Gelesen – „Wölfe“ und „Falken“ von Hilary Mantel

Historische Romane gibt es wie Sand am Meer. Ein Großteil von ihnen ist Unterhaltungsliteratur, die Qualitätsunterschiede zum Teil recht groß. Es gibt solche, die beispielsweise nur ein mittelalterliches Setting haben, um es eben zu haben, da die Handlung auch zu jeder anderen Zeit spielen könnte – man denke beispielsweise an die Werke von Iny Lorentz, die sich letztlich nur durch den historischen Rahmen von Rosamunde Pilcher unterscheiden.

Dann findet man auch immer wieder Bücher, die sich der akkuraten Wiedergabe historischer Ereignisse verschrieben haben – aber leider so trocken und langweilig sind, dass man stattdessen auch gleich in den Hauschild schauen kann: zum Beispiel „Wir sind das Salz von Florenz“ von T. Röhrig, das in Florenz zur spannenden Zeit der Medici und des Bußpredigers Savonarola spielt, entwickelt sich mehr und mehr zu einer langatmigen Geschichtsstunde, in der der Autor fleißig und redundant sein angelesenes Wissen wiedergibt und mit einer Handvoll Plattitüden mischt – dann ist es ergiebiger und aufschlussreicher, sich selbst mit den Quellen zu befassen.

Und dann gibt es die Bücher, die zwar ein paar historische Fakten einstreuen, sie aber zugunsten der Handlung hier und da verbiegen, vernachlässigen oder ignorieren – besonders auffällig oft da, wo man unbedingt ein möglichst schreckliches und negatives Bild der Kirche entwickeln will, um den sehr modern denkenden Protagonisten als positiv davor erstrahlen zu lassen.
Hier scheinen besonders Romane anfällig zu sein, in denen ausgewählte Künstler oder sogenannte starke oder besonders begabte Frauen die Hauptrolle spielen. Ruhmreiches Beispiel dafür, wie die Interpretation kirchenhistorischer Fakten grandios scheitern kann, findet man jüngst in Waltraud Lewins Luther-Roman „Feuer“, der nicht nur erschreckend schlecht recherchiert ist und grobe Ungenauigkeiten enthält, sondern auch voller Klischees an den Reformator, sein Umfeld und sein Denken herantritt und ein peinliches Zerrbild der Reformation entwirft.

Umberto Eco und Ken Follett zeigen aber, dass es auch Werke gibt, die zwar einen historischen Stoff verarbeiten, dabei aber sprachlich oder erzählerisch so kunstvoll angelegt sind, dass nicht nur vergangene Zeiten beim Lesen lebendig, sondern auch unaufdringlich Fakten und Wissen vermittelt werden.
Zu letzteren gehört auch die Tudor-Trilogie von Hilary Mantel, aus der bereits der erste Band „Wölfe“ und der zweite Band „Falken“ erschienen sind. Mantel erzählt aus der Sicht von Thomas Cromwell über die Ereignisse in England unter der Herrschaft von Heinrich VIII.

Auf dem europäischen Kontinent spielt sich der erste Akt der Reformation ab, im englischen Königreich fürchtet man unter anderem einen Bürgerkrieg, falls der König nicht endlich den langerwarteten männlichen Thronerben zeugt. Historisch korrekt und erzählerisch grandios zeigt Mantel die Welt des englischen Hofes, lässt große Gestalten wie Kardinal Wolsey, Anne Boleyn, Thomas Morus und freilich Heinrich VIII. und seine Ehefrauen auftreten, zeigt aber auch Leben, Nöte und Sorgen des sogenannten kleinen Mannes. Die Geschicke einzelner Personen sind verbunden mit der Aufbruchsstimmung und geistigen neuen Horizonten, mit dem Voranschreiten der Menschheitsgeschichte im 16. Jahrhundert.

Im Vordergrund steht das Leben Thomas Cromwells, sein Weg vom Sohn eines Schmieds zum politischen Schwergewicht unter anderem als Sekretär des Königs. Intrigen im großen und kleinen Rahmen, Einschüchterung, Interessenverfolgung, politische und religiöse Positionen, Diplomatie und immer wieder die Frage nach Machtgewinn und –Sicherung spielen auf dem höfischen Parkett die größte Rolle – durch Cromwells Sicht taucht der Leser ein in eine Welt, die faszinierend und abschreckend zugleich ist, gerade weil sie unserer heutigen gar nicht so unähnlich ist. Mantel erzählt aber auch vom Privatmann Cromwell und zeigt so, welche Werte und Lebensvorstellungen hinter der professionellen Fassade des Politikers sein privates Dasein und seinen Charakter ausmachen.

Der Roman ist in einer modernen Sprache gehalten, ohne dass das der Stimmung der Vergangenheit Abbruch tut. Durchweg im Präsens und aus der Perspektive Thomas Cromwells geschrieben, entfaltet Mantel einen ansprechenden Erzählstil, der fesselnd, klug und spannend ist. Sie entwickelt eindrucksvoll die Persönlichkeiten der Figuren und charakterisiert diese ohne in ein Schubladendenken zu verfallen. Das ist besonders erfrischend da, wo sie althergebrachten Bildern von Personen einen neuen Anstrich verpasst – beispielsweise die Beurteilung von Vielschichtigkeit der Handlungsmotivationen von Henry VIII. in Bezug auf seine Frauenauswahl und Eheproblematik.

Mantel hat ihre Hausaufgaben gemacht: den Büchern geht eine mehr als fünf Jahre dauernde Recherche- und Quellenarbeit voraus, die so umfassend ist, dass aufgrund ihrer Werke die Cromwell-Forschung im englischsprachigen Raum neue Impulse und Forschungsansätze verfolgt. Die Quellenarbeit und historischen Fakten sind zwar stets präsent, wirken aber unaufdringlich wie ein gelungenes Hintergrundbild, auf dem die Figuren ihre Handlungen entfalten – dabei ist Mantel der Geschichte treu und fühlt sich ihr verpflichtet, sodass zwar eine Nuancierung und Interpretation von Absichten oder Motiven geschieht, aber ohne an den belegbaren Vorkommnissen zu rütteln.


9593_WOELFE_CMYK-300Wölfe
Hilary Mantel (Christiane Trabant, Übersetzung)
Dumont Buchverlag
12 € (Taschenbuch)
Link zur Verlagshomepage

9698_Mantel_Falken_CMYK-300Falken
Hilary Mantel (Werner Löcher-Lawrence, Übersetzung)
Dumont Buchverlag
9,99 € (Taschenbuch)
Link zur Verlagshomepage


Beide Bücher sind unter anderem mit dem britischen Booker-Prize ausgezeichnet worden. „Wölfe“ und „Falken“ wurden von der BBC als sechsteilige Serie verfilmt und im Januar/Februar 2015 gesendet. Am 21. und 28. Januar 2016 wird Arte die Serie ab 20:15 Uhr ausstrahlen, jeweils drei Folgen am Stück.

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