Hoffnung für zerbrochene Familien Die Geschichte von Josef und Josef
Giovanni Battista Gaulli: Josef wird von seinen Brüdern erkannt (Gemeinfrei)

Familienstreit. Wer kennt das nicht? Mann gegen Frau. Bruder gegen Bruder. Schwester vs. Schwester. Für die meisten ist das trauriger Alltag. Streitereien über Belangloses wechseln sich ab mit unerfüllten Sehnsüchten, und ziehen nicht selten tiefe Verletzungen und eiserne Grenzen mit sich.

Ich bin froh, dass die Bibel diese traurige Realität nicht ausblendet. Sie erzählt offen von kaputten und zerstrittenen Familien und von den scheinbar unlösbaren Konflikten dieses Lebens. Eine der wohl bekanntesten Geschichten zu diesem Thema ist die Josefs-Geschichte (Gen 37–50), die in ihrer Dramatik und erzählerischem Können kaum übertroffen werden kann.

Sie beginnt harmlos mit einem Vater, der seinen Sohn Josef liebte und ihm ein Geschenk machte. Ein (wahrscheinlich) farbenfroher Mantel, der von all seinen Söhnen nur Josef gegeben wurde. Ein Ungleichgewicht entsteht. Von seinen elf Söhnen liebte Jakob Josef am meisten und macht dies durch seine Geschenke offensichtlich. Der erfahrene Bibelleser weiß warum.

Dieser Konflikt zwischen Geschwistern begann schon bei ihren Müttern. Rahel und Lea, zwei Schwestern, die um die Aufmerksamkeit eines Mannes rangen und dabei an ihren falschen Erwartungen und ihrem Konkurrenzdenken fast zerbrachen (Gen 29–30). Rahel gegen Lea führt zu: Josef gegen Juda (und die anderen 9 Brüder). Der eigene Konflikt zieht sich nun auch in den eigenen Kindern weiter.

Während der Erzähler der Geschichte zu Beginn der ersten Verse nur leichte Andeutungen macht, wie die zweideutige Formulierung im Hebräischen: „Josef hütete (mit) seine(n) Brüder(n)“ (37,2), so wird im Laufe der Erzählung die Spannung unter den Brüdern immer greifbarer. Irgendwann ist es, vor lauter Bevorzugung, Eitelkeit, verletztem Stolz und „Petzerei“, nicht mehr möglich miteinander zu reden (37,4).

Wenn kein Gespräch mehr möglich ist, stauen sich Gefühle an. Eine Wut brodelt in Juda und seinen Brüdern, die ungeahnte Ausmaße annehmen wird.


Dann reicht eine unglückliche Situation, ein falscher Auftritt und eine Provokation im Form des unpassenden Outfits, um die Brüder dazu zu bringen, Josef zu verraten und zu versuchen, ihn zu töten. Juda macht den Vorschlag. Der verbitterte Leitwolf wittert seine Chance. Aus Gedanken werden Worte, aus Worten Taten. Ein Konkurrenzkampf unter Schwestern wird zu einem Mordversuch unter Brüdern. Die Beziehung zwischen Juda und Josef scheint endgültig zerbrochen.

Familienstreitigkeiten in ihrer tragischen Finalform, wie sie hoffentlich nicht jeder kennt.

Die Geschichte geht weiter und wir sehen, wie Gottes gütige Hand Stück für Stück dieses tragische Beziehungsgeflecht und dieses Verbrechen dazu benutzt, eben den Brüdern das Leben zu retten, die hier so furchtbar handeln. Juda, der zu Beginn der Geschichte das Leben seines Bruders für sein eigenes Ansehen opfern möchte, beginnt zu verstehen und sich zu verändern. Doch auch nach vielen Jahren, unglaublichen Wendungen und Tränen der Vergebung scheinen verborgene Gefühle und Ängste durchzuschimmern. Auch am Ende dieser wundervollen Geschichte nagt die Frage an Juda und seinen Brüdern: „Was ist, wenn Josef es uns doch alles wieder heimzahlt?“ (Gen 50,15).

Trotz all unserer Bemühungen und schwer erkämpften Entschuldigungen, scheinen unsere tiefen Konflikte manchmal einfach unlösbar zu sein.


Machen wir einen kleinen Sprung. Männer bilden Familien; Familien werden zu Völkern. Juda wird größer und aus Josefs Söhnen die Stämme Ephraim und Manasse. Und der Streit zwischen Brüdern wird zum Kampf zwischen Volksgruppen. Bei dem Zerfall des Königreiches ca. 900 v. Chr. bildet Juda das Südreich, während Ephraim und Manasse zum Nordreich gehören. Die Brüder scheinen auf Ewigkeit verdammt zu sein im Streit zu liegen.

Man fragt sich: Gibt es denn keine Hoffnung für diese Familie?

Vielleicht doch. Machen wir noch einen kleinen Sprung und schnappen uns das Matthäusevangelium. Dort beginnt der Evangelist mit dem Stammbaum von Josef, dem Familienvater der zentralen Person des Christentums, Jesus Christus. Warum nimmt sich der Evangelist Zeit, um diesen ganzen Stammbaum darzulegen? Nun, dafür mag es viele Gründe geben, aber einer ist sicherlich: Er möchte zeigen, dass Jesus durch seinen (Adoptiv-) Vater Josef etwas mit der großen Geschichte Gottes zu tun hat, die wir im Alten Testament lesen. Er taucht nicht nur einfach auf, sondern er knüpft an, er schreibt weiter und erfüllt eine schon viele Jahrhunderte zuvor begonnene Geschichte.


Was hat das mit unserer Familien-Geschichte zu tun? Jürgen Ebach, in seinem absolut empfehlenswerten Buch „Josef und Josef“, schreibt:

Im Stammbuch des Messias Jesus in Mt 1 erfolgt geradezu eine Auflösung der Konflikte der Kinder Jakobs. Denn hier erscheint ein Josef aus dem Stamm Juda […] Die Geschichte dieses Josef ist in die Geschichte Judas integriert und nicht länger deren Gegengeschichte“ [1]

Josef und Juda. Gemeinsam am großen Plan Gottes beteiligt, diese Welt zu retten. Josef und Juda, versöhnt in einer Person. Zerstrittene Schwestern, Brüder, Völker, ziehen nun am gleichen Strang.

Das zeichnet diesen Jesus aus. Da wo Familien zerbrochen sind, vielleicht schon über Generationen hinweg, da schafft er es – einfach durch sein Auftreten – wahre Versöhnung zu schaffen. Es ist mehr als ein Vergebungszuspruch, mehr als eine Verhaltenstherapie. Dieser Jesus schafft es, wahrhaft Herzen zu verändern und eine neue Familie zu gründen, die durch sein eigenes Opfer zusammengehalten wird. Er trägt unsere Konflikte, er hält sie aus, erduldet sie, und … er löst sie.

Darum habe ich Hoffnung.

Hoffnung für meine Familie. Hoffnung für die Familie, die Gott mir noch schenken wird. Und Hoffnung für all die Konflikte der Welt, die zwischen Familien oder einstigen Brüdern in all ihrer Brutalität herrschen, und dennoch diesem einen Mann des Friedens nicht gewachsen sind.

Ich hoffe, du auch.


[1] Ebach, Jürgen, Josef und Josef, Literarische und hermeneutische Reflexionen zu Verbindungen zwischen Genesis 37-50 und Matthäus 1-2, Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament, Stuttgart, 2009, S. 33.

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