„Stabile Gruppe“ – Arbeit mit jungen Flüchtlingen Als Kirchengemeinde im Stadtteil aktiv

Seit knapp zwei Jahren engagieren sich Ehrenamtliche der evangelischen Gemeinde Jesustreff in einer Flüchtlingsunterkunft im Stuttgarter Norden. Wie die Arbeit vor Ort gestaltet wird und warum Kirche religiöse Grenzen überschreiten darf, erklärt Daniel Fetzer, der das Projekt gestartet hat.

Im Januar 2014, da war die Welt noch fast in Ordnung: vergleichsweise wenig Flüchtende schafften Deutschland, das Dublin-Verfahren sorgte dafür. Die AfD bekämpfte noch den Euro statt flüchtende Menschen und die Sozialarbeiterin, die mich durch das Flüchtlingsheim führte, war optimistisch: „Ja, es werden mehr Flüchtlinge kommen, aber die deutsche Gesellschaft ist eine andere als vor 20 Jahren, so etwas wie in den 90er kann ich mir heute nicht mehr vorstellen“ (Hoyerswerda, Mölln, Solingen, Lichtenhagen. Da hat sie sich leider geirrt, spätestens 2015 zeigte sich, wozu die deutsche Rechte in der Lage ist. Zu 924 Angriffen auf Flüchtlingsheime.

Nach diesem kurzen Exkurs zurück in den besagten Januar 2014. Im Jesustreff, meiner Kirchengemeinde, fanden sich weitere Interessierte, um im nahegelegenen Flüchtlingsheim für und mit den Jugendlichen Freizeitangebote zu gestalten. Der Name des Projekts – Northteens – könnte natürlich kreativer sein, zeugt aber von der Verwurzelung im Stadtteil Stuttgart-Nord.

Was machen die überhaupt?

Das Team machte sich gemeinsam an an die Vorbereitung. Grundsätze wurden aufgestellt und Ideen für ein spannendes Programm gesammelt. Aber der minutiöse Plan des ersten Treffens löste sich ziemlich schnell in Luft auf, weil die Jugendlichen ihre ganz eigenen Ideen von Freizeitgestaltung haben. Und das ist gut so!

Seit bald zwei Jahren trifft sich das engagierte Team seither wöchentlich mit rund fünfzehn Jugendlichen, meistens nehmen mehr Jungs als Mädchen teil. Wir MitarbeiterInnen möchten den teilnehmenden Jugendlichen ein abwechslungsreiches und spannendes Programm bieten, deshalb achten wir sehr auf die Rückmeldungen. Ergebnis: Lieber Döner essen gehen als ein Theaterstück über Pubertät anschauen, lieber Fußball spielen als aufwendig geplante Stadtspiele.

Kommt immer gut: Essen

Kommt immer gut: Essen

Wozu soll das gut sein?

Zwar steht der Spaß der Jugendlichen im Vordergrund, aber gerade dadurch gelingt es, sie dabei zu unterstützen, im Stadtteil heimisch zu werden. Wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit lokalen Einrichtungen: das Jugendhaus in der Nachbarschaft stellt gerne Räume zur Verfügung, eine eingeladene Polizistin hielt einen Workshop zur Suchtprävention und der Besitzer einer Dönerbude zeigt seine Unterstützung mit einer Spende Baklava. Durch das gemeinsame Nutzen der vorhandenen Angebote werden die Jugendlichen ermuntert, auch in ihrer Freizeit selbstständig im Stadtteil aktiv zu sein. Integration gelingt auf diesem Wege ganz natürlich.

Die wöchentliche Begegnung ist für beide Seiten bereichernd, wer schon Mal afghanisches Lamm-Pilau gegessen hat, wird das bestätigen. Es ist eine spannende Aufgabe, die jungen Iraker, Afghaninnen oder Kosovo-Albaner dabei zu begleiten, ihr Leben in Deutschland zu gestalten. Ihre Biographien mögen noch so verschieden von denen der Mitarbeitenden sein; die typischen Probleme der Jugend sind die selben: Schule, Eltern, erste Liebe. So steht in der Beziehung nicht der kulturelle Unterschied, sondern die Gemeinsamkeit im Vordergrund. Beide Seiten merken, dass der andere nicht der Fremde, sondern einer wie ich ist.

Krisengebiet: Stadionbesichtigung beim VfB Stuttgart

Krisengebiet: Stadionbesichtigung beim VfB Stuttgart

Ist das Aufgabe der Kirche?

Wer sich fragt, warum eine Kirchengemeinde ein Programm anbietet, bei dem es in erster Linie darum geht, mit geflüchteten Jugendlichen Spaß zu haben, dem sei entgegnet: „Warum denn nicht?“

Für diejenigen Christen, die im Menschen mit einer anderen Religion zunächst ein Missionsobjekt sehen, ist diese Aufgabe nicht geeignet. Wer Jugendarbeit mit dem Ziel macht, die Jugendlichen zu verändern, nimmt diese nicht als eigenständige Persönlichkeiten ernst. Wer Begegnung auf Augenhöhe will, muss sein Gegenüber in seiner Gesamtheit respektieren, das schließt seinen Glauben mit ein. Das sind Grundsätze, die sich auf jegliche Soziale Arbeit übertragen lassen. Jugendliche haben ein gutes Gespür dafür, ob sie ernst genommen werden; Angebote, die das außer Acht lassen, werden wenig Erfolg haben.

Aber nun, warum sollte sich eine christliche Kirche um muslimische Jugendliche kümmern? Eine Kirche, die gesellschaftlich relevant sein möchte, kann sich einer Aufgabe nicht verweigern, die zurecht als die größte seit der Wiedervereinigung bezeichnet wird (1, 2). Zum Glück tut sie das nicht, die vielen Engagierten sind ein Glücksfall für die Kirchen. Als einer der größten Akteure der Zivilgesellschaft ist es richtig, für ein friedvolles Miteinander einzustehen und dabei nicht bei Glaubensgrenzen stehen zu bleiben.

Denn auch wenn der sozial-diakonische Auftrag der Kirche in die Wiege gelegt wurde, spätestens seit Johann Hinrich Wichern und Gustav Werner  hat ihn die evangelische Kirche in Deutschland wiederentdeckt. Wem dieses Engagement zukommt, definiert sich am Hilfsbedarf, nicht an der religiösen Gesinnung der Empfänger. Wissend, dass Gottes Liebe allen gilt und nicht nur im Wort, auch in der Tat verkündet wird.

Jesus handhabt das laut Mk 7,24–31 ähnlich. Zwar ziert er sich anfangs, der Familie der Frau aus Syrophönizien zu helfen, aber er umgab sich immer gern mit den Menschen, die am Rand der Gesellschaft standen. Jesus nachfolgen heißt für den Einzelnen sowie für die christliche Kirche, sich in grenzenloser Liebe zu üben. Das klingt pathetisch, vor Ort zeigen aber viele Kirchengemeinden, wie das in der Praxis geht. Durch Begegnung, durch Engagement und durch echtes Interesse am Gegenüber.

Kleine Schritte und große Erfolge

Woran misst man den Erfolg eines solchen Projekts? Was haben die Northteens erreicht? Die Beziehungen zu den Jugendlichen festigten sich durch die wöchentliche Begegnung, „stabil“, sagen die Jungs. Praktikumsplätze konnten vermittelt werden, der Jugenddiakonie-Preis des Diakonisches Werkes Württemberg wurde gewonnen. Das bisherige Highlight für alle Beteiligten war aber sicher die Kurzfreizeit im Schwarzwald. Finanziell unterstützt von der Bürgerstiftung Stuttgart saßen wir am Strand des Schluchssees, als ein junger Mann aus Afghanistan sagte: „Der erste Urlaub meines Lebens“.

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