik an.

Gottes Plan verursacht – in dessen vollem Bewusstsein – zukünftiges Leid durch die Kirche. So zählt Gott selbst Jesus die zukünftigen Märtyrer in alphabetischer Reihenfolge auf. Und tatsächlich: mehrere Buchseiten lang finden sich nur Heiligennamen. Der Autor muss sich hier theologisch im Blick auf das gesamte Buch fragen lassen, warum er dem Opfer nichts Positives abgewinnen kann.

Eine andere sehr interessante, und wie ich finde berechtigte, Fragestellung ergibt sich gegen Ende des Buches: Hätte Jesus sich kreuzigen lassen, wenn er gewusst hätte, wie viel Leid (bspw. durch die Kreuzzüge oder die Inquisition) eine Kirche in seinem Namen verursachen werden würde?


Mehr möchte ich über die Geschichte und besonders über die witzigen Momente nicht erzählen, um einem möglichen Lesevergnügen nicht vorweg zu greifen. Der Stil insgesamt ist durchaus einem Evangelium ähnlich. Zitate aus den kanonischen Evangelien gibt es zuhauf, meist jedoch in einem anderen Kontext eingesetzt. Das Portugiesische Original ist sehr gut, auch in Redewendungen, ins Deutsche übertragen worden.

Der einzige Nachteil sind die für den deutschen Leser ungewohnt langen Sätze, die durch Kommata getrennt sind. Mit dem längeren Lesen habe ich mich aber daran gut gewöhnen können. Die komischen und unterhaltsamsten Situationen haben bei mir nicht nur regelmäßiges Schmunzeln erzeugt, sondern regelrechtes Lachen.

In einem katholischen Land wie Portugal hat Saramago 1991 mit diesem Buch heftige Reaktionen verursacht. So verurteilte die katholische Kirche sein Buch als Blasphemie und für einen europäischen Buchpreis ist er von der Regierung für dieses Buch von der Liste gestrichen worden. Weltweite Aufmerksamkeit erhielt er durch den Literaturnobelpreis 1998. Das Buch ist seit den 1990ern nicht mehr, soweit ich weiß, in Deutschland verlegt worden. Man findet es jedoch in jeder gut sortierten Stadtbibliothek oder antiquarisch.

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