Ein Tag für das Leben Von der heilsamen Zweckfreiheit des Sabbats

Es ist Freitagabend in Jerusalem, der Atem der Stadt wird zunehmend gleichmäßig: Sechs Tage und Nächte lang aufgewühlt von Spannungen politischer, religiöser und auch ganz alltäglich zwischenmenschlicher Art, kommt die Heilige Stadt allmählich zur Ruhe.

Endlich.

Ein Geschäft nach dem anderen schließt, Menschen hasten heimwärts, letzte Vorbereitungen wollen getätigt werden. Denn sobald – pünktlich mit Sonnenuntergang – der Sabbat begonnen hat, wird das Land für 24 Stunden stillstehen: Kein Geschäft hat dann noch offen und kein Bus fährt mehr.

Jerusalem TheMa

Was hat es auf sich mit diesem Sabbat, dass er einmal pro Woche eine ganze Stadt, ein ganzes Land, ein ganzes Volk in einen derartigen Ausnahmezustand zu versetzen vermag? Ein ausgesprochen weises Buch zum Sabbat hat der Rabbiner Abraham Joshua Heschel geschrieben. Es trägt den Titel Der Sabbat. Seine Bedeutung für den heutigen Menschen (1951).

Abraham Joshua Heschel (Public domain)

Abraham Joshua Heschel (Public domain)

Geboren 1907 in Warschau, studierte und wirkte Heschel in Polen, Deutschland sowie in den USA, wo er 1972 verstarb. Neben seiner geistlichen und theologischen Tätigkeit tat sich Heschel auch durch sein sozial-politisches Engagement hervor, unter anderem in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. In seinem Sabbat-Büchlein führt Heschel eine Dualität von Raum und Zeit, wonach der Raum alles Dingliche, Diesseitige, Irdische, Menschliche und Sterbliche umfasst. Die Zeit dagegen beinhaltet das Geistliche, Jenseitige, Himmlische, Göttliche und Ewige.

Im „Die Architektur der Zeit“ überschriebenen Prolog schreibt Heschel:

„Im Reich der Zeit ist das Ziel nicht haben, sondern sein, nicht besitzen, sondern geben, nicht beherrschen, sondern teilen, nicht unterdrücken, sondern Solidarität üben.“[*]

Und nun kommt der Sabbat ins Spiel: Während die sechs Tage der Woche dem Raum verschrieben sind, soll am Sabbat die Zeit gefeiert werden:

„An diesem Tag sind wir aufgerufen, Anteil zu nehmen an dem, was ewig ist in der Zeit, uns vom Geschaffenen dem Geheimnis der Schöpfung selbst zuzuwenden, von der Welt der Schöpfung zur Schöpfung der Welt.“

Und uns somit gewiss auch Seiner ewigen und allumfassenden Gegenwart bewusst zu werden, die aller Schöpfung zugrunde liegt.

Zur Begründung der Sabbatruhe heißt es im Dekalog: „Denn in sechs Tagen hat der HERR den Himmel und die Erde gemacht […].“ Doch komplett fertig war die Schöpfung offensichtlich erst am siebten Tag. So lesen wir im ersten Schöpfungsbericht: „Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte; und er ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte.“ Heschel verweist auf eine rabbinische Interpretation, wonach es auch am siebten Tag einen Schöpfungsakt gab. So schuf Gott am Sabbat die menucha, die Ruhe. Ohne die Ruhe war die Schöpfung nicht vollkommen.

Wobei die deutsche Übertragung dem hebräischen Wort bei weitem nicht gerecht wird. So geht es bei der menucha nicht allein um die Abwesenheit von Arbeit bzw. jeglicher Art von Tun. Vielmehr handelt es sich hier um keinen negativen Begriff, sondern um etwas sehr wohl Reales und Positives. „Das Wesen eines guten Lebens ist menucha.“ Zur Veranschaulichung hilft ein Blick in Psalm 23: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er lagert mich auf grünen Auen, er führt mich zu stillen Wassern.“ (wörtlich: zu Gewässern, die zur Ruhe einladen).

Über den Begriff der menucha kommen wir zum Sinn, zur Bedeutung des Sabbats. Wozu ist der Sabbat gut? Was macht ihn zu dem, was er ist? Aristoteles war der Meinung, wir bräuchten die Erholung, da wir ja nicht pausenlos arbeiten können. Aber dieses Ausruhen sei kein Ziel in sich, sondern diene lediglich dazu, neue Kraft für neue Bemühungen zu gewinnen.

Ich halte fest: Im Denken des antiken Griechenland, das unsere westliche bzw. europäische Kultur nicht unwesentlich geprägt hat, verfolgt der Ruhetag allein den Zweck der Regeneration, damit der Mensch ausgeruht von neuem ans Werk gehen kann. Denn nur wer produktiv ist, kann vollkommen Mensch sein.

Der Sabbat hingegen steht solchem Denken diametral entgegen, er lässt sich nicht verzwecken. Heschel schreibt:

„Der Sabbat ist ein Tag für das Leben. Der Mensch ist kein Lasttier, und der Sabbat dient nicht dem Zweck, seine Arbeit erfolgreicher zu machen. […] Der Sabbat ist nicht um der Wochentage willen da, die Wochentage sind um des Sabbat willen da. Er ist kein Intermezzo, sondern Höhepunkt des Lebens.“

Welch heilsame Zweckfreiheit – an dieser Stelle auf keinen Fall zu verwechseln mit Sinnlosigkeit! Es kommt noch besser: Das oben bereits angesprochene Sabbatgebot – „Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun“ – wurde von den Rabbinen laut Heschel folgendermaßen interpretiert: „Ruhe selbst von dem Gedanken an die Arbeit.“

In einer Zeit von Worten wie Work-Life-Balance oder Homeoffice, in denen sich das zunehmende Verschwimmen der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen negotium und otium, äußert; in einer Zeit, in der die herkömmlichen Zeitstrukturen in Auflösung begriffen sind und die Rasanz der postmodernen Lebenswelt uns zusehends den Atem raubt; in einer solchen Zeit wächst die Sehnsucht nach festen Zeiten des Innehaltens und der Besinnung, das Verlangen nach Augenblicken, in denen wir uns vergegenwärtigen, dass „unsere Hände der Welt [gehören], unsere Seele aber einem anderen [gehört]“:

Regelmäßige Momente, die uns an die künftige Welt erinnern, deren Wesen ewiger Sabbat ist. Solange diese noch nicht angebrochen ist, muss es uns als Trost reichen, dass wir vorerst nur „ein Siebtel unseres Lebens als Paradies erfahren können“. Aber: „Der Sabbat ist eine Erinnerung an beide Welten – diese Welt und die zukünftige; […]. Denn der Sabbat ist Freude, Heiligkeit und Ruhe; Freude ist ein Teil dieser Welt, Heiligkeit und Ruhe gehören zur kommenden.“ Jawohl, „Luxus und Freude sind integraler Bestandteil der Observanz des Sabbats.“ So kommt Heschel zum Bild des Sabbats als einem „Palast in der Zeit, den wir bauen“.

Ein gut befestigtes Haus mit fließend Wasser und reichlich Platz würde es gewiss auch tun, um ein anständiges Leben führen zu können, aber nein: Das Leben soll Spaß machen. Hier geht es um Überfluss, ja ein Leben in Fülle! Und warum sollte an dieser Stelle auch gespart werden, schließlich ist der Palast in der Zeit nicht weniger als ein „Bereich, in dem der Mensch bei Gott zu Hause ist.“


[*] Dieses und alle folgenden Zitate (abgesehen von den entsprechend gekennzeichneten Bibelstellen) sind entnommen aus: HESCHEL, Abraham Joshua: Der Sabbat. Seine Bedeutung für den heutigen Menschen. Neukirchen-Vluyn 1990. (Englische Originalausgabe von 1951). Aus Gründen der Lesbarkeit wurde auf Seitenangaben verzichtet.

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