Moment mal: Ist verziehen (Genesis 33, 1–10) Großes Herz! – 7 Wochen ohne Enge
Foto: Tony Webster (Flickr, CC BY 2.0)

Finden wir uns im Himmel in der Gesellschaft Hitlers, Heydrichs, Himmlers wieder? Kann man Menschenheitsverbrechern vergeben? Oder, eine Nummer kleiner, wenigstens Mördern, Vergewaltigern, Attentätern? Todesstrafe für Kinderschänder?

Vielleicht hilft es, wenn man sich von der lokalen und zeitlichen Bestimmung von Himmel und Hölle löst. Der Himmel ist kein Ort, an den nach ihrem Tode all die gelangen, die sich gut benommen haben. Und die Hölle ist kein Ort, in dem sich unendlich lange Verdammnis als Strafe für irdische Vergehen und Verbrechen an das Erdendasein anschließt. Beides, Himmel und Hölle, bringen wir selbst über uns. In diesem, einen Leben.

Vergebung herrscht

Der Himmel ist allda, wo Vergebung herrscht. Das heißt zuerst, wo Vergebung geübt wird. Wir wissen, dass Vergebung schon dann zu heilen vermag, wenn sie keine Erwiderung erfährt. Und Vergebung herrscht, wo sie empfangen wird. Das Wort „empfangen“ ist für den Vorgang der Vergebung fast schon ein Euphemismus. Ja, Vergebung kann erleichtern, handelt es sich um lässliche Vergehen. Dann weicht der Schatten auf den Herzen der Beteiligten und alles wird für den Moment gut.

Dort aber, wo es wirklich mächtig etwas zu vergeben gibt, wirkt Vergebung nicht wie eine warme Sommerbrise, sondern wie ein Sturm, ein Ungewitter, das den Schuldigen ergreift, verletzt, verwundet und erst dann wieder loslässt, wenn auch sein Herz brannte und nun rein geworden ist.

Innerer Gerichtshof

Kein Wunder, dass die großen Schuldigen der Geschichte enorme Kraft darauf verwenden, ihre Verbrechen zu rationalisieren, sie vor sich selbst zu begründen und für gut zu erklären. Zu stark die Urangst davor, vor dem eigenen inneren Gerichtshof zu stehen und tatsächlich zur Verantwortung gezogen zu werden.

Bei den ganz großen Verbrechern prägt sich diese Schuldabweisung zur pathologischen Störung aus. Das entschuldigt keine ihrer Taten, bleibt aber wichtig, möchte man sie verstehen. Gibt es diesen inneren Gerichtshof? Hat er einen Platz in jedem Menschenherzen? Und, ist er mit der richtenden Präsenz Gottes gleichzusetzen?

In der Gewalt der Vergebung liegt ihre politische Kraft, die wir in der Welt zu selten am Werk sehen. Als Beispiel wird immer wieder die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika genannt, die die Verbrechen des Apartheidregimes aufarbeitete. Nicht nur mit persönlicher Strafe, so wichtig sie für einen funktionierenden Rechtsstaat, für den Schutz der Schwachen ist, sondern als Heilungsgeschehen für die gesamte Gesellschaft. Denn eines verstanden die Beteiligten: Schuld wird persönlich erworben, aber systemisch verabreicht.

Wir laden alle Schuld auf uns, die uns systemimmanent aufgezwungen wird, dem einen mehr als dem anderen. Wer Geld hat, kann sich immer und zu allen Zeiten „von seiner Schuld loskaufen“. Unerheblich, ob es sich dabei um Ablassscheine oder ökologische Erzeugnisse handelt.

Schuld ist eine Nebenwirkung der starken Droge Sicherheit. Sicherheit, sich nicht um alles Gedanken machen zu müssen. Sicherheit, dem Führer vertrauen zu können. Sicherheit, hinter bezäunten Grenzen in Ruhe gelassen zu werden. Sicherheit der eigenen Überzeugungen und des eigenen Glaubens, der anderes nicht gelten lassen will und muss. Sicherheit, sich nicht selbst in die Augen schauen zu müssen. Das eigene Angesicht im biblischen Sinne ertragen zu können, heißt sich selbst vergeben zu können.

Leichte Schuld

Vergeben ohne Einsicht übertrifft alle menschliche Möglichkeit. Im Raum der Möglichkeiten Gottes erscheint es dagegen fast schon kleinkariert zu behaupten, Gott bedürfe der Reue, um Schuld zu vergeben.

Das ist es denn auch, was mit dem „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ am Kreuz eigentlich gemeint ist. Denn natürlich wussten die römischen Soldaten genau, was sie da taten. Nur wussten sie nichts von den Auswirkungen ihres Handelns im „göttlichen Bereich“. Doch dort, bei Gott, wird ihnen vergeben, trotzdem sie nichts von ihrer Schuld an der Gottheit ahnen.

An der Schuld gegenüber Gott ist alles gelegen, doch paradoxerweise muss man sich über sie nicht sorgen. Sie ist die schwerste, doch am leichtesten zu tragen – denn sie ist bereits vergeben.

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