Moment mal: Politisch korrekt

Im Nachgang der Übergriffe zu Silvester in Köln und andernorts wird derzeit wieder intensiv über die political correctness diskutiert. Hier besonders darüber, ob Medien absichtlich auf Charakterisierungen der Täter als Ausländer, Afrikaner etc. verzichten, um keinen weiteren Fremdenhass zu säen.

Doch die Beschwerden über die political correctness gehen tiefer und haben auch unter Theologen Tradition. Das geht soweit, dass Sprachempfehlungen, die nur einen Teil des Theorems political correctness ausmachen, im Stile der Neuen Rechten als „Sprechverbote“, „Zensur“ und „Gehirnwäsche“ hingestellt werden.

Es ist wenig überraschend, dass sich auch Christen und akademische Theologen – wenn auch oft nur unter vorgehaltener Hand oder nach dem obligatorischen Schoppen Wein –  gehässig über die Sprachwissenschaftler und Genderforscher äußern, die sich der political correctness verschrieben haben.

Ein Grund dafür ist ganz sicherlich, dass sie „den öffentlichen Diskurs als dümmer [verkauft], als wir uns individuell fühlen“, wie Torsten Kleinz in seinem Notizblog schreibt. Gerade unter Theologen wird das offenbar als Bevormundung wahrgenommen.

Ein zweiter Grund ist natürlich, dass die allermeisten Theologen, die an unseren Fakultäten und Hochschulen und in kirchlichen Leitungsämtern tätig sind, eben genau das sind: Theologen, keine Theologinnen.

Wer, wie ich, schon einmal erlebt hat, wie pikiert und angefasst diese Theologen reagieren, wenn man sie z.B. in einer Begrüßung nicht völlig korrekt adressiert, dem wird es völlig unverständlich erscheinen, warum gerade diese Theologen kein Verständnis für andere Menschen aufbringen, die zuerst in der Sprache unerwähnt bleiben und dann in der akademischen Welt ausgegrenzt werden.

Torsten schreibt:

Es ist beschämend, aber wir brauchen solche Anleitungen. […] Generationen haben unter der Prämisse gelebt , dass gewisse Gruppen keine Ohren haben. Zum Beispiel: Behinderte, Homosexuelle, Frauen in bestimmten Situationen. Sie hatten jedoch sehr wohl Ohren – sie hatten lediglich keine Stimmen. Worte wie „Spasti“ oder „Krüppel“ gehen einem leicht von den Lippen, wenn man niemanden kennt, der damit angesprochen sein könnte. „Schwul“ war in meinen Kindertagen schlicht das Gegenteil von „cool“.

 

Besorgte Christen

Gerade Christen, die gegenwärtig besorgt darum sind, dass christliche Überzeugungen in unserer Gesellschaft nicht gehört werden, sollten sich hier engagieren. Nicht den neurechten Gegnern der Inklusion das Wort reden, sondern sich für eine inklusive Sprache und inklusive Gesellschaft einsetzen.

Wir wissen, dass z.B. unser Recht auf freie Ausübung unserer Religion daran gebunden ist, dass allen Menschen in unserem Land dieses Recht zusteht. Und wenn man bedauernd und zornig auf viele islamisch geprägte Länder schaut, in denen Christen verfolgt werden, dann muss man knallhart sagen, dass dies nicht nur die Christen vor Ort betrifft, sondern immer auch abweichende Konfessionen des Islam und kleine, nahezu unbekannte Kulte und Religionen.

Das zugrunde liegende Problem der islamischen Diktaturen ist nicht der Hass gegen Christen, sondern die mangelnde Anerkennung der allgemeinen Religionsfreiheit als Menschenrecht. Deshalb müssen wir Christen uns für die Freiheit aller Religionen einsetzen, wollen wir den Glaubensgeschwistern langfristig helfen, die unter islamischen Diktaturen leiden. Das gilt im besondern auch für die Rechte religiöser Minderheiten bei uns in Deutschland.

Dazu verplichtet uns das Erbe der europäischen Aufklärung, das wir doch so stolz vor uns her tragen. Dazu verpflichtet uns aber vor allem unsere eigene religiöse Tradition: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ (Sprüche 31, 8). Unser Heil ist an das Heil anderer Menschen gebunden.

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