Die Seite mit dem grüneren Gras Begegnungen mit der Armut
Weltkulturerbe: Das Zentrum Arequipas

Silvester in Sucre: Sektflaschen schwenkend stehen wir auf der Plaza und tanzen zum Rhythmus der Cumbia-Liveband, wir weißen Backpacker feiern in der Menschenmenge ins neue Jahr hinein. Kurz nach Mitternacht tritt eine Indígena an uns heran, eine traditionell gekleidete Frau hält uns ihre linke Hand entgegen, mit der rechten zeigt sie bittend auf ihr Kind. Kopfschüttelnd tanzen wir weiter.

Begegnungen wie Nadelstiche

Ich esse gerade eine in Limettensaft geschmorte Forelle, als sich ein kleiner Junge am Portier vorbeischleicht und sich neben meinen Tisch stellt. Während er mich fragt, ob ich ihm nicht ein Comic-Heft abkaufen möchte, schaut er hungrig auf meinen Teller.

Weltkulturerbe im Zentrum, Fußballplatz am Stadtrand

Prächtige Kolonial-Architektur im Zentrum Arequipas, die weiße Kathedrale strahlt mit den schneebedeckten Vulkanen im Hintergrund um die Wette: Weltkulturerbe. Dank der Bars, Cafés und Supermärkte müssen die hier lebenden Freiwilligen unserer NGO auf nichts verzichten. Täglich bringt der Bus sie zur Arbeit an den Stadtrand. Dort gibt es zwar keine Müllabfuhr, aber dafür Straßenhunde, die Hausabfälle nach Nahrung durchwühlen. Alle Familien leben unter der Armutsgrenze, also von 1,90 US-Dollar täglich; monatlich stehen so pro Person keine 60 Dollar zur Verfügung.

Nimmt man in La Paz den Teleférico, den Lift, der die Siedlung der zugezogenen Landbevölkerung auf der Hochebene mit den Hochhäusern des Zentrums im Kessel verbindet, überfliegt man drei Welten. Am Stadtrand lassen sich Schweine beobachten, die unter den Wäscheleinen der Hinterhöfe wühlen. Im Zentrum kämpfen Taxis, Autos und Busse um jeden Meter. Auf der anderen Seite schwebt die Gondel über das Villenviertel, gäbe es ein Fenster, ließe sich den Damen am Pool in die Cocktails spucken.

La Paz aus dem Lift

La Paz aus dem Lift: drei Welten in dreißig Minuten

Wie Lebt man „Richtig“?

Es sind die Kontraste, die mich ins Grübeln bringen. Dort, wo die Armut der Masse auf den Wohlstand der Wenigen trifft, zeigt die krasse Ungleichheit ihr Gesicht. Kuchenessend wird mir klar, auf welcher Seite ich stehe: auf der privilegierten. Auf der Seite, die eher zu viel als zu wenig hat. Deshalb frage ich mich:

Kann ich genießen, was ich habe, obwohl so viele nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren können?
Darf ich ein angenehmes Leben führen?
Muss ich mein Leben ändern?

Der Globalisierte Samariter

Dem Internet verdanken wir, ständig Bescheid zu wissen. Über das Elend der Menschen in Madaja, das der Christen im Nahen Osten, der Näherinnen in Bangladesh und des Menschenhandels weltweit. So kommen wir digital täglich am Nächsten vorbei, von dem das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt. Wir müssen vorbei laufen, können uns nicht überall in die Schlacht werfen.

Aber wie lässt sich in diesem Bewusstsein Gottesdienst feiern und Gottes Güte loben, ohne die Menschen zu verhöhnen, die materiell wenig bis gar nicht begütert sind?

Liebe Leserin, lieber Leser, meine vorgestellten Fragen stelle ich mir keineswegs rhetorisch, sondern ziemlich praktisch. Antworten habe ich bisher leider nicht entdeckt. Sag du mir bitte, wie du damit klar kommst, auf der Seite zu leben, auf der das Gras tatsächlich grüner ist.

Schlagwörter: , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.