Spalatin – Steuermann der Reformation oder: "Luther und seine sidekicks"
Bild: Georg Spalatin von Lucas Cranach I. (Public domain)

Jede gute Geschichte lebt von interessanten Helden. Aber viele Helden überleben ihre Geschichte nur, weil ihnen mutige und loyale Freunde zur Seite stehen. Ohne Sam hätte Frodo den Schicksalsberg niemals erreicht, um den Ring zu vernichten. Ohne Ron und Hermine wäre Harry spätestens bei der zweiten Schutzmaßnahme für den Stein der Weisen elendig krepiert. Ohne Alfred würde Bruce Wayne sein Doppelleben als dunkler Rächer vermutlich nicht auf die Reihe bekommen und ziemlich alt aussehen.

Auch ein genauerer Blick auf Ereignisse der Menschheitsgeschichte zeigt, dass dort die Protagonisten wesentlich auf ihre sidekicks angewiesen waren, um zu ihrer weltbewegenden Bedeutung zu gelangen. In der evangelischen Kirchengeschichte gleicht die Luther-Forschung einem massiven Sonnensystem, in dem alles um den Stern Luther kreist.

Besonders im Licht der Lutherdekade scheint nahezu jedes Thema abgegrast, das man mit unserem Martin in Verbindung bringen könnte. Dabei reicht die Bandbreite von durchaus interessanten theologischen oder historischen Fragen hin zu eher erzwungenen Themenstellungen, die man auch unter „Luther und schon wieder irgendwas“ beiseite tun kann.

Diese Lutherdominanz hat freilich gute und nachvollziehbare Gründe, macht es aber manchmal auch schwer, sich der Anziehungskraft des Reformators zu entziehen und zu erkennen, dass er allein ohne die mannigfaltige Unterstützung von Freunden, Gelehrten, Fürsten und auch Künstlern nie seine historisch relevante Strahlkraft erreicht hätte.

Bild: Georg Spalatin von Lucas Cranach I.

Bild: Georg Spalatin von Lucas Cranach I.

„Wenn ich nicht gewesen wäre, nimmer wäre es mit Luthero und seiner Lehr so weit kommen“. Ist dieser Ausspruch wortgewordene Selbstüberschätzung oder Ausdruck eines gesunden Selbstbewusstseins von Georg Spalatin? Vorweggenommen werden kann, dass Spalatin ein vielfältig begabter Mann war: Humanist, Theologe, Historiker, Reformator, Geheimsekretär, Beichtvater und politischer Berater. Geboren am 17. Januar 1484, studiert er von 1498 bis 1508 in Erfurt und Wittenberg – was ihn humanistisch prägt und seine Begeisterung für Geschichte wie auch für das Altgriechische und Hebräische weckt.

Im Jahr 1508 erhält er nicht nur seine Priesterweihe, sondern wird auch von Kurfürst Friedrich III. als Erzieher des Kronprinzen nach Wittenberg gerufen. Offenbar kommt er am Hofe in den relevanten Kreisen gut an, denn in den folgenden Jahren wird sein Aufgabenbereich durch weitere Würden und Pflichten erweitert. So beginnt für Spalatin ein Weg, der sich stets zwischen politischen und theologisch-reformatorischen Polen bewegt.

Spalatin hat gut zu tun: nicht nur wurde er zum Verwalter der Universitätsbibliothek im Wittenberger Schloss – eine Tätigkeit, die er bis an sein Lebensende mit viel bibliophilen Eifer betrieben hat – sondern auch Hofkaplan, geistlicher Berater des Kurfürsten und Geheimsekretär. Nebenbei – im Sinne von: neben all den anderen offiziellen Dingen, die man so am Hofe zu tun hatte, wenn man wichtig war – verdeutscht er lateinische Texte für den Hof, darunter Werke von Erasmus, den Kirchenvätern, Humanisten und später auch von Luther und Melanchthon.

Dass er zusätzlich auch noch Zeit findet, an einer umfassenden sächsischen Chronik zu arbeiten, Biographien unter anderem von Friedrich dem Weisen und Johann dem Beständigen zu verfassen und eine Geschichte der Päpste und Kaiser seiner Zeit anzufertigen und herauszugeben, erweckt den beneidenswerten Eindruck, dieser Mann hätte weder Schlaf noch Müßiggang nötig gehabt.

Es ist unvermeidlich, dass er im überschaubaren Wittenberg auf Martin Luther trifft – woraus sowohl intensiver geistiger Austausch, als auch Freundschaft erwachsen, belegbar ab dem Jahr 1514. So wie beispielsweise Melanchthon oder Bugenhagen nimmt ebenso Spalatin in der Runde um Luther die Rolle eines Gelehrten ein, dessen humanistisches, philologisches und theologisches Wissen zu wertvollen Beiträgen im Verlauf der Reformation führt.

Aber neben all den geistigen Gaben eines klugen und diplomatischen Denkers zeichnen ihn die herausragende Stellung am Hofe und das vertrauensvolle Verhältnis zum Kurfürsten aus. Ab 1517 wird er zum Vermittler zwischen Reformator und Kurfürst: einerseits gewinnt er Friedrich den Weisen für Luther und sein Anliegen, andererseits bewegt er aus politischen Gründen den derben Luther immer wieder dazu, seine harsche Polemik zu zügeln. Politisch ebnet er in Wittenberg den Weg für die Reformation. Darüber hinaus regt er manch eine Schrift Luthers an oder bringt Impulse und Gedanken ein, initiiert die Drucklegung einiger Werke und übersetzt auch lateinische reformatorische Schriften, damit sie ein größeres Publikum erreichen können.

1521 veranlasst Spalatin im Zuge des Reichstages zu Worms, dass Luther auf die Wartburg entführt wird und war dann der einzige Mittler zwischen Außenwelt und Reformator. Durch seine Hände geht der gesamte Briefverkehr – was Luther verständlicherweise nicht immer begrüßt. Auch sämtliche Hilfsmittel und Materialen für Luthers Übersetzungsarbeit an der Bibel werden von ihm beschaffen. Er selbst bricht 1523 mit der römischen Kirche und kann durch seine Aufgabe als Hofprediger in dieser Zeit auch dazu beitragen, dass der Hof Anteil an der lutherischen Predigt hat.

Ab 1525 wird er Ortspfarrer und später Superintendent von Altenburg, und dennoch bleiben der rege Austausch zum Reformatorenkreis und die Bindung zum Wittenberger Hof erhalten. Spalatins Bedeutung erhöht sich in den Folgenjahren sogar, denn bei sämtlichen relevanten politischen Verhandlungen oder Treffen ist er involviert. Zu den Reichstagen begleitet er den Kurfürsten – auch 1530, wo er an der Ausarbeitung der Confessio Augustana und der Apologie beteiligt ist – oder setzte sich unter anderem als Teilnehmer bei den Tagungen des Schmalkaldischen Bundes für Luthers Reformation ein.

1539 scheidet er auf eigenem Wunsch aus dem Dienst für den Hofe aus und widmet sich ganz den Pfarrtätigkeiten in Altenburg, die er bis zu seinem Tod am 16. Januar 1545 ausübt, und beendet das ein oder andere literarische oder historische Projekt, das er einst begonnen hat.

Im Rahmen der organisatorischen Weiterentwicklung und Konstitutionalisierung der Reformation nimmt er eine bedeutende Rolle ein: denn er hatte jahrelange Erfahrungen in politischen Dingen und in Verwaltungsarbeiten gesammelt, besaß umfassende Rechtskenntnisse und bekannte sich zur reformatorischen Sache, die er nicht nur theologisch, sondern auch praktisch umzusetzen wusste.

„Wenn ich nicht gewesen wäre, nimmer wäre es mit Luthero und seiner Lehr so weit kommen“. Spalatin scheint sich und sein Mitwirken in der Reformation selbst ganz passend einzuschätzen. Nicht umsonst wird er auch als „Steuermann der Reformation“ bezeichnet und verstanden. Denn ohne den umsichtigen Mittler zwischen politischer und theologischer Welt wäre es mit Luther und seiner Sache sicherlich anders ausgegangen: vermutlich wäre kurz nach dem Thesenanschlag alles vorbei gewesen – kein entgegenkommender Kurfürst, der Luther schützt; keine breite Sympathisantenschicht in Wittenberg; keine Reformation wie wir sie heute kennen.

Das Sonnensystem-Bild mit Luther als Zentrum hinkt offenbar, denn anders als Trabanten oder Planeten, die sich lediglich in einer Umlaufbahn befinden, ohne dass Kontakt jemals möglich ist, treffen hier gelehrte Geister immer wieder aufeinander, beeinflussen und ergänzen sich gegenseitig. Heute können wir auf die Kirchengeschichte blicken und sehen: „Luther und wie er ohne seine sidekicks nicht ansatzweise so weit gekommen wäre, wie er gekommen ist“.

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