Von der Aufgabe, sich im rechten Moment zu drehen und der Kunst, Hostien auszuteilen Heiraten auf Polnisch-Deutsch
Foto: Szymon Brodacki

Langsam bin ich in dem Alter, wo jährlich mehrere Einladungen zu Hochzeiten ins Haus flattern und die Fotos von Facebookfreunden vermehrt durch Brautkleider auffallen. Daneben fühle ich mich auf der einen Seite jung, auf der anderen Seite werde ich mir (wenn auch nicht schmerzlich) meines Alters bewusst.

Und langsam kann ich mich nicht mehr damit herausreden, eine Studienanfängerin zu sein (auch wenn es während des Studiums immer nur beim Anfangen bleibt), wenn diverse Leute versuchen, mich in Gottesdienste einzuspannen. Wenn ich eine unbekannte Gemeinde besuche, vermeide ich inzwischen tunlichst, vor Gottesdienstbeginn meinen Studiengang zu erwähnen. Vor allem den Gottesdienstverantwortlichen gegenüber. Um zu vermeiden, dass ich dann auch für irgendwas verantwortlich bin.

Wenn ich nicht fünf Minuten vor Gottesdienstbeginn überfallen werde, mache ich aber durchaus gern etwas mit. Und so gab es keinen Grund die Frage einer guten Freundin, ob ich ihren Traugottesdienst mitgestalten wolle, zu verneinen. Immerhin hatte ich ein ganzes Jahr lang Zeit, mich auf das große Ereignis vorzubereiten: Das erste Mal während einer Hochzeit vorn vor dem Altar stehen und das erste Mal seit dem homiletischen Seminar wieder predigen. Eine Besonderheit gibt es freilich noch zu erwähnen: Betreffende Hochzeit sollte mit polnischen und deutschen Beteiligten ein internationales Fest auf polnischem Boden werden. Das hatte natürlich auch für den Gottesdienst zu gelten. Da nun mein Polnisch relativ eingerostet ist und das polnische (Kirchen-) Recht es so verlangt, bekam ich den Pfarrer aus dem Heimatort des Bräutigams an die Seite gestellt. (Ok, eigentlich wurde ich ihm an die Seite gestellt.)

Und so stehen wir ein Jahr später gemeinsam vor versammelter Festgemeinde. Und das im wortwörtlichen Sinne den ganzen Gottesdienst über. Während der Vorbereitungen hatte ich noch die Trauzeugen bedauert, denen kein Sitzplatz zugedacht war. Bis sich im Gespräch mit dem Pfarrer herausstellte, dass es mir nicht anders ergehen würde. Einen großen Vorteil hatte dieses Arrangement natürlich: Es gab keinen komplizierten Ablauf zu besprechen. Wir standen also beide vor der Gemeinde und dem Brautpaar. Während gesungen wurde. Während der jeweils andere betete. Während der andere predigte. Eigentlich ziemlich entspannt. Ich musste bloß aufpassen, wann sich der Pfarrer zum Altar oder zur Gemeinde drehte und das entsprechend nachmachen. (Natürlich möglich so, als wüsste ich genau, was ich tue.)

Es lief gut. Ich habe mich richtig gedreht, die zwei Predigten waren nicht zu lang und dem Brautvater kamen die Tränen. Der zivilrechtliche Teil war auch ein Klacks. Ich brauchte bloß vorn zu stehen, während der Pfarrer als Standesbeamter fungierte und die offiziellen Unterschriften von Brautpaar und Trauzeugen entgegennahm. Ich hätte schon fast erleichtert durchgeatmet, doch das Abendmahl stand noch an. Wandelabendmahl und ich hatte die Hostien zu verteilen. Ich beruhigte mich selbst, dass das ja eigentlich keine große Kunst sei und lächelte den ersten Gästen zu, die vor mir standen. „Christi Leib für Dich gegeben.“ War doch gar nicht so schwer. Doch warum hält die Dame mir nicht ihre Hand hin, damit ich die Hostie loswerden kann? Eine Ahnung steigt in mir auf und ein Blick auf den erwartungsvoll geöffneten Mund der Frau gibt mir Recht. Sie geht davon aus, dass ich ihr die Hostie auf die Zunge lege! Jetzt erinnere ich mich wieder deutlich an meine Zeit in Polen und wie man beim Abendmahl weder die Hostie noch den Kelch selbst in die Hand nahm, während man auf den Stufen vor dem Altar kniete. Sicher hat die Mundkommunion eine eigene, starke Symbolik. Aber mir kam das schon damals als Gottesdienstbesucherin komisch vor und jetzt trifft mich die ganze Sache auch noch völlig unvorbereitet.

Rep_244

Beim Brautpaar schien alles noch einfach …

Es ist eben doch eine Kunst. Die Kunst, zwischen polnischen und deutschen Gästen zu unterscheiden und die Hostie entsprechend in der richtigen Form zu überreichen. Die Kunst, den polnischen Gästen dabei nicht zu nah zu kommen (denn nicht umsonst habe ich mich gegen ein zahnmedizinisches Studium entschieden). Und die Kunst, den Leuten bei aller nötigen Konzentration nicht nur auf Hände und Münder, sondern auch noch in die Augen zu schauen.

Es lief. Zumindest beschwerte sich hinterher niemand bei mir. Die polnischen Gäste schoben etwaige Mängel meiner Verabreichungstechnik hoffentlich einfach auf meine Unkenntnis der Tradition. Und für die deutschen Gäste war meinem Eindruck nach sowieso vor allem die Predigt entscheidend. Das galt zugegebenermaßen auch für mich. Aber in Zukunft werde ich den liturgischen Formen wieder ein wenig mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen.

Schlagwörter: , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.